03.03.2012 | Internet & Recht

Jeder ist ein Künstler – wird der Mythos wahr?

Recht soll schützen. Vor Übergriffen, Diebstahl oder Verleumdungen zum Beispiel. Aber wen schützt das Urheberrecht? Die Kontroverse um dieses Thema hat sich in Zeiten der Digitalisierung noch einmal dramatisch zugespitzt. Auch auf diesem Debattenportal wurde die Intensität der Auseinandersetzung in den letzten Tagen sichtbar. Nachdem Matthias Spielkamp in seinem Debattenbeitrag nach Argumenten und Scheinargumenten in der Diskussion suchte, und anschließend Dirk von Gehlen die Frage stellte, ob die Grenzziehung zwischen Produzent und Rezipient nicht in Auflösung begriffen ist, bezieht heute Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Stellung. Auch er geht der Frage nach, wer durch das Urheberrecht geschützt werden sollte. Denn der Künstler scheint im Zuge der Kontroversen zwischen die Fronten zu geraten. 

 

Jeder ist ein Künstler – wird der Mythos wahr? von Olaf Zimmermann

Jeder ist ein Künstler, dieser Satz von Joseph Beuys gehört sicherlich zu den meist zitierten der jüngeren Kunstgeschichte. Und er gehört sicherlich auch zu jenen Sentenzen, die oft und gerne missverstanden werden. Denn so einfach wie der Satz daherkommt, hat Josef Beuys ihn nicht gemeint.

Wer aufmerksam die Debatten zum Urheberrecht und vor allem die jüngsten Diskussionen um Mash Ups und Remixe verfolgt, ist versucht zu meinen, dank neuer Technologien ist es nun mehr tatsächlich möglich, dass jeder ein Künstler ist. Man nehme ein paar Filmsequenzen, unterlege sie mit Musik, füge ein paar Textsequenzen hinzu, rühre drei Mal kräftig um und fertig ist das neue Werk, so könnte etwa das Rezept für die Kunst der Zukunft aussehen. Die gängigen PC-Programme zur Komposition von Musik machen es vor, mit relativ wenig Aufwand kann ein beim ersten Hören einigermaßen passables Produkt erstellt werden.

Wir würden heute noch in Höhlen leben

Aber ist das tatsächlich Kunst? Besteht künstlerisches Schaffen darin, Versatzstücke miteinander zu kombinieren? Erschöpft sich die eigene Idee darin, ausreichend Material bei anderen zu finden, dieses zu nutzen und daraus etwas vermeintlich Eigenes zu kompilieren?

Ich denke nein! Und das Argument, dass schließlich alle Künstler die schon bestehenden Werke der Vergangenheit nutzen, ist ein Scheinargument. Selbstverständlich stehen wir auf den Schultern unserer Vorfahren. Wäre dieses nicht der Fall, würden wir heute noch in Höhlen leben und Bilder in die Wände kratzen. Dass Kunst, dass das Transzendieren der eigenen unmittelbaren Erfahrungen ein menschliches Bedürfnis ist, belegen genau diese ersten Höhlenmalereien. Kunst, künstlerisches Schaffen stellen einen hohen Wert für unsere Gesellschaft darstellt. In den künstlerischen Werken findet eine Reflektion der gesellschaftlichen Realität statt. Die gesellschaftliche Realität begegnet uns in der Kunst auf einer anderen Ebene, sie wird entkleidet von ihren Sachzwängen und Kompromissen. Das gilt sowohl für das zeitgenössische künstlerische Schaffen in der Schöpfung neuer Werke als auch in der Interpretation vorhandener Werke etwa in neuen Inszenierungen tradierter Stücke im Theater. Künstler können und dürfen Anarchisten sein. Sie können und dürfen in ihren Werken die Welt radikal in Frage stellen.

Professionelle Kunst ist harte Arbeit

Dass Kunst offenbar ein Grundbedürfnis gesellschaftlicher Reflektion ist, belegen archäologische Funde, die uns heute einen Eindruck davon vermitteln, wie Menschen in früheren Epochen mit Kunst gelebt haben, was sie künstlerisch bewegt hat, was sie durch Kunst gedacht haben. Die ungebrochene Aktualität beispielsweise der griechischen Tragödien illustriert die Wirkungsmächtigkeit künstlerischer Imagination, die uns heute noch in den Bann schlägt. Und sie zeigt auch, welchen Wert künstlerische Leistungen für unsere gesellschaftlichen Debatten haben. Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein, sondern braucht die Reflexion in der Kunst.

Professionelle Kunst ist harte Arbeit. Darum werden Künstler an Musik- und Theaterhochschulen, an Kunstakademien, an Filmhochschulen und anderen Ausbildungsstätten ausgebildet. Gerade hier in der Ausbildung findet die Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen der Vergangenheit und der zeitgenössischen Kunst statt. Das Studium an künstlerischen Hochschulen ist mehr als eine Ausbildung, in der vor allem Fertigkeiten erworben werden. Die Studierenden setzen sich intensiv mit der Kunst auseinander und versuchen ihren eigenen künstlerischen Ausdruck, ihren eigenen Weg zu entwickeln. Dass dieses nicht nur für den tradierten Kanon der sogenannten Hochkultur wichtig ist, wird am Beispiel der Popakademie Mannheim deutlich, die sich der Ausbildung im Bereich der populären Musik verschrieben hat. Ohne professionelle Künstler, die sich ganz dieser Aufgabe widmen, die Beruf und Berufung in ihrem, oftmals obsessiven Schaffen vereinen, würde die Kulturlandschaft sehr bald verarmen.

Die Missachtung der künstlerischen Arbeit und Idee

Und wenn künstlerische Arbeit ein Beruf ist, muss auch ein finanzieller Ertrag aus der Weitergabe dieser künstlerischen Werke gezogen werden können. Dann folgt daraus zwingend, für den Schutz des geistigen Eigentums einzutreten und zwar in seinen beiden nicht voneinander zu trennenden Elementen, dem Urheberpersönlichkeitsrecht und dem Verwertungsrecht. Im deutschen wie im kontinentaleuropäischen Urheberrecht gehören diese beiden Dimensionen des Urheberrechts unverrückbar zusammen. Die Verbindung von Werk und Urheber ist unauflöslich und der Urheber, also der Schöpfer, kann und muss die Entscheidung darüber treffen, ob und in welcher Form sein Werk veröffentlicht werden kann. Und es ist das gute Recht des Künstlers, sein Werk zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung zu stellen. Es ist aber ebenso sein gutes Recht, genau dieses nicht zu wollen, weil irgendwie auch sein Kühlschrank gefüllt werden muss.

Weil Kunst harte Arbeit ist, ist es eine große Anmaßung, wenn jemand sagt, dass Kunstwerke frei im Internet verfügbar sein müssen und von jedem für eigene Werke genutzt werden können müssen. Es ist eine Missachtung der künstlerischen Arbeit und Idee.

Weil eben nicht jeder ein Künstler ist

Das Urheberrecht ist keine Behinderungsstrategie für Leser, Zuschauer oder Zuhörer, sondern es ist mit seinen zwei Schutzaspekten, Urheberpersönlichkeitsrecht und Verwertungsrecht, das entscheidende Recht für professionelle Künstler. Sein hoher Stellenwert ist auch daran zu erkennen, dass das Urheberrecht immer beim Künstler verbleibt. Er kann Nutzungsrechte vergeben, bleibt aber stets unveräußerlich der Urheber eines Werkes.

Durch die Digitalisierung und die damit verbundenen neuen Chancen der Veröffentlichung von Werken hat sich an der Verbindung von Werk und Künstler nichts geändert. Verändert haben sich die Verbreitungswege und vor allem die leichtere Zugänglichkeit zu Werken. Und vor allem hat sich geändert, dass viele, die ansonsten im stillen Kämmerlein für ihre Liebsten völlig legal ein Patchwork aus Musik, Texten und vielleicht auch Filmschnipseln gebastelt haben, nun meinen, dieses im Internet, illegal, der ganzen Welt zur Verfügung stellen zu können. Und, das sei auch einmal deutlich gesagt, längst nicht jedes Patchwork auf YouTube oder wo sonst auch immer in Netz, ist ein künstlerisches Werk, weil eben nicht jeder ein Künstler ist!