16.02.2012 | Partizipation & Politik

Die digitalen Werkzeuge der Netzaktivisten

Donnerstags um 19.15 Uhr läuft im Deutschlandfunk das DLF-Magazin. 45 Minuten politische Reportagen und Portraits. Dort spiegeln wir regelmäßig die Themen der Debattenbeiträge, der Aufsätze und Essays des Onlinediskurses in Radioformaten. Am zurückliegenden Donnerstag hätte ein Beitrag laufen sollen, der der Frage nachgeht, welche Werkzeuge den Netzaktivisten zur Verfügung stehen, um sich aktiv an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Doch dann kam alles ganz anders.Die laufende Sendung wurde unterbrochen, denn die Nachricht von den bevorstehenden Ermittlungen gegen den (mittlerweile) damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff wurden bekannt. Doch das Radiostück von Philip Banse zu ePetitionen, Werkzeugen der E-Partizipation und anderen Formen der Onlinebeteiligung gibt es natürlich trotzdem. Hier (als MP3 und unten mit Player). Und das Skript gibt es unten. Das DLF-Magazin steht übrigens donnerstags ab ca. 20 Uhr auch komplett auf den On-Demand-Servern des Deutschlandfunks und als Podcast zur Verfügung. Hier noch die Original Anmoderation von Christiane Wirtz, Moderatorin des DLF-Magazin.

 

Anmoderation

Auf dem Bild sind drei Polizisten zu sehen, die eine junge Demonstrantin an allen Vieren wegtragen. Darunter der Spruch: „Menschen mitnehmen geht anders.“ Mit diesem Plakat haben die Grünen im vergangenen Jahr für sich geworben – wie wir wissen, mit Erfolg.  Doch diese Botschaft hat offenbar nicht nur die Wähler erreicht, sondern auch den neuen Polizeipräsidenten in Stuttgart. Im Streit um Stuttgart 21 begegnete er den Demonstranten nicht mit Wasserwerfern, sondern mit Nachrichten per Facebook und Twitter. Und siehe da: Der Stuttgarter Schlossgarten ist geräumt. Der „Schwarze Donnerstag“ hat sich nicht wiederholt. Überall telefonieren, twittern und surfen: Die Kommunikation kennt keine Grenzen – in unserer neuen Serie gehen wir der Frage nach, inwieweit sich dadurch unsere Gesellschaft, unsere Demokratie verändert. Über Chancen und Risiken ein Beitrag von Phillip Banse:

 

Manuskript

AUTOR

Malte Spitz hält einen Vortrag. Spitz ist Mitglied im Bundesvorstand der Grünen und leidenschaftlicher Gegner der Vorratsdatenspeicherung – eine Überwachungsmaßnahme, deren konkrete Auswirkungen viele Bürger sich nicht vorstellen können. Um sich also wirksamer einzumischen, Bürger wach zu rütteln und wirklich etwas zu verändern, wollte der grüne Politiker diese staatliche Überwachungsmaßnahme anschaulich machen. Spitz erklagte sich von der Deutschen Telekom seine Vorratsdaten: Für 181 Tage hatte der Mobilfunkanbieter festgehalten, wann er mit wem telefoniert und wo er sich aufgehalten hatte. Problem: Diese Vorratsdaten kamen als Tabelle, knapp 36.000 Zeilen, ein kryptischer Zahlenberg – Zahlen mit brisantem Wissen. Um zu zeigen, was diese Zahlen verbergen wurde eine App programmiert, ein kleines Programm für den Webbrowser. Zu sehen ist nicht viel mehr als eine Deutschlandkarte und ein kleiner Punkt: Malte Spitz. Klickt man auf einen Play-Knopf, bewegt sich der kleine Punkt:

 

01 O-TON

Hier sieht man relativ schön, wie ich mit dem Zug fahre von Berlin nach Erlangen und wo ich dann gerade telefoniere oder maile. Man sieht auch unten am Zeitverlauf, wo der Zug mal ein bisschen schneller oder langsamer fährt. Hier fährt er langsamer durch en Thüringer Wald, stimmt, da braucht man immer zwei Stunden (Gelächter).

 

AUTOR

Diese App habe vielen Bürgern erstmals die Augen geöffnet, glaubt der Journalist Lorenz Matzat, der die Visualisierung der Vorratsdaten entwickelt hat. Ein komplexes Problem wurde erklärt, nicht mit Text, nicht mit Zahlen, sondern mit einer Animation:

 

02 O-TON

Es wird eben die Geschichte dieses einen Menschen damit erzählt.

 

AUTOR

Mitmachen, sich einmischen ins Gemeinwesen, in demokratische Prozesse – engagierte Bürger finden im Netz mittlerweile einen gut gefüllten Werkzeugkasten, randvoll mit digitalen Hilfsmitteln, derer sie sich bedienen können, um sich Gehör zu verschaffen. Vielleicht sogar, um etwas zu verändern. Die Mutter dieser Werkzeuge ist die Online-Petition. Das Anliegen knapp formuliert und auf eine Webseite gestellt, vielleicht auch direkt auf Bundestag.de eingereicht. Mitstreiter können dann ihre Namen drunter setzen. Oft gebraucht, etwas aus der Mode, aber immer noch sinnvoll, sagt Markus Beckedahl, einer der dienstältesten deutschen Netzaktivsten:

 

03 O-TON

Petitionstools fand ich eine zeitlang extrem langweilig, sie haben aber eine gewisse Funktion, nämlich Meilensteine zu setzen und ein bisschen Medienaufmerksamkeit zu bringen. Wenn eine Petition auf einmal 50.000 Unterstützer hat, kannst du eine Pressemitteilung raushauen, hast eine neue News. Kostet halt nichts, wenn man es nebenbei laufen lässt, für die Leute, die auf so was stehen. 

 

AUTOR

Doch fantasievolle Aktivisten experimentieren jeden Tag mit neuen Werkzeugen. Durch die Vielzahl der billigen, schnellen und vielseitigen Publikations-Dienste im  Internet hat sich eine regelrechte Medien-Guerilla gebildet. Diese kommunikationsbegeisterte Spaßfraktion will das digitale Mediensystem nutzen, um Sand ins gesellschaftliche Getriebe zu streuen und so etwas zu verändern.

 

04 O-TON 

Die Machtverhältnisse haben sich zu unseren Gunsten verändert, kann man ganz klar sagen.

 

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sagt ein junger Mann mit dem Aktivistennamen John F. Nebel von den Metronauten, einer Truppe, die etwa Twitter-Accounts bekannter Firmen hortet, um in deren Namen Kurznachrichten verschicken zu können, wenn ihnen Protest geboten erscheint. Manchmal passiert bei den Aktionen gar nichts, manchmal fällt auch ein Stück Wahrheit heraus – so wie bei der Operation Digitask. Eine Sektion der Hedonistischen Internationalen, einer weiteren Spaßguerilla, hatte sich den Twitter-Account „Digitask GmbH“ besichert und sendete laufend Kurznachrichten im Namen von Digitask, jener Firma, die den umstrittenen Bundestrojaner programmiert hatte. Der falsche Twitter-Account verkündete laufend, an welche Schurkenstaaten Digitask angeblich seine Spionage-Software geliefert hatte. Die Firma ließ Anwälte Abmahnschreiben schicken – für die Medien-Guerilleros der Hauptgewinn, sagt Aktivist John F. Nebel.

 

05 O-TON

Was ich da wirklich geil dran fand, war, dass in dem Anwaltsschreiben drin stand, dass das Digitask falsch wieder gegeben wird, weil sie gar nicht an solche Schurkenstaaten die Überwachungstechnik liefern, sonder nur an x, y und z und da war Österreich auch mit dabei. Und dann musste Österreich zugeben, dass sie auch den Trojaner von Digitask beziehen. 

 

AUTOR

Viele dieser Guerilla-Aktionen bewegen sich allerdings in einer rechtlichen Grauzone. Netzlobbyist Markus Beckedahl von der Digitalen Gesellschaft probiert daher andere Werkzeuge aus. Zum Beispiel den Bilder-Generator. Für den Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung stellte Beckedahl ein CDU-Wahlplakat mit Wolfgang Schäuble auf sein Blog Netzpolitik.org, verbunden mit dem Aufruf an seine Leser: Denkt euch mal einen neuen, frechen Slogan für das Plakat aus. Innerhalb weniger Stunden war der Prozess automatisiert, jeder konnte im Browser einen Text eingeben und ein neues, entstelltes Werbeplakat wurde als Foto ausgeworfen. Solche schnell erstellten Protest-Bilder könnten Aktivisten in Zukunft auch gleich zu Dienstleistern ins Internet hoch laden, die diese Bilder  als riesige Plakate an ausgewählten Orten aufhängen:

 

06 O-TON
Für unsere eigenen Sachen, dass wir die in Berlin im Regierungsviertel mal platzieren. Aber wir wollen die Bilder auch in hoch auflösenden Formaten bereit stellen und den Leuten sagen: Hey, hier ist das Bild, geht zu diesen Plakatplattformen, das kostet so 100 Euro, vielleicht 200 Euro, aber wir sagen euch vielleicht auch noch, wo euer nächster Wahlkreisabgeordneter wohnt.

 

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Damit das Plakat dann genau vor dessen Fenster hängt, denn die direkte Ansprache des Wahlkreisabgeordneten sei nämlich immer noch eine der wirksamsten Aktivisten-Methoden, sagt Markus Beckedahl, notfalls auch per Telefon oder Fax. 

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