09.02.2012 | Transparenz

Zerstört die Digitalisierung die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem?

Christian Heller, Blogger und Autor des bei C.H. Beck erschienen Buchs “Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“, erklärt in seinem Debattenbeitrag, warum die angenommene Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem schon immer eine politische Fiktion war. Im Netz ist Christian Heller unter plomlompom.de erreichbar, auf Twitter unter @plomlompom

 

Zerstört die Digitalisierung die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem? von Christian Heller

Digitalisierung, das heißt: Wir lösen unsere Welt auf in Einsen und Nullen, in Bits und Bytes. Früher haben wir unsere Welt, unser Denken, unsere Erfahrungen aufgelöst in Höhlenmalereien, beschriebenen Papyrus-Rollen, bedrucktem Zeitungspapier. Der Eintritt jedes dieser Medien brachte mit sich eine Revolution der Weltanschauungen, politischen Systemen und Lebensweisen. Die Digitalisierung kündigt dasselbe an. Dabei geraten bisherige Ordnungen zwangsläufig ins Wanken – zum Beispiel die Grenze zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten.

Vergegenwärtigen wir uns die Macht der Digitalisierung. Sie bastardisiert alle bisherigen Formen: Alles lässt sich in digitale Daten verwandeln: Bild, Zahl, Text, Klang, Film. Das heißt: alle Formen, die wir je benutzt haben, um unsere Umwelt zu beschreiben. Das heißt: alles, was wir überhaupt erfassen können. Es gibt keinen Bereich unseres Lebens, der nicht in Einsen und Nullen passt. Frühere Medien waren da sehr viel wählerischer.

Überflutung des öffentlichen Medienraums mit Material

Zugleich erweisen sich die digitalen Varianten des Knipsens, Filmens, Schreibens, Protokollierens gegenüber ihren Vorgängern als billiger, hürdenfreier, zugänglicher für jedermann. Schon verdrängt das millionenfache digitale Amateur-Foto die ausgewählte Arbeit des Meisterfotografen, schon landen Handy-Videos auf YouTube, noch bevor die Kameras von CNN vor Ort sind. Die Digitalisierung demokratisiert die Massenmedien, öffnet sie dem Input durch Millionen Amateure.

Das heißt auch: Überflutung des öffentlichen Medienraums mit Material, das früher als zu trivial abgelehnt worden wäre: „Privates“ im Sinne von Haustier- und Baby-Videos; kreative Übungen von Schulkindern; Meinungen und „rants“ aus der Ebene des Stammtischs, statt der des zertifizierten Experten. Folge der Demokratisierung der Medien: Jeder digitalisiert, bloggt und lädt hoch, was ihn selbst interessiert, ohne Rücksicht auf „guten Geschmack“, das Urteil der Institutionen, die Einschaltquoten, das nationale Interesse – oder den Nachbarn.

Daten-Hygiene

Die Daten-Maschinen selbst interessiert nicht, was die Daten bezeichnen, die durch sie hindurch gejagt werden. Ihr hohes Können, das Speichern, Kopieren, Transformieren, Vergleichen, Multiplizieren, Dividieren, wenden sie bei Verlangen auf Daten jeder Art an, ob nun bei militärischen Ziel-Koordinaten oder Fotos von Bauchnabel-Flusen. Für die Maschine gerinnt jeder Stoff zu den gleichen Einsen und Nullen, stur abzuarbeiten, blind gegenüber ihrer möglichen Bedeutung. Wer eine solche Universal-Maschine, einen solchen „Computer“, in die Hand bekommt, kann mit ihr Inhalte jeder Art lagern, verarbeiten, analysieren, verbreiten.

Gelegentlich gibt es Versuche zu einer Ethik der Daten-Hygiene: Die schöpferische Kraft der Computer soll nur für bestimmte Daten, oder für bestimmte Daten nur in bestimmter Weise freigegeben werden; andere Daten seien als „sensibel“ raus zu halten. Datenschützer fordern Sparsamkeit und Vorsicht in der Verarbeitung „personen-bezogener“ Daten; der Chaos Computer Club pflegt das Credo: „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.“ Dabei liegt die revolutionäre Kraft des Computers gerade darin, als Universal-Maschine sorgenfrei jede beliebige Abfolge von Einsen und Nullen zu verarbeiten; erst hierin transzendiert er die Engen, Vorauswahlen, Vorurteile des menschlichen Denkens. Ob eine Abfolge von Einsen und Nullen personenbezogen, öffentlich oder privat sei, das sind menschliche Interpretationen, die der Maschine an sich fremd sind.

Soweit wir die Computer als unsere Sklaven betrachten, als bloße Organe und Fortsetzungen unseres Willens und Denkens, ohne Eigendynamik, können wir sie freilich anweisen, unserer Daten-Hygiene zu folgen. Wir sind es, die sie programmieren, die ihnen Kriterien festlegen, nach denen sie Einsen und Nullen speichern, überschreiben, multiplizieren oder dividieren. Doch in diesem „Wir“ liegt auch die Krise jedes einheitlichen Groß-Plans der Daten-Hygiene: Dieses „Wir“, das die Maschinen besitzt, programmiert, befragt, das umfasst Millionen von Menschen, die höchst unterschiedliche Vorstellungen davon haben können, womit die Computer gefüttert werden, welches Rechnen ihnen erlaubt oder verboten sein sollte; was diese „öffentlichen“ Daten, die es zu nützen, und diese „privaten“ Daten sind, die es zu schützen gilt.

Politik des Öffentlichen und des Privaten

Was als öffentlich gilt und was als privat, war schon immer eine politische Frage: Was geht uns alle an, und was nur den Einzelnen? Was wird dem öffentlichen, demokratischen, vielleicht auch: populistischen Urteil unterworfen, und was darf, muss sich vielleicht sogar davor verstecken? Was ist schicklich fürs öffentliche Gespräch – und damit politisch verhandelbar –, und was wird nur als Hinter- oder Schlafzimmer-Thema geduldet?

Das Öffentliche und das Private sind gesellschaftlich immer wieder neu ausgehandelte Begriffe, keine natürlichen Konstanten. Wo, und ob überhaupt, ihre Grenzen gezogen werden, unterscheidet sich zwischen Epochen und Kulturen, Milieus und Individuen, zum Teil radikal. Politische Kämpfe wurden geführt, um die Grenzsteine zwischen dem Öffentlichen und Privaten mal hier, mal dort in die eine oder andere Richtung zu verschieben: Das liberale Bürgertum etwa versuchte, den Raum des Privaten in den Bereichen Eigentum und Familie zu maximieren, gegen König oder Staat oder Massengesellschaft; die Frauenbewegung dagegen drängte unterm Slogan „Das Private ist politisch“ das ins Private tabuisierte in den Politik-Raum des Öffentlichen.

Die Grenzen des Öffentlichen und Privaten

Wenn sich die Grenzziehungen konsolidierten, bildeten sie politische Machtverhältnisse ab: Der totalitäre Staat gewährte dem Einzelnen nur ein Minimum an selbstbestimmt geschütztem Eigenraum des Privaten, indem er so ziemlich alles zur öffentlichen, also gemeinschaftlichen Sache erklärt. Im klassischen Liberalismus dagegen schützte das Recht auf Privates vor allem Eigentum und Reproduktion der Bourgeoisie, während die Privatsphäre des Proletariers sich auf einen Quadratmeter in einer Mietskaserne beschränkte und die Freiheit, in seiner Ecke elend zu verhungern droht. Formal, fürs Auge öffentlicher Institutionen wie dem Recht sind hier alle Menschen gleich; die markanten Unterschiede in persönlichen Chancen, Wohlstand, Machtpositionen sind unter dem Deckmantel der „Privatsache“ begraben.

Wie die Grenzen des Öffentlichen und Privaten gezogen werden, entscheiden traditionell die Sieger der sozialen Kämpfe. Die Eliten, die einflussreichsten Lobby-Gruppen, die Mächtigen formen die Gesetze und den Presse-Kodex, also: was öffentlich kontrolliert wird und was nicht, und was berichtet wird und was nicht. Dabei neigen sie dazu, ihre eigenen Privilegien zu schützen, ihre empfindlichsten Stellen dem Auge der Massen zu entziehen und paternalistisch festzulegen, was diese zu interessieren hat und was nicht. Selbst, wo die politische Elite vom Volk und die publizistische Elite vom Markt gewählt wird, bleibt ihr auf diese Weise eine bedeutsame Definitionsmacht, was politisch verhandelt und was redaktionell gedruckt wird. Klientelpolitik, Hofberichterstattung und Stillhalte-Abkommen sind auch in der repräsentativen Demokratie keine Fremdwörter.

Wo nur noch die Transparenz bleibt

Doch welche Plaudereien, Schnappschüsse, Wahrnehmungen die Schwelle ins Öffentliche überschreiten, das entscheidet dank der Digitalisierung nicht mehr die journalistisch-politische Elite – das entscheidet heute jeder. Zumindest in eine Richtung: nämlich die der Publikation. Aufgeplatzt sind die Flaschenhälse, die Prüfgitter, die Zensur-Proben, durch die jede Information muss, um ein öffentliches Forum zu erhalten. Rein ins Netz kommt alles, was auch nur irgendjemand für hinreichend wichtig, interessant, lustig oder herzerwärmend hält. Der Druck, der Dinge in die öffentliche Sichtbarkeit und Diskussion treibt, wird massiv demokratisiert.

Dieser Druck wirkt wohlgemerkt nur in eine Richtung: Es ist leicht, Daten ins Netz hinein zu bekommen. Es ist jedoch schwer, sie wieder hinaus zu jagen. Zwar vergisst das Netz durchaus manchmal – und zwar Informationen, die niemanden interessieren. Das gezielte Entfernen aber von Informationen aus dem Netz fällt schwer, gerade dann, wenn sie sensibel sind – denn dann sind sie auch begehrt. Und was begehrt ist, das breitet sich wie ein Lauffeuer aus in diesem großen Gewebe aus Maschinen zum Einholen, Kopieren, Vervielfältigen von Informationen. Ein Einzelner genügt, um eine Information in diesen Kreislauf einzuspeisen. Es bräuchte allerdings die Kontrolle des gesamten Kreislaufs, also auch aller Kopierer und Weiterverbreiter, um diese Einspeisung willentlich rückgängig zu machen; und eine so weitreichende Kontrolle erscheint heute selbst den Eliten unmöglich.

Man kann die Nase rümpfen

So gerät das Netz zum Todfeind aller Geheimnisse, planmäßiger Intransparenzen, Zensuren. WikiLeaks ist dafür ein beliebtes Beispiel; öffentlichkeitswirksam aufgezogen wurde der Vorhang aber schon 1998, als die Website „Drudge Report“ eine vom angesehenen Print-Magazin „Newsweek“ abgelehnte Story in die Welt blies, die sich kurz darauf zum „Lewinsky-Skandal“ entwickeln sollte. Man kann die Nase rümpfen über Sex-Skandale, aber derselbe Mechanismus bringt inzwischen auch regelmäßig Fragwürdigkeiten finanzieller, militärischer und diplomatischer Natur ins öffentliche Forum, deren politische Relevanz weitaus deutlicher ist.

Unter einem solchen Druck wird umfassende Transparenz zum neuen Normalzustand, dem zwar nicht alle zuarbeiten, mit dem aber alle rechnen müssen. Das bringt sicherlich Probleme und Gefahren mit sich. Aber es deckt auch Verstrickungen, Abhängigkeiten und Privilegien diversester Art auf, die von eindeutig politischer Bedeutung sind. Wer wie viel Vermögen besitzt, wer von wem persönlich abhängig ist, wer wen erpressen kann – all das bildet Machtverhältnisse ab, ganz unabhängig davon, ob es traditionell unter Begriffe des Öffentlichen oder Privaten fällt. Und die Abbildung und Diskussion solcher Machtverhältnisse geht letztlich alle an, die sich von diesen Machtverhältnissen betroffen fühlen.

Foto: Explorer Björn unter CC auf Flickr