13.03.2012 | Internet & Raum und Ort

Minimalistisches Facebook: Das Social-Networking-Portal innerhalb größerer Ökologien

Unter dem Themenschwerpunkt „Jenseits der Nation“ drehte sich der Diskurs bisher um die Nation als geografisch begrenzter Raum. Dass das Netz nationale Grenzen porös macht und sich mittlerweile zu einem ganz eigenen Lebensraum entwickelt hat, steht außer Frage. Einen Teil dieses Lebensraums bilden „Social Networks“ und Facebook ist mit etwa einer Milliarde Nutzer momentan das größte, umfassendste davon. Tendenz weiter steigend. Nicht selten wird Facebook deshalb auch als virtuelle Nation bezeichnet. Die New Yorker Soziologin Saskia Sassen über das System Facebook, die in ihm bestehenden Ökologien und deren Logik.

Soziale Netzwerke ermöglichen die Existenz abgeschlossener Gemeinschaften fernab geografischer Grenzen. So bildet Facebook zum Beispiel ein System, das nationale und geografische Schranken übersteigt und dennoch Platz für kleinere Subsysteme lässt. Wie gestalten sich diese Systeme innerhalb des großen Ganzen, welche Wechselwirkungen entstehen zwischen ihnen und wann und wie reagieren sie aufeinander?

Einen Einblick in die wissenschaftliche Perspektive auf diese Frage gibt die US-amerikanische Soziologin Saskia Sassen. Was macht sie aus, diese „Facebook-Gemeinde“, die über den gesamten Erdball verteilt zu Hause ist und deren Ideen und Ideale sich dennoch anzunähern scheinen? Laut Sassen ist es an der Zeit „Social Network“ neu zu denken. Statt sich von der bloßen Anzahl der Facebook-Mitglieder erschlagen zu lassen, gelte es, die eigene Perspektive auf das Netzwerk zu wechseln.

Denn die Vielseitigkeit der dort angesiedelten Welten werde uns erst bewusst, wenn wir dem größeren Kontext, in der eine einzelne Facebook-Aktion stattfindet, Beachtung schenken. Dazu sei ein Loslösen vom konkreten (räumlichen) Zusammenhang und Einbetten in die umfassendere Ökologie des Globalen notwendig. Facebook nicht als soziales Netzwerk, sondern als nationsübegreifendes Werkzeug im Entwicklungsstadium? Eine wissenschaftliche Betrachtung des Phänomens „Social Network“.

 

Minimalistisches Facebook: Das Social-Networking-Portal innerhalb größerer Ökologien von Saskia Sassen

Facebook ist überall, und diese Tatsache macht es generisch. Ein Flashmob, die Party eines Freundes, der Aufstand am Tahir-Platz – all das wird mithilfe von Facebook organisiert. Mit dem Ergebnis, dass grundverschiedene Welten in derselben technischen Netzwerk-Plattform Platz finden.

Daraus ist jedoch nicht zu schließen, dass diese Welten einander gleichen. Die technischen Eigenschaften elektronischer, interaktiver Domänen stellen ihre Funktionen über komplexe Ökologien bereit, die a) nicht-technologische Variablen, d. h. die sozialen, politischen und materiellen Topographien und b) die spezifischen Alltagskulturen der verschiedenen Akteure betreffen.

Verschiedene Facebook-Ökologien und ihre Logiken

Ein künstliches Bild, das man in diesem Zusammenhang anführen kann, beinhaltet, dass eben jene Ökologien teils durch die spezifischen, in diverse Logiken eingebetteten Domänen geformt werden (Sassen 2008). So wird eine Gruppe von Facebook-Freunden, die sich mit Finanzinvestitionen beschäftigt, durch die Nutzung von Facebook andere Absichten verfolgen als die Demonstranten in Kairo, die die nächste Demonstration nach dem Freitagsgebet planen. Selbst wenn dieselbe technische Möglichkeit zugunsten einer schnellen Kommunikation zur Verfolgung eines gemeinsamen Ziels genutzt wird, bleibt der Unterschied bestehen: zwischen denjenigen, die eine Investition planen, und denjenigen, die eine Demonstration am Tahir-Platz planen. Es sind die jeweiligen größeren Ökologien, die sich hier entscheidend voneinander unterscheiden.

Betrachtet man elektronische, interaktive Domänen als Teil dieser größeren Ökologien statt als einen rein technischen Zustand, schafft man einen konzeptuellen sowie empirischen Raum für das breite Spektrum der sozialen Logiken, die sowohl die Nutzer als auch die verschiedenen Alltagskulturen, die sich dieser Technologien bedienen, lenken. Jede der Logiken und Alltagskulturen aktiviert eine Ökologie (wenn beispielsweise ein „typischer“ Facebook-Nutzer seine „Freunde“ darüber informiert, dass er ein neues Restaurant oder eine bestimmte Party besucht) oder wird ihrerseits durch eine Ökologie aktiviert (z. B. beim Kampf der Demonstranten, bei dem Facebook als Kommunikationsmittel dafür verwendet wurde, eine bevorstehende Aktion anzukündigen).

Aus dieser Betrachtungsweise ergibt sich, dass Facebook in einem weitaus größeren Kontext, einer größeren Welt anzusiedeln ist als die Sache selbst. Wir müssen unsere minimalistische Vorstellung über Facebook neu überdenken – nicht nur der internen Welt von Facebook mit seinen zahlreichen Teilnehmern (1 Milliarde, immer noch steigend), sondern der größeren Ökologie, in der eine Facebook-Aktion angesiedelt ist, Beachtung schenken. Denn dann wird uns bewusst, wie beeindruckend die Vielseitigkeit dieser Welten ist, anstatt uns von der schieren Masse an Facebook-Nutzern beeindrucken zu lassen. Für einen Forscher kann Facebook als Schauglas für Welten dienen, die bisher unentdeckt geblieben sind.

Stetiger Wandel: Vom Facebook-Raum zu Facebook-Ökologien

Häufig wird Facebook als Teil eines sozialen Lebens für den Großteil seiner Nutzer beschrieben. Allerdings kann die Netzwerk-Plattform eindeutig nicht allein auf diese Funktion beschränkt werden. Man kann eine Entwicklung in Richtung einer weitaus größeren Palette von Anwendungsmöglichkeiten beobachten. Diese Entwicklungen werden besonders bei der Betrachtung der Art der mobilisierten Ökologie ersichtlich; besonders gut lässt sich dies am Beispiel der Protestbewegung vom Tahir-Platz feststellen. In diesem speziellen Fall stellt Facebook keinen Raum für „soziales Leben“ dar. Vielmehr fungiert es als Werkzeug, als Instrument. Es ist zwar dazu imstande, soziale Dichte zu erzeugen; dies ist in der Realität jedoch nur selten der Fall. Die Verwendung von Facebook als Werkzeug herrscht vor. Was besonders auffällt und was Facebook als „Akteur“ auftreten lässt, ist die größere Ökologie, die die Nutzung des Facebook-Raums in solchen Fällen mitgestaltet.

Parallel ist eine Verlagerung bei der Nutzung von Twitter festzustellen: Obwohl Twitter größtenteils noch als persönlicher Raum genutzt wird, hat sich inzwischen eine immense Vielfalt an Twitter-Aktivitäten entwickelt, die nicht-persönliche Themen betreffen. Die erstaunliche Produktivität von Twitter bei letzterem lässt darauf schließen, dass gerade in diesem Bereich seine Raffinesse liegt. Die Plattform sortiert und bearbeitet dieselben Informationen entlang Tausender Vektoren. Ökologien linksorientierter Ansichten zum Thema x werden auf diese Weise generiert und können als kritische Apparatur, die Informationen einordnet und relativiert, dienen.

Noch ist unklar, wohin sich Facebook in seinem individuellen Wandel von einem persönlichen, sozialen Raum zu einem Instrument in größeren Ökologien, die die Plattform nach außerhalb des Facebook-Freunde-Modus verlagern, entwickeln wird. Selbst wenn die Tatsache in einem Großteil der Betrachtungen über Facebook weitestgehend außer Acht gelassen wird, findet dieser Prozess meines Erachtens gerade statt.

Wenn immobile Menschen den globalen, politischen Ökologien beitreten

Anhand der Betrachtung von immobilen und damit ortsgebundenen Teilnehmern lässt sich untersuchen, wie Facebook Teil neuer Ökologien außerhalb des engen, persönlichen Freundschaftsmodus werden kann bzw. selbst Ökologien erzeugen kann.

Mich beschäftigt bereits seit langem die Frage, wie digitale Medien für ortsgebundene Aktivisten, die sich mit lokalen Fragen auseinandersetzen, zu einem entscheidenden Faktor werden können – allerdings interessiert mich nicht einfach nur der Einfluss der globalen Verbindung hierbei im engeren Sinne (Sassen 2008: Kapitel 7). Vielmehr gilt mein Interesse den größeren Ökologien, die durch die Ziele der Aktivisten mobilisiert werden, sowie der Frage, in welcher Form digitale Medien zur Bildung einer komplexen Formation beitragen können.

Auf welche Weise können neue soziale Medien dies bewirken und die Formation in einen komplexeren und einflussreicheren Zustand überleiten? Meiner Ansicht nach tut Twitter bereits genau dies, und zwar auf der Ebene künstlicher Informationen/Debatten/Brennpunkte – hierin liegt das größte Potenzial von Twitter. Twitter vermag es, immense Ökologien von Nicht-Teilnehmern/Mitgliedern der betreffenden Aktionen zu mobilisieren: Beobachter, Erzähler, Befürworter, Kritiker. Es aktiviert größere Welten für die spezifische Aktion oder den Kampf, die den Mittelpunkt all dessen darstellen. Twitter kann dabei eine erhebliche Rolle zukommen, und es kann dazu beitragen, einen bestimmten, lokalen Kampf zum Teil eines größeren Projekts zu machen, das die Politik mitgestaltet.

Meiner Meinung nach liegt diesbezüglich die prägnante technische Funktion von Facebook in den Topologien von Netzwerken. Facebook trägt zur Entwicklung eines artikulierten, vernetzten Raums bei. Dabei schöpft es allerdings nicht alle Möglichkeiten aus. Im Grunde tendiert es dazu, seine potentiellen skalaren Eigenschaften zu nivellieren – diese scheinen sogar in einem drastischen Widerspruch mit der „Freundschafts“-Kultur von Facebook zu stehen. Es könnte sich herausstellen, dass es genau dieser horizontale, artikulierte, vernetzte Raum ist, der das entscheidende technische Potenzial von Facebook birgt. Dieses Potenzial kann zu der Formation beitragen, die ich dazu heranziehe, der folgenden Beobachtung nachzugehen: Die Tatsache, dass lokale, immobile Aktivisten sich für bestimmte Arten von lokalen Problemen an Orten auf der ganzen Welt engagieren, suggeriert eine Art von kommunikationsunabhängiger Globalität. Daraus ergibt sich für mich die folgende Beschreibung für Facebook: eine globale Formation, die sich nicht über die breite Akzeptanz (1Miliiarde Mitglieder) konstituiert, sondern sich vielmehr durch die kleinen, weitestgehend ortsgebundenen, geschlossenen Räume auszeichnet.

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