15.03.2012 | Politik & Transparenz

Ausgebremst – Im Visier der Netzgemeinde

Donnerstags um 19.15 Uhr läuft im Deutschlandfunk das DLF-Magazin. 45 Minuten politische Reportagen und Portraits. Dort spiegeln wir die Themen der Debattenbeiträge, der Aufsätze und Essays des Onlinediskurses in Radioformaten. Heute geht es im DLF-Magazin unter dem Titel „Ausgebremst – im Visier der Netzgemeinde“ um Crowdcontrol und gläserne Politiker im digitalen Zeitalter. Autor des Beitrags ist Michael Watzke.

Das DLF-Magazin steht ab ca. 20 Uhr auch auf den On-Demand-Servern des Deutschlandfunk  zur Verfügung. Das Stück gibt es unten als Stream und Download.  Und hier noch die Moderationen aus der Sendung. So können Sie die Kontexte verfolgen. Dazu auch noch das MP3….

 

Karl-Theodor zu Guttenberg war der erste. Der erste Minister, der mit Hilfe des Internets stürzte. Aber bei weitem nicht der erste und einzige Politiker, der Internet-Aktivisten ins Netz ging. Wie der CSU-Politiker zu Guttenberg hat die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin es der Mithilfe zahlreicher Internetnutzer zu verdanken, dass Unsauberkeiten bei ihrer Doktorarbeit auffielen, was sie den Titel kostete.

Wir könnten die Liste derjenigen noch ein bisschen fortsetzen, die zu spüren bekommen haben, was passiert, wenn im Internet genug Menschen ihre Ressourcen bündeln. Auch die Schuhdemo gegen Expräsident Christian Wulff war ein Ergebnis. Crowd-Control heißt das. Die Menge kontrolliert die Politiker.

Das ist heute unser Thema in unserem Diskurs, den wir mit Ihnen führen wollen. Die Essays zum Thema  finden Sie im Internet unter diskurs.dradio.de.

Crowd-Control, so hat sich gezeigt, heißt aber auch, dass sich diese Crowd auch selbst sehr genau kontrolliert. Sie ist wenig zimperlich, wenn es um einzelne Mitglieder in ihrer Mitte geht, die sich plötzlich aus der Menge hervorheben. Sich selbst in den Vordergrund spielen:

 

Das Manuskript

 Martin Heidingsfelder sieht aus wie das Klischeebild eines Netz-Junkies. Blasse Haut, gerötete Augen, kariertes Hemd – ohne seinen Laptop ist der 46-jährige Franke nie zu sehen:

 „Ich leb mit dem Laptop zusammen. Ich lebe im Netz. Ich sag immer: bei mir geht das Internet intravenös. Das ist morgens das erste, was ich mach: dass ich über Twitter schaue, was ist passiert in der Nacht? Und abends ist es das letzte, was ich mach: was könnte noch passieren heute  Nacht?Also ich bin eigentlich Tag und Nacht mit dem Internet verbunden.“

Im world wide web mutiert Martin Heidingsfelder zu einer multiplen Persönlichkeit. Der Plagiate-Jäger und Gründer der Seite „vroni-plag“ versteckt sich hinter sogenannten „sock puppets“. Das sind erfundene Netz-Identitäten, unter denen er chattet oder Kommentare abgibt. Heidingsfelder tippt mit einem Kugelschreiber auf den Bildschirm:

„Da sieht man diese gelb markierten Synonyme: das sind Sockenpuppen von mir. „Stoiberin“ oder „Dr. Söder“ – dessen Namen hab ich halt mal so verwendet, damit ich da nicht so als Einzeltäter rauskomme.“

Dass die Sockenpuppen nach CSU-Politikern benannt sind, ist kein Zufall. Heidingsfelder ist SPD-Mitglied. Er macht vor allem Jagd auf potentielle Doktortitel-Fälscher aus dem konservativen und liberalen Lager. Sein Internet-Wiki „vroni-plag“  hat Möchtegern-Doktoren wie Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis oder die Stoiber-Tochter Veronika Saß enttarnt. Heidingsfelder bleibt hinter seinen sock puppets gern inkognito:

„Intern haben dass die Leute natürlich gewusst. Aber wenn jetzt jemand neu reingekommen ist in den Chat, konnte ich ihn eben über dieses weibliche Pseudonym „Stoiberin“, über dieses so-tun-als-wär-ich-eine-Frau, aus der Reserve locken und die Jungs motivieren, sich mir gegenüber zu beweisen.“

Heidingsfelder lacht wie ein Lausbub, der sich über einen Streich freut. Aber seine Tarnfiguren kamen nicht bei allen Internet-Aktivisten gut an. Der hauptberufliche IT-Berater hat sich mit einem großen Teil der Netzgemeinde zerstritten. Die Administratoren der Seite „vroni-plag“ entzogen ihrem Gründer den privilegierten Status eines „Bürokrators“. Begründung: Der Erlanger sei narzisstisch, unkontrollierbar, nicht konsensfähig. Er spiele sich in den Medien stets in den Mittelpunkt. Er selbst ist noch immer Inhaber der Namensrechte von „vroni-plag“ und sieht sich als Opfer einer Treibnetz-Jagd:

 „Die Leute, die eben meinen, andere Leute auszuschließen, begehen einen großen Fehler. Gute Teams und erfolgreiche Mannschaften zeichnen sich immer dadurch aus, dass sie selbst extreme Charaktere integrieren können.“

Martin Heidingsfelder ist so ein extremer Charakter. Ein deutscher Web-2.0-Visionär. Er ist anders als die meisten Netz-Aktivisten. Die sehen sich und ihre Mitstreiter eher als anonyme und amorphe Schwarm-Intelligenz. Heidingsfelder dagegen glaubt, es brauche auch im Internet prominente Köpfe, Anführer – wie in der Politik. Das Internet, sagt er, sei sowohl ein Abbild der Gesellschaft als auch eine Projektion ihrer Zukunft. Diese These bebildert er mit einem Rückgriff auf die Steinzeit:

„Wie bei den Höhlenmenschen ist es so: wenn Sie im Internet sind, dann sitzen Sie in Ihrer Höhle zuhause oder am Arbeitsplatz. Dort sind Sie relativ sicher und können ziemlich weit hinausschauen. Das macht den Erfolg dieses Mediums auch aus. Über diese Sicherheit, die das Zuhausesitzen bietet, um draußen etwas zu tun, entstehen ganz neue Möglichkeiten.“

Beispielsweise für die Reinheit wissenschaftlicher Standards zu kämpfen oder politische Demonstrationen zu organisieren. Ob auf dem Tahrirplatz in Kairo oder vor dem Berliner Schloss Bellevue. Dort versammelte Heidingsfelder via Facebook-Aufruf mehrere hundert Sympathisanten zur Schuh-Demo gegen den damaligen Bundespräsidenten Wulff. Der trat kurze Zeit später zurück. Das Netz hatte daran seinen Anteil, glaubt Heidingsfelder. Auch wenn der Einfluss überschätzt werde.

 „Die computergestützte Kommunikation, wie sie in sozialen Netzwerken abläuft, ist natürlich auch limitiert. Irgendwann will der Mensch auch mal Blick-, Haut- und Sichtkontakt. Das Netz kann viele Dinge nicht ersetzen, die der Mensch als soziales Wesen braucht.“

In den letzten Monaten hat sich Martin Heidingsfelder aus der aktiven Mitarbeit in verschiedenen Internet-Wikis zurückgezogen. Schließlich verdiene er damit kein Geld, sagt er. Stattdessen hat der Franke seine Erfahrungen bei vroni-plag zu einem, wie er sagt, tragfähigen Business-Konzept ausgebaut:

 „Ich prüf` halt Dissertationen auch gegen Entgelt. Für Personen, die etwas nachgeschaut haben wollen. Bücher von Verlagen, die Mängel aufweisen. Wo die Verlags-Inhaber mich beauftragen, noch mal genau nachzuschauen. Manche Autoren merken ja auch selber, dass sie Fehler gemacht haben.“

Er habe auch Auftraggeber aus der Politik, behauptet er. Martin Heidingsfelder sieht sich selbst als einsamen Netz-Detektiv. Dass seine „vroniplag“-Seite ohne die Mitarbeit ihres Erfinders nur noch vor sich hindämmert, bereitet ihm mehr Genugtuung als Schmerz.  Jedes Wiki hat seinen Lebenszyklus, sagt er. Der von „vroniplag“ sei Vergangenheit. Bald werde es neue Wikis geben. Heidingsfelder blinzelt müde, klappt den Rechner zu und seufzt.

„Es gibt sicher schönere Beschäftigungen im Leben, als vor dem Rechner zu sitzen. Aber ich brauch das halt zum Leben.“

 

Play