01.03.2012 | Internet & Recht

Plötzlich sind wir alle Urheber!

Der scheinbar schon ewig währende Konflikt um das Urheberrecht geht von einer alten Aufgabenteilung aus. Auf der einen Seite die Urheber, zum Beispiel Autoren, Komponisten oder Fotografen. Auf der anderen Seite die Rezipienten. Leser, Hörer, Zuschauer. In der Rolle des Mittlers gab es zudem lange die heute umstrittene Rolle der sogenannten Rechteverwerter – Buchverlage oder Plattenfirmen, um nur einige zu nennen. Dirk von Gehlen, Autor des Buchs MashUp und Redaktionsleiter von jetzt.de (Süddeutsche Zeitung), stellt den Grenzverlauf zwischen Produzenten und Rezipienten im Zeitalter der sozialen Medien in Frage.

Plötzlich sind wir alle Urheber! von Dirk von Gehlen

Vielleicht ist eine Ursache für den Erfolg der Anti-Acta-Demonstrationen der vergangenen Tage darin zu finden, dass die Pläne zur Verschärfung des Urheberrechts wieder klare Feindbilder liefern. Je nach Perspektive auf die Debatte gibt es eine deutliche Trennung zwischen der bösen Industrie und den armen Netznutzern bzw. zwischen den redlichen Kreativen und den moralisch verkommenen Dieben. Diese Wertung ist aus vielerlei Gründen:

falsch – und zwar in beide Richtungen.

Um eine Lösung für das sich aus dieser Feindeshaltung ergebende Dilemma zu suchen, muss man die Ursache für die Auseinandersetzung in den Blick nehmen: die digitale Kopie. Das kosten- und verlustfreie Duplizieren digitalisierter Inhalte verändert Nutzungsgewohnheiten und Vertriebsmodelle – und wir können dieser Veränderung quasi live zuschauen. Wir sehen also – zum Beispiel in unserem eigenen Leben -, worin der Grund für den Wandel (und die daran anknüpfende Debatte) liegt, ziehen daraus aber erstaunlicher Weise keine Schlüsse. Vielleicht weil es einfacher ist, die Schuld in der moralischen Verwerflichkeit des jeweiligen Gegenüber zu suchen. Diebische Kostenloskultur auf der einen oder grundrechtfeindliches Gewinnstreben auf der anderen Seite sind aber nicht nur untaugliche Begriffe, sie sind auch kaum die Auslöser für die Debatte. Es ist die digitale Kopie.

Durch deren gesamtgesellschaftliche Durchdringung bekommt Paul Watzlawiks Feststellung man könne nicht nicht kommunizieren eine neue duplizierende Bedeutung: Man kann nicht nicht kopieren. Kopieren ist Bestandteil unseres Alltags geworden und insofern kein tauglicher Gradmesser (mehr) für illegales Verhalten. Wer diesen aber sanktionsreich anlegt, erweist dem Urheberrecht und dessen Legitimation einen Bärendienst. Die beiden Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Guy Kirsch  und Volker Grossmann schrieben unlängst in der FAZ:

„Gesetze aber, die dem Rechtsempfinden zuwiderlaufen, sind auf die Dauer nicht durchzusetzen; mehr noch: Sie zerstören den Glauben an die Gesetzlichkeit. Somit besteht die Gefahr, dass das ohnehin schon problematische Verhältnis der Bürger zum Staat weiteren Schaden nimmt.“

Was sie damit meinen: eine alltägliche Tätigkeit außerhalb des Gesetzes zu stellen, ist mit sehr hohen Durchsetzungskosten verbunden. Ist eine Gesellschaft bereit, diese aufzubringen? Und wenn ja: Wofür?

Dass dadurch der oben skizzierte Graben weiter vertieft würde, ist vermutlich noch die geringste Folge einer solchen Strategie. Viel schlimmer ist, dass das notwendige Recht des Urhebers und die damit verbundene gesetzliche Förderung der Kreativität aus dem Blick geraten. Das Gegenteil ist aber notwendig: die digitale Kopie stellt die Gesellschaft vor die Herausforderung, Lösungen zu suchen, die mit dieser technischen Neuerung funktionieren und nicht gegen sie.

Um diese zu finden, hilft es vielleicht, Schlüsse aus der massenhaften Verbreitung der Kopie ziehen. Zum Beispiel diesen hier:

Dank der digitalen Kopie sind wir heute alle Urheber.

Dadurch dass es kinderleicht geworden ist, Inhalte zu kopieren, zu referenzieren und neu zusammenzustellen, bekommt der vermeintlich wenig geniale Jedermann plötzlich die Möglichkeiten, die z.B. das vermeintliche Genie Andy Warhol nutzte, als er eine Suppendose aus dem Supermarktregal ins Museum tranferierte, kopierte und so allgemein geschätzte (und geschützte) Kunst schaffte. Das Paradoxon der gegenwärtigen Kulturindustrie zeigt sich am anschaulichsten genau daran, dass einerseits Kopierwerke z.B. Warhols in Museen ausgestellt, andererseits Kopierwerke der gemeinen Jedermann-Urheber verfolgt werden. Denn es stimmt ja: Auch der kopierende YouTube-Nutzer, der z.B. aus der Rücktrittsrede Christian Wulffs einen Remix machte, ist ein Urheber, d.h. für ihn sollten die gleichen Pflichten aber eben auch Rechte gelten wie für einen allgemein anerkannten Kreativschaffenden wie Andy Warhol.

Ob man Warhols Werke dabei für künstlerisch wertvoller hält als das demokratisierte Kulturschaffen des unbekannten Jedermann, ist für die Debatte um ein zukunftsfähiges Urheberrecht übrigens unerheblich. Dem Urheberrecht muss es um die Schöpfungshöhe eines Werkes gehen und nicht um dessen (im übrigen ja ohnehin sozial konstruierten) künstlerischen Wert. Der Jurist Gerd Hansen erkennt in den Werken der aktiven Nutzer deshalb auch keine Amateurkunst, sondern „eine Form von aktiver Teilhabe am kulturellen Leben und eine Teilnahme am Informationsverbreitungsprozess, die es unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten zu bewahren gilt, weil sie Freiheit, autonome Selbstbestimmung, individuelle Persönlichkeitsentfaltung, den Pluralismus des öffentlichen Diskurses und die kulturelle Vielfalt fördern.“ (Quelle: iRights.info). Plötzlich dreht sich also die moralische Wertung:

Kreatives Kopieren ist zum Motiv gesellschaftlicher Teilhabe geworden.

Daraus folgert Hansen: „Wenn sich für diese diversen begrüßenswerten Formen kreativen Schaffens das geltende Urheberrecht als Hindernis erweist, muss es geändert und zur Bewahrung einer sich stetig erneuernden, partizipativen und offenen Kultur reformiert werden.“

Dass damit alles andere als die Abschaffung gemeint ist, beschreibt Hansen am zum Urheber gewandelten Konsumenten. Hansen stellt fest, „dass eine stärker nutzerorientierte Ausgestaltung des Urheberrechts wohl kaum mit dem traditionellen, rein urheberzentrierten Paradigma vereinbar ist, das allein auf die Schöpferpersönlichkeit als normatives Leitbild in individualistischer Rechtfertigungstradition zugeschnitten ist. Man kommt daher nicht umhin, die in Kontinentaleuropa lange vernachlässigten gemeinwohlorientierten Begründungen des Urheberrechts stärker heranzuziehen“. (Quelle: iRights.info)

Es ist an der Zeit, diese in den Blick zu nehmen.