Der Journalismus wird sich verändern! Auch im Radio. Ein Interview.

Big Data – ein Schlüsselbegriff der Gegenwart. Zumindest wenn es um die Einordnung aktueller Entwicklungen im digitalen Raum geht. War vor wenigen Jahren noch die Demokratisierung der Medien beispielsweise durch Blogs und Podcasts vorherrschend, wird jetzt die rasant wachsende Bedeutung der täglich entstehenden Datenmengen immer deutlicher. Denn Daten entstehen stündlich in gigantischen Umfängen und ihre intelligente Auswertung und Übersetzung wird immer wichtiger. Das hat auch Konsequenzen für den politischen Journalismus. Ein Werkstattgespräch mit dem Datenjournalisten Lorenz Matzat.  Um seiner Aufklärungsarbeit im digitalen Zeitalter nachkommen zu können, müssen die Redaktionen lernen, mit Rohdaten umzugehen und Werkzeuge entwickeln, die aus den Datenbergen relevante Geschichten destillieren. Nicht zuletzt, um abstrakte Zusammenhänge zum Beispiel von Staatshaushalten, Parlamentsbeschlüssen, Parteispenden und Regierungsinvestitionen sichtbar zu machen. Der Nachrichtenredakteur des britischen Guardian – Simon Rogers – erläuterte auf diesem Debattenportal bereits die Geschichte des Datenjournalismus und die Umsetzungsstrategien seiner Redaktion. Nun sprechen wir mit Lorenz Matzat, preisgekrönter Datenjournalist, über die Bedeutung datengetriebener Publizistik für die demokratische Öffentlichkeit und die bisher versäumten Aufgaben öffentlich-rechtlicher Medien in diesem Zusammenhang.

Wer sind die Innovatoren auf dem Feld des Datenjournalismus?

Vorrangetrieben wird das Genre derzeit vor allem online durch den britischen Guardian und die New York Times. Die Washington Post oder auch die L.A. Times sind ebenfalls zu nennen. In Skandinavien geschieht auch einiges. Spannend ist das Angebot der bislang stiftungsfinanzierten Onlinezeitung Texas Tribune, die einen Großteil der Besucher über ihre Datenanwendungen zieht und wohl dieses Jahr finanziell auf eigenen Füßen stehen kann.

Im deutschprachigen Raum gibt es punktuell immer wieder datenjournalistische Vorhaben; ein konsequenter und regelmässiger Einsatz ist aber bislang bei keinem Medium zu beobachten.

Das würden andere allerdings anders sehen, weil es die eine Definition, was Datenjournalismus ist, nicht gibt. Reicht es, wenn das journalistische Stück sich mit großen Datenmengen und -sätzen befasst oder die in der Recherche eine wichtige Rolle spielten? Sind klassische Visualisierungen per Diagramm schon Datenjournalismus? Oder müssen die Daten bestenfalls interaktiv online visualisiert werden und die Rohdaten gar zum Download angeboten werden?

Haben die öffentlich-rechtlichen Medien die Dimension der technischen Veränderungen schon erfasst? Sollten sie nicht auch Motoren dieser Neuerungen sein?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist ein träger Tanker. Die Chance, die Daten hinsichtlich einer informationell angereicherten Form von Berichterstattung ermöglicht, wird bislang nicht ergriffen. Vom Aufbau eigener Datenkataloge für Open-Data-Anwendungen etwa ist nichts zu sehen. Auch wird offensichtlich nicht verstärkt auf non-lineare Datenanwendungen gesetzt, in denen die Besucher einer Website selbst auf Erkundungen in Datensätzen gehen können. Interaktivität findet meist auf dem Niveau der Multimedia-CD-Roms der neunziger Jahre statt.

Gleichwohl könnten die Gebührenzahler durchaus erwarten, dass mit ihren Geldern Innovationen angeschoben und zeitgemäß neue Technologien genutzt werden. Mir wäre es lieber, dass statt enormer teurer Studiotechnik für eine Nachrichtensendung wie das heute-journal zumindest ein Teil der Gelder in eine stetige Weiterentwicklung der Netzberichterstattung investiert werden. Denn das lineare vorgeplante Fernsehprogramm über Funk, Kabel und Satellit hat in meinen Augen keine Zukunft. Das Radio hat es mit Datensätzen schwerer, weil es kein visuelles Medium ist. Doch das Internet fällt meiner meiner Meinung nach im 21. Jahrhundert auch unter Rundfunk und damit in den Aufgabenbereich der Öffentlich-Rechtlichen.

In den USA und Großbritannien haben die Regierungen in den letzten Jahren eigene Netzportale eingerichtet, die Regierungsdaten zur Verfügung stellen. Der britische Guardian wertet diese Daten immer wieder in anschaulichen und spannenden Geschichten aus. Inwieweit spielt Datenjournalismus mit Blick auf Öffentlichkeit und Demokratie eine Rolle? 

Datenjournalismus wird in einigen Jahren kein Aufsehen mehr erregen. Weil er selbstverständliche Methode und alltägliches Werkzeug der Berichterstattung sein wird. Es gibt jetzt schon enorme Datenmengen in den Verwaltungen und der Politik – Akten und Statistiken zum Beispiel. Und es wird exponentiell mehr geben, weil immer mehr digitale Geräte Einsatz finden und mehr und mehr Sensoren aktiv Daten sammeln.

Es ist Aufgabe von Journalisten auch hier ihrer Berichterstattungspflicht und Watchdogfunktion gerecht zu werden. Insofern ist es essentiell wichtig für eine immer digitaler kommunizierende Gesellschaft, dass Journalisten und Medienhäuser sich mit Daten befassen. Das Internet bietet die perfekte Infrastruktur dafür, datenbankgestützt zu berichten. Dafür notwendige Technologien und Herangehensweisen gilt es zu erlernen und zu entwickeln, aber auch angebrachte Erzählformen dafür zu finden.

In Deutschland gibt es mittleweile zumindest auf kommunaler Ebene einige Open-Data-Portale, z.B. in Berlin. Welche Anwendungen entstehen in diesen Kontexten und was ist ihr Mehrwert für die Öffentlichkeit?

Das ist eine zentrale Frage. Bislang ist dieser Mehrwert, sowohl hinsichtlich des demokratischen Nutzens, als auch des wirtschaftlichen ein Versprechen, das bisher nicht eingelöst worden ist. Das hat mehrere Ursachen. Eine davon ist hierzulande, dass seitens der staatlichen Stellen kaum in diesen Bereich investiert wird – weder politisch noch monetär. Die Datensätze, die bislang offen sind, bilden nur einen Bruchteil davon ab, was an nicht datenschutzrelevanten Informationen in den Verwaltungen eigentlich vorliegt.

Würden umfassendere Datenbestände ohne Hürden im Web zugänglich sein, könnten darauf komplexere Anwendungen aufsatteln. Denn so würde ein Ökosystem offener Daten entstehen, das erlaubt, Informationen automatisiert und flexibel in einen Kontext zu setzen. Aufgrund des damit einhergehenden Transparenzeffekts würde das die demokratische Teilhabe stärken. Open Data könnte so aber auch ökonomisch eine Rolle spielen, weil neue Dienstleistungen etwa im analytischen Bereich oder ortsbasiert möglich würden. Stichworte sind Verkehrsdaten, Handels- und Wirtschaftsinformationen, Katastereinträge, Umwelt- und Gesundheitsdaten usw.

Viele sprechen mittlerweile vom Big-Data-Zeitalter – also der Macht der Daten und ihrer Auswertung. Open Data soll dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Die EU-Kommissarin Neelie Kroes will durch die neue Open Data Strategie der EU einen volkswirtschaftlichen Mehrwert von 40 Mrd. Dollar schaffen. Hat die deutsche Politik die Entwicklung überhaupt registriert?  

Ja. Registriert wurde sie. Aber in meinen Augen bislang nur wenig adäquat darauf reagiert. Zwar ist die Rede von einem Datenportal auf Bundesebene, das im Jahr 2013 in Betrieb gehen soll. Aber entgegen Ländern wie Großbritannien etwa, wo Open Data auf höchster politischer Ebene vorangetrieben wird, gibt es hier keine wirklich politisch prominenten Advokaten. Ein Ausdruck des komplizierten Verhältnisses der meisten Angehörigen der jetzigen Politikergeneration zum Internet.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit beispielsweise lehnt die Adaption eines sich international etablierenden Open-Data-Standards für Entwicklungsvorhaben ab (IATI). Hier tritt eine vorherrschende wenig demokratische Haltung zu Tage: Möglichst wenig an Informationen Preis geben zu wollen – aus Angst vor Kontroll- und Bedeutungsverlust.

Man kennt Datenjournalimus ja vor allem von Newsseiten im Netz – wie könnte er im Radio funktionieren? 

Daten lassen sich akustisch „visualisieren“. Musikstücke in Noten niedergelegt sind faktisch Datensätze. In diese Richtung würde ich im Bereich Hör-Datenjournalismus denken.

Herzlichen Dank für das Gespräch. 

 

Lorenz Matzat lebt und arbeitet als Journalist, Unternehmer und Medienpädagoge in Berlin. Seit Anfang 2011 betreibt er mit zwei Partnern die Datenjournalismusagentur OpenDataCity | Die Datengestalter.

Von Oktober 2010 bis Anfang September 2011 schrieb er das OpenData Blog auf Zeit online. Er ist Mitbegründer des OpenData Network e.V. Dort trat er im Juli 2011 aus; seitdem arbeitet er im Open-Data-Bereich des Digitale Gesellschaft e.V. mit. 2010 half er mit, die Plattform meine-demokratie.de zu starten.

Als freier Autor ist er unter anderem für die Wochenzeitung Der Freitag und die Tageszeitung taz tätig. Artikel von ihm erschienen auch auf netzpolitik.org, Hyperlandblog/ZDF und golem.de