Medien müssen dringend in Netztechnologien investieren

Die Diskussion ist kontrovers. Welche Aufgaben haben die öffentlich-rechtlichen Medien im digitalen Raum? Zuletzt offenbarte die Debatte um die Tagesschau-App die Schärfe der Auseinandersetzung. Aber zeigte die zwischenzeitliche Frontstellung zwischen Teilen der öffentlich-rechtlichen Medien und den privatwirtschaftlich agierenden Verlagen eigentlich die wichtigste Demarkationslinie in der Diskussion rund um die Rolle der klassischen Massenmedien im digitalen Raum? Nein, sagt der Unternehmensberater und Blogger Matthias Schwenk. Aus seiner Sicht müssten gerade klassische Medien und insbesondere die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter zu Innovatoren in Bereichen des webtechnologisch gestützten Journalismus werden. Sollten sie die gerade entstehenden Chancen nicht nutzen und dieser Aufgabe nicht nachkommen, drohen andere die digitalen Kommunikationsräume zu monopolisieren.

Medien müssen dringend in Netztechnologien investieren von Matthias Schwenk

Sollen Radio-Sender im Internet nur Audiobeiträge veröffentlichen dürfen? Die Frage ist nicht ganz trivial, wie sich dieser Tage an den Arbeiten zu einer „Gemeinsamen Erklärung“ von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und deutschen Zeitungsverlegern zeigt. Allerdings scheint die dort geführte Diskussion um mediale Gattungen zu verkennen, dass sich mit dem Internet jenseits der dort eingestellten Beiträge, also unabhängig davon ob es sich um Text, Bild, Audio oder Video handelt,  eine sehr viel weitergehende Transformation vollzieht. Hierzu äußerte sich unlängst auch Stefan Niggemeier in seinem Artikel „Vorauseilende Selbstverstümmelung“.

Diese nämlich bringt das Publikum auf Augenhöhe mit den Medienhäusern, weil der Netzwerkcharakter des Internets den Medienkonsumenten aus seiner passiven, rein rezeptiven Rolle herausholt und ihm diverse Möglichkeiten an die Hand gibt, selbst als Medium aktiv zu werden. Parallel dazu vollzieht sich ein weiterer Wandel mehr im Stillen: Mit dem Internet wird es möglich, die mediale Partizipation und Rezeption in einer nie dagewesenen Genauigkeit zu messen und wiederum zum Inhalt medialer Angebote zu machen. In diesem Kontext sind auch die Stichworte „Big Data“ und Data-Journalismus zu sehen, die hier ausführlich betrachtet werden.

Medienhäuser und Rundfunkanstalten klassischer Prägung stehen damit vor der Herausforderung, nicht einfach nur ihre Programmschemata ins Internet zu bringen und dabei vielleicht entstehende Gattungskonflikte untereinander auszutragen, sondern vielmehr auch die neue Rolle der Medien-Konsumenten zu berücksichtigen und darüber hinaus von den vielfältigen Möglichkeiten zur Medienanalyse Gebrauch zu machen.

 

Das Verhalten der Leser als Quelle für neue Inhalte 

In diesen Zusammenhang könnten es sich öffentlich-rechtliche Sender zur Aufgabe machen, Social Media daraufhin zu analysieren und zu dokumentieren, welche Themen in welcher Intensität hier öffentlich diskutiert werden. Welche Resonanz löst etwa der Rücktritt eines Bundespräsidenten in Blogs, auf Twitter oder Facebook aus? Welchen Stellenwert haben dazu im Vergleich Ereignisse im Sport oder der Kultur? Was für Themen werden in klassischen Medien ausführlich besprochen, für die sich auf Social Media wenig bis keine Resonanz feststellen lässt?

Bei diesen Fragestellungen mag mancher vielleicht denken, dass damit besser eine Forschungseinrichtung betraut wird. Tatsächlich hat sich mit dem Aufkommen von Social Media der empirischen Sozialforschung ein weites Feld erschlossen. Allerdings sollte dies nicht allein den Forschern überlassen werden. Medienanalyse und -aggregation kann auch ein Aufgabenfeld der öffentlich-rechtlichen Sender werden, wenn diese ihren Auftrag künftig so verstehen, dass sie im digitalen Zeitalter nicht einfach nur Inhalte vermitteln, sondern deren Rezeption sowie die mediale Partizipation der Bürger (und Gebührenzahler) dokumentieren und widerspiegeln wollen. Das wäre ein Beitrag zur medialen Transparenz in einem umfassenden, neu verstanden Sinne und damit auch ein Stück Dokumentation gesellschaftspolitisch medialer Relevanz.

 

Der Tiefschlaf der Medien

Aus informationstechnischer Sicht ist es erstaunlich, dass sich bislang noch kaum ein Medienhaus oder Rundfunksender intensiv mit den Daten und Informationsströmen im Social Web befasst hat. Aus ihnen ließe sich viel ablesen und transparent machen. Die Zurückhaltung der klassischen Medien dem gegenüber kann vielleicht damit erklärt werden, dass vielfach noch alte Denkstrukturen vorherrschen, wonach man viel zu sehr damit beschäftigt ist, laufend selbst neue mediale Inhalte zu erzeugen. Wer aber nur mit der eigenen Medienproduktion beschäftigt ist, findet gar keine Zeit hinzuhören und zu bemerken, welches Echo ein Beitrag im Social Web heute auslösen kann, sei dies quantitativ oder auch qualitativ betrachtet.

Darüber hinaus könnte vielfach auch das erforderliche technische Wissen fehlen, um derartige Analysen so durchzuführen, dass diese nicht nur den Ansprüchen an Repräsentativität genügen, sondern in ihrer aufbereitenen Form selbst wieder zu attraktiven medialen Inhalten werden können. Diese Schnittstelle zwischen klassischem Journalisums und Informationstechnologie dürfte in Deutschland noch dünn besetzt und der Nachwuchs dafür nicht so einfach von irgendwelchen Hochschulen zu bekommen sein. Hier muss noch Pionierarbeit geleistet werden.

Einen naheliegenden Ansatzpunkt dazu liefern Hashtags auf Twitter, die als dynamische Schlagworte charakterisiert werden können und am  vorangestellten „#“ erkennbar sind. Sie machen sichtbar, worüber gerade besonders intensiv diskutiert wird. Was aufschlussreich klingt, ist in der Praxis aber wenig zu gebrauchen, da Twitter selbst die Hashtags praktisch nur als Momentaufnahme anzeigt. Trendanalysen bietet Twitter ebensowenig wie die Möglichkeit, gezielt nach den Hashtags zu bestimmten Zeitpunkten in der Vergangenheit zu suchen. Wäre es da nicht möglich, ein deutschsprachiges Archiv zu diesen Hashtags aufzubauen und öffentlich zugänglich zu machen?

 

Produzent und Rezipient verschwimmen

Ein anderes Beispiel stellen Aggregatoren wie Rivva (Deutschland) oder TechMeme (USA) dar. An ihnen wird deutlich sichtbar, wie die bisher fein säuberlich getrennten Bereiche der Medienproduktion und -rezeption allmählich immer stärker zusammen rücken. Das Funktionsprinzip dieser Aggregatoren basiert auf der Auswertung von Verlinkungen, wie sie in Blogs, auf Twitter oder in Form von Likes auf Facebook bzw. Google+ vorkommen. Beiträge, die viele solcher Links erhalten, werden von den Aggregatoren dann angezeigt. Der Begriff „Beiträge“ muss hier jedoch weit gefasst werden: Neben Artikeln klassischer Nachrichtenmedien können dies auch YouTube-Videos, Blogartikel oder Textbeiträge auf Google+ sein.

Dass die Verknüpfung von (klassisch) medialen Inhalten mit ihrer Rezeption in sozialen Medien ein Thema mit Zukunft ist, belegt auch die Entwicklung bei Facebook: Interagiert dort ein User mit einer Anwendung, kann seine Interaktion selbst wieder zu einem sozialen Ereignis werden, das in Form einer Statusmeldung im Newsfeed seiner Freunde sichtbar wird. Dass die User damit unfreiwillig und unwissentlich zu Werbeträgern werden können, soll hier nicht diskutiert werden. Entscheidend ist hier nur die Sichtweise der Facebook-Entwickler, für die es die Grenze zwischen medialem Inhalt und einer vormals diskreten Rezeption nicht mehr gibt.

 

Das Soziale und die Medien

Führt man diesen Gedanken weiter, könnte uns eine Zeit bevorstehen, in der die Menschen solche Formen der Interaktion und Datentransparenz geradezu erwarten. Von Facebook und anderen Social-Media-Angeboten sozialisiert, wollen die modernen Medien-Konsumenten vielleicht schon bald nicht mehr einfach nur „Inhalte“ präsentiert bekommen, sondern dazu auch noch Informationen darüber, wer sonst noch gerade hier liest (oder hört), wer aus dem eigenen Freundeskreis auch schon auf dieser Seite war und wie gut diesen Freunden die dargebotenen Inhalte gefallen haben.

Dabei bezieht sich diese Entwicklung nicht nur auf den Bereich der Nachrichten: Das israelische Startup Serendip hat eine Art „Musikprogramm“ entwickelt, das auf Musikempfehlungen im Social Web (insbesondere Twitter) aufbaut und dem einzelnen Hörer ein individuelles Angebot ganz nach seinem Musikgeschmack bieten möchte. Dabei wird einerseits (auf der Content-Ebene) auf Dienste wie YouTube, Soundcloud oder Bandcamp zurückgegriffen, andererseits (auf der Rezeptions-Ebene) auf die Twitter-Accounts der einzelnen User.

 

Lineare Radioprogramme oder Contentplattformen?

Speziell dieses Beispiel sollte Radiosendern zu denken geben, die mit ihrem klassisch linearen Programmschema jüngere Hörer vielleicht schon bald nicht mehr erreichen. Wenn der Hörer von morgen ein individuell auf seine Bedürfnisse und Stimmungslage zugeschnittenes Programm haben möchte, warum muss er dann auf die Angebote von Startups zurückgreifen, anstatt sich aus dem enormen Fundus seiner öffentlich-rechtlichen Sender bedienen zu können? Und warum können die Sender nicht auf seine Daten bei Diensten wie Facebook oder Twitter zurückgreifen, um mehr darüber zu erfahren, was ihn als Hörer und Medien-Konsument gerade interessiert?

An dieser Stelle schließt sich der Kreis, denn unabhängig davon, ob man Informationen aus Social Media für ein größeres Gesamtbild analysieren und aufbereiten oder ob man personalisierte Angebote für die Hörer bereitstellen möchte, immer ist zunächst die grundsätzliche Wahrnehmung entscheidend: Social Media ist keine unbedeutende Spielwiese für Internet-User, die dort nur ihre Zeit totschlagen wollen, sondern entwickelt sich immer stärker zum integralen Bestandteil eines umfassenden Mediensystems, in dem Produktion und Rezeption nicht mehr ohne weiteres als getrennte Einheiten gesehen werden können. Vielmehr bedingen sich Produktion und Rezeption zunehmend gegenseitig, weil der Medienkonsument von heute in der Flut von Angeboten immer stärker auf Filter- bzw. Auswahlmechanismen zurückgreift, die in seinem sozial-digitalen Umfeld angesiedelt sind und er dabei selbst zum Filter für andere wird, so dass sich für ihn am Ende eine mehr und mehr personalisierte Medienpartizipation neuen Typs ergibt, die mit dem herkömmlichen Begriff des „Medienkonsums“ nicht mehr zu fassen ist.

 

Die große Chance

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, speziell den Radio-Sendern, sollte diese Situation Anlass geben, mehr zu tun, als sich mit den Kollegen aus Zeitungsverlagen darüber zu unterhalten, wer mehr Audio- und wer mehr Textbeiträge ins Netz stellen darf. Im Kern geht so etwas völlig an der Realität vorbei, weil es verkennt, welche Chancen und Perspektiven sich auftun, wenn das Internet in seiner ganzen Vielfalt jenseits traditioneller Mediencharakteristika wahrgenommen wird. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat im Grunde eine ausgesprochen interessante Zukunft vor sich, er muss nur seine Chancen erkennen und sie auch nutzen.

 

Matthias Schwenk, Unternehmensberater, schreibt unter anderem auf Carta und bwlzweinull.de