08.02.2012 | Politik & Transparenz

DOSSIER: Privatsphäre als politische Fiktion?

Die Verteidigung des Privaten. So nannte Wolfgang Sofsky vor einigen Jahre eine Streitschrift. Überall sah der Soziologe die Verwüstungen einer omnipräsenten Gedanken- und Gefühlskontrolle. Unter dem Eindruck ausgeweiteter staatlicher Kontrollansprüche, die unter anderem mit terroristischen Bedrohungen begründet wurden, sah Sofsky alle Bürger zu „gläsernen Untertanen“ werden. Keine fünf Jahre später prägt die Diskussion um persönliche Transparenz und individuellen Datenschutz zahlreiche Debatten in Politik und Medien. Doch die Perspektiven haben sich verschoben. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Digitalisierung geraten soziale Normen, wie der Grenzverlauf zwischen Öffentlichem und Privatem, in Bewegungen. Hier finden Sie nun die drei Debattenbeiträge des aktuellen Dossiers Post-Privacy? im Überblick.

Eine hoch aktive Strömung junger Netznutzer bekennt sich 2012 aktiv zur sogenannten Post-Privacy-Bewegung. Größtmögliche Offenheit mit eigenen Daten wird propagiert. Auch der kontrovers diskutierte Fall Wulff ist aktuell nur das prominenteste unter vielen Beispielen, die die Frage aufwerfen, was ist Privatsache und wo besteht das Gebot der Transparenz? Vor allem in Zeiten der massenhaften persönlichen Datenproduktion und der Möglichkeit, das eigene Privatleben mit wenigen Klicks vor der Weltöffentlichkeit auszubreiten.

Christian Heller, Autor des bei C.H. Beck erschienen Buchs „Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“ erklärt in seinem Debattenbeitrag „Zerstört die Digitalisierung die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem?“, warum die angenomme Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem schon immer eine politische Fiktion war.

Thomas Hoeren, Professor am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster stellt rechtliche Überlegungen zur Veränderung von privatem und öffentlichem Raum in Zeiten der Digitalisierung an. Und wagt unter dem Titel My Friends from Dimitrovgrad einen Selbstversuch. Denn anders scheint der immer unschärfer werdende Grenzverlauf zwischen Öffentlichem und Privatem nicht mehr erforschbar. Das Private, über viele Jahrzehnte Schutzraum des Bürgers vor Übergriffen des Staates, wird spätestens mit Beginn des Erfolgs sozialer Onlinenetzwerke zum Gegenstand öffentlicher Unterhaltungen und gleichzeitig zur Ware der Datenhändler, die die Netzwerke betreiben.

Schließlich wird dieses erste Dossier durch ein Radioportrait der Politikerin Marina Weisband von der Piratenpartei komplettiert. Sie sieht sich selbst als Politikerin neuen Typs. Transparenz hat aus ihrer Sicht nichts mit Exhibitionismus zu tun, eine Unterscheidung zwischen Person und Funktion wäre aus ihrer Sicht eine unzeitgemäße und künstliche Trennung.

 

 

Und hier noch einige weitere Beiträge aus den Deutschlandradio-Programmen Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen:

Social Web – Ende der Privatsphäre 

Eine Studiozeit aus Kultur und Sozialwissenschaften im Deutschlandfunk zu den Forschungsprojekten “Sozialisation im Social web” und “Internet Privacy” von Ingeborg Breuer

Psychologie in Zeiten der Post-Privacy

Eine Breitband-Ausgabe im Deutschlandradio Kultur

Die Welt ist nackt

Eine Zeitfragen-Ausgabe von Michael Meyer im Deutschlandradio Kultur

Prima leben ohne Privatsphäre

Interview mit Diskurs-Autor Christian Heller im Deutschlandfunk Kulturmagazin Corso

Spackeria ist kein Pizzaservice

Ein DRadio Wissen NETZ.REPORTER zur datenschutzkritischen Initiative Spackeria

Die Daten der anderen 

DRadio Wissen Gespräche zum Thema Datenschutz