09.03.2012 | Internet & Raum und Ort

Transnationalität im Internet

Die ganze Welt ist vernetzt. Dass Kommunikation und Völkerverständigung durch das Internet einfacher geworden sind, ist klar. Laut Stephan Urbach, Netzaktivist und Vorstandsmitglied bei 12 Miles Ahead, verlieren durch das Netz aber nicht nur geografische Grenzen an Relevanz, sondern auch Faktoren wie Geschlecht, Aussehen und Attraktivität. Sind wir einander durch das Netz alle gleich nah, schüren weniger Vorurteile und können uns über Grenzen hinweg nahezu barrierefrei verständigen? Wird Völkerverständigung online zum leichten Spiel, der oder die Einzelne vom Individuum zum Weltbürger? Stephan Urbach war gestern noch als Telecomix-Aktivist in unserem Radiobeitrag vertreten und nimmt heute als Diskurs-Autor einen utopischen Standpunkt ein. Das Netz als Grenzbrecher – Utopie oder Realität?

 

Transnationalität im Internet von Stephan Urbach

„Dieses Video ist in Ihrem Land leider nicht verfügbar.“ auf diese oder ähnliche Nachrichten stoßen viele Nutzer des Internets immer wieder und reagieren zunehmend mit Unverständnis: Die schlichte Übertragung von geopolitischen Grenzen auf das Internet scheint widersprüchlich. In sozialen Netzen verbinden sich Menschen über Kontinente hinweg. Globale netzbasierte Projekte wie die Wikipedia haben traditionelle Unternehmen und Organisationen in der Wahrnehmung vieler nahezu ersetzt. Das Netz als Kommunikationsraum, der Menschen überall auf der Welt direkt miteinander verbindet, passt nicht mehr in die engen staatlichen Grenzen.

Bevor das Internet innerhalb weniger Jahre eine beispiellose gesellschaftliche Kraft wurde, war Kommunikation und soziale Interaktion immer an unterschiedliche Grenzen gebunden. Einerseits existierte die oft signifikante Sprachbarriere selbst zwischen Nachbarländern, die den Austausch und die Zusammenarbeit erschwerten. Andererseits war eine effektive Interaktion nur bei einer gewissen räumlichen Nähe möglich: Briefe waren als Medium schlicht und einfach zu langsam und Telefongespräche sehr teuer.

Die Änderung von In- und Ausland

Die existierenden Grenzen dominierten die Sicht der Menschen auf die Welt: Obwohl ein Ereignis nur 20km entfernt stattfand, war es im „Ausland“ und damit gefühlt viel weiter entfernt als die Ereignisse in einer 500km weit entfernten Stadt im Inland. Sogar die mediale Berichterstattung trennte ganz klar zwischen In- und Ausland. Das Internet hat die Bedeutung dieser Grenzen weitestgehend weggewischt.

Die Sprache des Netzes, seine Lingua Franca, ist Englisch. Sicherlich finden wir im Netz bei weitem nicht nur perfektes Oxford Englisch sondern sehr oft grammatikalisch fragwürdiges „Pidgin-Englisch“, aber trotz all seiner Fehler und sprachlichen Unschärfe erlaubt dieses reduzierte Englisch Menschen überall auf der Welt eine direkte Kommunikation. Die sprachliche Barriere der Zusammenarbeit wurde so ganz massiv aufgeweicht, gerade auch, weil das bisschen Schulenglisch, was man vielleicht mitgenommen hat, ausreicht, um direkt teilhaben zu können.

Das Internet bringt Menschen enger zusammen

Die geografische Distanz, die bisher eine große Rolle für das Zustandekommen von Kommunikation hatte, ist im Netz nahezu irrelevant: Ob ein Datenpaket einmal um den Globus oder direkt zum Nachbarn gewandert ist macht „gefühlt“ keinen Unterschied. Im Speziellen macht es sich auch preislich nicht bemerkbar. Daraus folgt, dass es durchaus nicht unüblich ist, dass Menschen, die im Internet schon eine ganze Zeit kommuniziert oder kollaboriert haben, nach einiger Zeit zufällig feststellen, dass sie eigentlich in der selben Stadt wohnen. Das Internet bringt Menschen auf diese Art im wörtlichen Sinne „enger zusammen“: Jeder Mensch ist online gleich weit weg von mir.

Auch oft als „kulturell“ bezeichnete Faktoren treten bei der Kommunikation im Netz in den Hintergrund. Interaktion findet meist über Text statt: Chats, kollaborative Plattformen wie Wikis oder „Pads“  sind alles textbasierte Medien. Der starke Fokus auf Text ist dabei nicht nur der Bandbreite der Teilnehmer geschuldet, wie das noch vor einigen Jahren war, sondern erlaubt vor allem auch eine gewisse Zeitsouveränität: Die einzelnen Menschen können zusammen an etwas arbeiten oder über etwas reden ohne dabei konstant mit all ihrer Aufmerksamkeit beim Thema zu sein. Verpasste Gesprächsteile werden einfach schnell nachgelesen ohne dabei die Arbeit der anderen aufzuhalten.

Die Nationalität wie die Lieblingsfernsehserie

Und so macht das Internet die Menschen gleicher, macht sie alle schlicht zu „Digital Citizens“, die einzige Unterscheidung ist nur, ob man Zugang hat oder nicht. Im Internet ist Kommunikation „n zu n“, das bedeutet eine beliebige Menge an Menschen kann sich mit wiederum beliebigen anderen Mengen vernetzen. „Online zu gehen“ ist damit viel mehr als nur den Zugriff auf Katzenbilder und Youtube-Clips zu bekommen, es ist der Schritt weg vom isolierten, ohnmächtigen einzelnen Menschen hin zu einem global vernetzten Akteur der Welt, es ist der Schritt vom passiven Objekt des gesellschaftlichen Handelns hin zum aktiven Subjekt.

Grenzen machen die physische Welt nutzbar, managebar: Wir teilen die Welt ein in Bereiche, die wir kontrollieren und verstehen können, in Städte, Regionen und Länder. Auf jeder Ebene versuchen wir, nur die genau dort relevanten Probleme zu lösen („Subsidiarität“). Im Netz ist das nicht mehr relevant, eine Grenzziehung in der Form hat keinen Wert. Und genauso interagieren viele Menschen online miteinander: Die „Nationalität“ ist maximal noch irgendein Datenfeld neben der Lieblingsfernsehserie, die vielzitierten nationalen Unterschiede sind online viel zu weit weg und viel zu absurd um eine wirkliche Rolle zu spielen.

Grenzen sind absurd und falsch

Das Internet ist damit schon in seiner Grundausrichtung global und transnational. Die zugrundeliegende Technologie denkt nicht in Grenzen sondern nur in Konnektivität: Wenn ein Weg gerade nicht zur Verfügung steht, dann suche ich einen anderen, das Ziel ist, alle Teilnehmer direkt miteinander ohne Diskriminierung einiger oder Bevorteilung anderer kommunizieren zu lassen. Befreit vom Ballast der Grenzen aus der physischen Welt ist die Menschheit online eins, eine riesige Gruppe kreativer, kommunikativer Individuen, die zusammen die Probleme der Welt angehen können.

Das Netz ist grundlegend transnational und alle Bestrebungen, das Internet in irgendwelche nationalen Grenzen zu pressen ist so absurd wie es falsch ist.