Zerstört die Digitalisierung die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem?
Christian Heller, Blogger und Autor des bei C.H. Beck erschienen Buchs “Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“, erklärt in seinem Debattenbeitrag, warum die angenommene Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem schon immer eine politische Fiktion war. Im Netz ist Christian Heller unter plomlompom.de erreichbar, auf Twitter unter @plomlompom.
Zerstört die Digitalisierung die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem? von Christian Heller
Digitalisierung, das heißt: Wir lösen unsere Welt auf in Einsen und Nullen, in Bits und Bytes. Früher haben wir unsere Welt, unser Denken, unsere Erfahrungen aufgelöst in Höhlenmalereien, beschriebenen Papyrus-Rollen, bedrucktem Zeitungspapier. Der Eintritt jedes dieser Medien brachte mit sich eine Revolution der Weltanschauungen, politischen Systemen und Lebensweisen. Die Digitalisierung kündigt dasselbe an. Dabei geraten bisherige Ordnungen zwangsläufig ins Wanken – zum Beispiel die Grenze zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten.
Vergegenwärtigen wir uns die Macht der Digitalisierung. Sie bastardisiert alle bisherigen Formen: Alles lässt sich in digitale Daten verwandeln: Bild, Zahl, Text, Klang, Film. Das heißt: alle Formen, die wir je benutzt haben, um unsere Umwelt zu beschreiben. Das heißt: alles, was wir überhaupt erfassen können. Es gibt keinen Bereich unseres Lebens, der nicht in Einsen und Nullen passt. Frühere Medien waren da sehr viel wählerischer.
Überflutung des öffentlichen Medienraums mit Material
Zugleich erweisen sich die digitalen Varianten des Knipsens, Filmens, Schreibens, Protokollierens gegenüber ihren Vorgängern als billiger, hürdenfreier, zugänglicher für jedermann. Schon verdrängt das millionenfache digitale Amateur-Foto die ausgewählte Arbeit des Meisterfotografen, schon landen Handy-Videos auf YouTube, noch bevor die Kameras von CNN vor Ort sind. Die Digitalisierung demokratisiert die Massenmedien, öffnet sie dem Input durch Millionen Amateure.
Das heißt auch: Überflutung des öffentlichen Medienraums mit Material, das früher als zu trivial abgelehnt worden wäre: „Privates“ im Sinne von Haustier- und Baby-Videos; kreative Übungen von Schulkindern; Meinungen und „rants“ aus der Ebene des Stammtischs, statt der des zertifizierten Experten. Folge der Demokratisierung der Medien: Jeder digitalisiert, bloggt und lädt hoch, was ihn selbst interessiert, ohne Rücksicht auf „guten Geschmack“, das Urteil der Institutionen, die Einschaltquoten, das nationale Interesse – oder den Nachbarn.
Daten-Hygiene
Die Daten-Maschinen selbst interessiert nicht, was die Daten bezeichnen, die durch sie hindurch gejagt werden. Ihr hohes Können, das Speichern, Kopieren, Transformieren, Vergleichen, Multiplizieren, Dividieren, wenden sie bei Verlangen auf Daten jeder Art an, ob nun bei militärischen Ziel-Koordinaten oder Fotos von Bauchnabel-Flusen. Für die Maschine gerinnt jeder Stoff zu den gleichen Einsen und Nullen, stur abzuarbeiten, blind gegenüber ihrer möglichen Bedeutung. Wer eine solche Universal-Maschine, einen solchen „Computer“, in die Hand bekommt, kann mit ihr Inhalte jeder Art lagern, verarbeiten, analysieren, verbreiten.
Gelegentlich gibt es Versuche zu einer Ethik der Daten-Hygiene: Die schöpferische Kraft der Computer soll nur für bestimmte Daten, oder für bestimmte Daten nur in bestimmter Weise freigegeben werden; andere Daten seien als „sensibel“ raus zu halten. Datenschützer fordern Sparsamkeit und Vorsicht in der Verarbeitung „personen-bezogener“ Daten; der Chaos Computer Club pflegt das Credo: „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.“ Dabei liegt die revolutionäre Kraft des Computers gerade darin, als Universal-Maschine sorgenfrei jede beliebige Abfolge von Einsen und Nullen zu verarbeiten; erst hierin transzendiert er die Engen, Vorauswahlen, Vorurteile des menschlichen Denkens. Ob eine Abfolge von Einsen und Nullen personenbezogen, öffentlich oder privat sei, das sind menschliche Interpretationen, die der Maschine an sich fremd sind.
Soweit wir die Computer als unsere Sklaven betrachten, als bloße Organe und Fortsetzungen unseres Willens und Denkens, ohne Eigendynamik, können wir sie freilich anweisen, unserer Daten-Hygiene zu folgen. Wir sind es, die sie programmieren, die ihnen Kriterien festlegen, nach denen sie Einsen und Nullen speichern, überschreiben, multiplizieren oder dividieren. Doch in diesem „Wir“ liegt auch die Krise jedes einheitlichen Groß-Plans der Daten-Hygiene: Dieses „Wir“, das die Maschinen besitzt, programmiert, befragt, das umfasst Millionen von Menschen, die höchst unterschiedliche Vorstellungen davon haben können, womit die Computer gefüttert werden, welches Rechnen ihnen erlaubt oder verboten sein sollte; was diese „öffentlichen“ Daten, die es zu nützen, und diese „privaten“ Daten sind, die es zu schützen gilt.
Politik des Öffentlichen und des Privaten
Was als öffentlich gilt und was als privat, war schon immer eine politische Frage: Was geht uns alle an, und was nur den Einzelnen? Was wird dem öffentlichen, demokratischen, vielleicht auch: populistischen Urteil unterworfen, und was darf, muss sich vielleicht sogar davor verstecken? Was ist schicklich fürs öffentliche Gespräch – und damit politisch verhandelbar –, und was wird nur als Hinter- oder Schlafzimmer-Thema geduldet?
Das Öffentliche und das Private sind gesellschaftlich immer wieder neu ausgehandelte Begriffe, keine natürlichen Konstanten. Wo, und ob überhaupt, ihre Grenzen gezogen werden, unterscheidet sich zwischen Epochen und Kulturen, Milieus und Individuen, zum Teil radikal. Politische Kämpfe wurden geführt, um die Grenzsteine zwischen dem Öffentlichen und Privaten mal hier, mal dort in die eine oder andere Richtung zu verschieben: Das liberale Bürgertum etwa versuchte, den Raum des Privaten in den Bereichen Eigentum und Familie zu maximieren, gegen König oder Staat oder Massengesellschaft; die Frauenbewegung dagegen drängte unterm Slogan „Das Private ist politisch“ das ins Private tabuisierte in den Politik-Raum des Öffentlichen.
Die Grenzen des Öffentlichen und Privaten
Wenn sich die Grenzziehungen konsolidierten, bildeten sie politische Machtverhältnisse ab: Der totalitäre Staat gewährte dem Einzelnen nur ein Minimum an selbstbestimmt geschütztem Eigenraum des Privaten, indem er so ziemlich alles zur öffentlichen, also gemeinschaftlichen Sache erklärt. Im klassischen Liberalismus dagegen schützte das Recht auf Privates vor allem Eigentum und Reproduktion der Bourgeoisie, während die Privatsphäre des Proletariers sich auf einen Quadratmeter in einer Mietskaserne beschränkte und die Freiheit, in seiner Ecke elend zu verhungern droht. Formal, fürs Auge öffentlicher Institutionen wie dem Recht sind hier alle Menschen gleich; die markanten Unterschiede in persönlichen Chancen, Wohlstand, Machtpositionen sind unter dem Deckmantel der „Privatsache“ begraben.
Wie die Grenzen des Öffentlichen und Privaten gezogen werden, entscheiden traditionell die Sieger der sozialen Kämpfe. Die Eliten, die einflussreichsten Lobby-Gruppen, die Mächtigen formen die Gesetze und den Presse-Kodex, also: was öffentlich kontrolliert wird und was nicht, und was berichtet wird und was nicht. Dabei neigen sie dazu, ihre eigenen Privilegien zu schützen, ihre empfindlichsten Stellen dem Auge der Massen zu entziehen und paternalistisch festzulegen, was diese zu interessieren hat und was nicht. Selbst, wo die politische Elite vom Volk und die publizistische Elite vom Markt gewählt wird, bleibt ihr auf diese Weise eine bedeutsame Definitionsmacht, was politisch verhandelt und was redaktionell gedruckt wird. Klientelpolitik, Hofberichterstattung und Stillhalte-Abkommen sind auch in der repräsentativen Demokratie keine Fremdwörter.
Wo nur noch die Transparenz bleibt
Doch welche Plaudereien, Schnappschüsse, Wahrnehmungen die Schwelle ins Öffentliche überschreiten, das entscheidet dank der Digitalisierung nicht mehr die journalistisch-politische Elite – das entscheidet heute jeder. Zumindest in eine Richtung: nämlich die der Publikation. Aufgeplatzt sind die Flaschenhälse, die Prüfgitter, die Zensur-Proben, durch die jede Information muss, um ein öffentliches Forum zu erhalten. Rein ins Netz kommt alles, was auch nur irgendjemand für hinreichend wichtig, interessant, lustig oder herzerwärmend hält. Der Druck, der Dinge in die öffentliche Sichtbarkeit und Diskussion treibt, wird massiv demokratisiert.
Dieser Druck wirkt wohlgemerkt nur in eine Richtung: Es ist leicht, Daten ins Netz hinein zu bekommen. Es ist jedoch schwer, sie wieder hinaus zu jagen. Zwar vergisst das Netz durchaus manchmal – und zwar Informationen, die niemanden interessieren. Das gezielte Entfernen aber von Informationen aus dem Netz fällt schwer, gerade dann, wenn sie sensibel sind – denn dann sind sie auch begehrt. Und was begehrt ist, das breitet sich wie ein Lauffeuer aus in diesem großen Gewebe aus Maschinen zum Einholen, Kopieren, Vervielfältigen von Informationen. Ein Einzelner genügt, um eine Information in diesen Kreislauf einzuspeisen. Es bräuchte allerdings die Kontrolle des gesamten Kreislaufs, also auch aller Kopierer und Weiterverbreiter, um diese Einspeisung willentlich rückgängig zu machen; und eine so weitreichende Kontrolle erscheint heute selbst den Eliten unmöglich.
Man kann die Nase rümpfen
So gerät das Netz zum Todfeind aller Geheimnisse, planmäßiger Intransparenzen, Zensuren. WikiLeaks ist dafür ein beliebtes Beispiel; öffentlichkeitswirksam aufgezogen wurde der Vorhang aber schon 1998, als die Website „Drudge Report“ eine vom angesehenen Print-Magazin „Newsweek“ abgelehnte Story in die Welt blies, die sich kurz darauf zum „Lewinsky-Skandal“ entwickeln sollte. Man kann die Nase rümpfen über Sex-Skandale, aber derselbe Mechanismus bringt inzwischen auch regelmäßig Fragwürdigkeiten finanzieller, militärischer und diplomatischer Natur ins öffentliche Forum, deren politische Relevanz weitaus deutlicher ist.
Unter einem solchen Druck wird umfassende Transparenz zum neuen Normalzustand, dem zwar nicht alle zuarbeiten, mit dem aber alle rechnen müssen. Das bringt sicherlich Probleme und Gefahren mit sich. Aber es deckt auch Verstrickungen, Abhängigkeiten und Privilegien diversester Art auf, die von eindeutig politischer Bedeutung sind. Wer wie viel Vermögen besitzt, wer von wem persönlich abhängig ist, wer wen erpressen kann – all das bildet Machtverhältnisse ab, ganz unabhängig davon, ob es traditionell unter Begriffe des Öffentlichen oder Privaten fällt. Und die Abbildung und Diskussion solcher Machtverhältnisse geht letztlich alle an, die sich von diesen Machtverhältnissen betroffen fühlen.
Foto: Explorer Björn unter CC auf Flickr















Ist Frage ernst gemeint? Dann ein klares Ja. Was eine Katastrophe für den Zusammenhalt in der Gesellschaft ist. Amerikanischen Großkonzernen wie Facebook sollte man das Recht nehmen, die Daten wirtschaftlich zu nutzen. Das was da Postprivacy genannt wird ist nichts anderes als Fatalismus.
“Das was da Postprivacy genannt wird ist nichts anderes als Fatalismus.”
Wenn ich so etwas wie eine “TimeLine” der besten und überraschendsten Gedanken des Tages führte – das wäre definitiv ein Kandidat. Das kann man tatsächlich so sehen.
Da ist übrigens DRW ein gutes Beispiel (ich liebe diesen kleinen “Bastard”): Einerseits werde ich dort durchaus hervorragend über die Gefahren informiert – andererseits permanent dazu aufgefordert, ich möge “auf Facebook mit uns diskutieren”. Was voraussetzt, daß ich mir dort überhaupt einen Account zulegen müsste – den Teufel werde ich tun.
Das mag man für “technikfeindlich” halten, nur, hüstel, als Teilnehmer des frühen SpiegelForums bei Compuserve in den 90ern würde ich das wiederum für einen Witz halten. Damals lebten alle noch mit dem Gefühl, daß man miteinander reden konnte, ohne daß das BKA mitliest, weil die keine PCs hatten, sich etwa als Kiffer outen – weil so gut wie alle das waren. Man war unter sich, man war (en gros) nett zueinander, man war “guten Mutes”, daß jetzt “das Gute” siegt. Keiner machte sich Gedanken, daß irgendwas davon je auf einer “lifeline” auftauchen würde, weil sich niemand vorstellen konnte, daß das kommerziell verwertbar sei.
Dann kam AOL …Google … Facebook.
Fatalismus? Phhhht … Man muss ja nicht jedem Wahnsinn nachlaufen, wenn man selbst denken kann.
Falsch. Es geht um eine realistische Beschäftigung mit den neuen Gegebenheiten. Der Fall Wulff bestätigt die Thesen hier im Übrigen:
“Aber es deckt auch Verstrickungen, Abhängigkeiten und Privilegien diversester Art auf, die von eindeutig politischer Bedeutung sind. Wer wieviel Vermögen besitzt, wer von wem persönlich abhängig ist, wer wen erpressen kann – all das bildet Machtverhältnisse ab, ganz unabhängig davon, ob es traditionell unter Begriffe des Öffentlichen oder Privaten fällt. Und die Abbildung und Diskussion solcher Machtverhältnisse geht letztlich alle an, die sich von diesen Machtverhältnissen betroffen fühlen”
Das sind die Gegebenheit, die die Presse gerade mit beträchtlichem Aufwand recherchieren muss.
Ich bin etwas überrascht, dass Sie diese Webseite mit diesem Thema starten. Wären nicht drängendere Probleme zu diskutieren? Wie z.B. Eurokrise, Klimawandel.
@ M. Hartmann:
Wer will denn immerzu nur von diesen Themen lesen? Die oben beschriebene Entwicklung wird unsere Welt vielleicht langfristiger prägen als die “Eurokrise”.
Technik ist nicht in der Lage zu zerstören. Das ist ein Exklusiv Feature des Menschen. Die Digitalisierung hat unsere Identität weder privater noch öffentlicher gemacht als diese vorher schon war. Es ist der Umgang des Menschen mit den neuen Möglichkeiten, seine Unüberlegtheit oder auch schlicht Dummheit, die es dazu führen, dass der Status der Identität sich verändert.
Liebe Macher von diskurs@dradio,
Ich bin ja vielleicht einfach zu ungeduldig, aber …
Es ist Euch sicher aufgefallen, daß zwar das eine oder andere _über_ diesen Ort geredet wird, aber nur ganz wenig _auf_ diesem Ort. Klar sitzt Ihr jetzt da und wartet auf Reaktionen – oder sollte ich sagen, die, die für diese Sache hier “abgestellt” wurden auf “Arbeit”. Ich gönne Euch ja von Herzen diese kleine Relax-Phase, bevor “der Sturm einsetzt” … Falls er das denn tun wird.
Meine ersten Eindrücke: Also DRW war ein hervorragende Idee, herzlichen Glückwunsch. Das hier hingegen, hmmmm, ich denke mal, Euch kommen da auch langsam Zweifel, ob das nicht eine “Kopfgeburt” ist, “Wunschdenken”.
Ich erinere nochmal an meinen Vorschlag, den ich an anderer Stelle hier schon mal gemacht habe: Legt die Latte nicht soooo hoch, folgt dem DRW Beispiel – jeder Beitrag, zu dem es einen POD gibt, sollze eine eigene Seite mit Kommentarfunktion besitzen – das wäre dann Interaktion.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, daß der Hörer Interesse daran hat, schon mal “Dampf abzulassen”, wenn er einen Beitrag gehört und sich – sagen wir einmal über einen Moderator oder einen Kommentator – geärgert hat. Das gilt auch für Lob – ich zb. würde gerne allen Soundcheck Moderatoren desöfteren virtuell drücken, naja, bis auf Udo Vieth – und kann das nicht. Das ist frustrierend.
Das hier schmeckt gerade nach einer gut gemeinten Idee …
Hallo Hardy, danke für Feedback, Kritik und Anregungen. Ja, wir hätten auch gerne 500 Kommentare pro Artikel. Aber wir hätten auch gerne Barack Obama als Artikelautor. Beides ist hier NOCH nicht erreicht. Aber 10 Kommentare pro Debattenbeitrag, dazu etliche Tweets und Facebook-Likes sind ja auch ziemlich vitales Lebenszeichen. Neuland erschließen ist eine große Aufgabe bzw. langer Weg. Das hier ist ein Anfang. Es werden weitere Schritte folgen. Hier und bei den anderen digitalen Angeboten des Deutschlandradio. Wir hoffen jedenfalls sehr, Sie auch weiterhin als kritischen Beobachter UND Kommentator an Bord zu wissen.
Markus Heidmeier, Projektleitung Diskurs@Deutschlandfunk
> Das hier ist ein Anfang.
Das stimmt mich wiederum optimistisch. Daß man mit dem Aufbrechen der Strukturen, die das IST nur verwalten, erfolgreich sein kann, zeigen ja ZDFNeo und DRW.
> an Bord
Bin ich, was den DLF betrifft, seit Ende der 80er, seit ca 5 Jahren mit einer kleinen Nische, in der ich das (für mich) hörenswerte zu einer Playlist (Link) zusammenstelle Ich wäre also beglückt, wenn sich das hier mit Leben füllen würde.
Liebe Redaktion, ich finde, dass was Ihr hier versucht, ist wichtig und richtig. Und selbstverständlich muss Ihnen nicht erklärt werden, das es nicht darauf ankommt 500 Kommentare zu haben, und schon gar nicht wichtig ist es nur Obamas dieser Welt als Kommentatoren oder Autoren zu Haben. Wir leben alle auf einem Planeten, und es geht jeden was an, was um uns herum geschieht. Wichtig ist nur, das ein Thema den Zeitgeist richtig erkennt, und mit richtigen Fragen an das Publikum herangetragen wird. Und wenn es nur drei sind die darüber diskutieren, wenn die Fragestellung richtig verstanden worden ist, und die drei anfangen sich darüber Gedanken zu machen, dann ist das Ziel erreicht. Ein Gedankenprozess in den Gang zu bringen, ist es was zählt, und nicht die Zahl der Kommentare.
Wie entscheidet man zwischem privaten und öffentlichen Inhalten? Ist ein “Aktionskünstler” der sich in einer Talentshow Sphagetti vom Bauch essen lässt “öffentlicher” als eine Videodokumentation über die ersten Schritte eines Kindes, gedreht vom stolzen Vater, der den Moment teilen möchte?
Stichwort Wikileaks: Geht uns nicht alle etwas an, was beispielsweise während dem Irakkrieg passierte? Ein weiteres Beispiel wären zB handgedrehte und auf Video Broadcasting Portalen verbeitete Filmchen über die Gewalt eines Regimes während dem arabsichen Frühling? Sicher führt das Nutzen der neuen Medien zur Verteilung und Verschiebung von Macht. Doch ist das wirklich ein Sicherheitsrisiko oder eine neue Chance für Politik und traditionelle Medien? Die Politik vesucht transparenter zu werden, merkel ebantwortet im internet Fragen, die piraten übertragen ihre Sitzungen live; Die Medien geben als Quelle immer häufiger Webseiten und deren Nutzer an, Blogger und “Filmchendreher” werden, wie im Artikel beschrieben, zu aktuellsten Berichterstattern.
Dennoch übertreibt der Artikel auch die “Bastardisierung” der Medien. Durch die Universalität der neuen Medien, leben auch die alten erneut auf. Als Beispiel sei das Gutenberg Projekt genannt, welches Bücher digitalisiert und somit “Abbilder” der alten Werke für jeden zugänglich macht.
MfG
Ich weiss – offen gestanden – nicht, was das ist “Öffentlichkeit”.
Das scheint für jeden etwas anderes zu sein, für den einen eben der “Spaghettilutscher”, für den anderen die Existenz als Forist beim “Spiegel” für wieder einen anderen seine Facebook- oder Twitteraccount. Wahrscheinlich ist Öffentlichkeit für jeden ebenso “etwas anderes” so wie das auch mit der “Realität” ist: Wir leben mittlerweile in einer Welt, in der man sich das aussuchen kann, schlimmer noch, aussuchen _muss_.
Das hat in eine Situation der allgemeinen Desorientierung geführt, in der jeder für sich Entscheidungen treffen muss, wo und mit was er seine Zeit verbringt, immer getrieben von der “Angst”, etwas zu “verpassen”, je nach persönlicher Verfasstheit und Bedürfnis nach Anerkennung. und Wärme.
Das ist der perfekte Nährboden für so etwas wie Twitter oder Facebook, weil sie das plötzlich bedienen und vor allem “messbar” machen (min Haus, mein Auto, meine Freunde bei Facebook) und den Benutzer zu einer gewissen Gedanken- bzw. Bedenkenlosigkeit verführen.
Vor fast 20 Jahren sagte ein kluger “Forist”: “Ach, das sind doch alles nur Bits & Bytes, die verschwinden im Orkus, das interessiert keinen”, um zu signalisieren, man solle sich mal nicht so aufblasen im Forum – was die negativen Aspekte betrifft (Bewerbungsgespräche, in denen man einem drei Jahre alten Photo wiederbegegnet) hat sich das leider falsch herausgesstellt, was die positiven (eine kluge Post auf BlogXYZ) anbelangt, leider als nur zu wahr.
Im Moment erinnert das alles eher an das “Gaffen” auf der Autobahn bei einem Unfall. Das größtmögliche Blutvergiessen zieht das größte Publikum an, das Gros der Kommentatoren auf – sagen wir mal Spiegel, Welt, Handelsblatt – wird von Stammtischschwadroneuren gestellt, die demonstrieren wollen, daß es ihnen die Verinnerlichung zivilisierter Manieren partout nicht gelingen will, und die erfolgreichsten “Geschäftsmodelle” basieren auf dem bislang mangels Vehikel noch nicht ausgetobten Exhibitioismus à la Facebook.
Natürlich, ich will hier nicht den Endzeitpropheten spielen, steht dem auch das erfreuliche – das Projekt Gutenberg, Wikileaks, Wikipedia etc haben Sie ja zurecht erwähnt – gegenüber. Die Frage am Ende ist aber immer, wofür der Einzelne sich da entscheidet und wohin die Masse driftet.
Bislang driftet sie in Richtung “Großer Bruder”. Wir sehen ja bislang “nur” an Extremfällen (Syrien, Iran, Dresden etc.), wie der Staat von diesen Daten Gebrauch machen kann und beklagen “nur” den Mißbrauch durch den Konzern Google oder Facebook.
Eine Lage, in der all diese frei verschenkten Daten, das Wisse über uns, sich staatlicherseits aber am Ende gegen uns wenden kann, ist aber durchaus denkbar.
“Zerstören” ist ein harter Ausdruck. Aber ja, durch die Digitalisierung verschieben sich unsere Grenzen in vielen Lebensbereichen. Das sind die Folgen des Strukturwandels.
Die Transparenz ist der Schlüssel mit dem sich die Machtverhältnisse verlagern können. Von kleinen elitären Gruppen hin zu Interessensgruppen. Je größer eine Gruppe wird, desto mehr Macht hat sie viele Menschen zu mobilisieren, die sich für ein bestimmtes Thema einsetzen. Je kleiner und zersplitterter eine Gruppe ist, desto schwieriger der Einfluss.
Wenn wir lieber eine Gesellschaft wollen, in der die Mehrheit bestimmt, dann müssen wir dafür die Grenzen der Privatsphäre lockern. Vielleicht hilft es uns sogar an Integrität zu gewinnen, wenn wir unser Handeln ständig abwägen müssen weil wir immer davon ausgehen müssen, dass längst Vergessenes wieder ausgegraben wird.
Das bedeutet nicht, dass diese Grenzen komplett abgerissen werden sollen. Ich bin definitiv für ein Recht auf Privatsphäre und möchte gerne das Urheberrecht für meine Persönlichkeit halten. Die Antwort auf die Frage, wann etwas privat und wann es öffentlich ist, ist allerdings auch immer gefärbt vom eigenen Blickwinkel oder Nutzen. Hätte Herr Wulff seine Angelegenheiten privat gehalten, dann wäre er jetzt noch Bundespräsident.
Facettenreiches Thema…