21.03.2012 | Partizipation & Politik

Nerdpolitiker versus Politiknerds: Wie der kräftezehrende Kampf der Milieus im Internet politischen Fortschritt hemmt

Digitale Subkulturen als politische Milieus jenseits von rechts und links? Scheinbar nicht. Das Netz verändert Politik. Doch wer ist eigentlich “das Netz”? Der Frage, wie man den zahlreichen neuen Herausforderungen, die die Digitalisierung an Politik und Öffentlichkeit stellt, online wie offline begegnen kann und muss, widmet sich Stephan G. Humer, Soziologe und Forschungsleiter im Bereich Internetsoziologie an der Universität der Künste, in seinem Text “Nerdpolitiker vs. Politiknerds”. Er sieht einen Grabenkampf, der ein Weiterkommen erschwert. Neue digitale Subkulturen haben neue politische Milieus geschaffen. Neue Zielgruppen haben das Wählerspektrum der etablierten Parteien erweitert und verändert. Aber auch für neue Parteien wie die Piraten stellt sich eine Zielgruppenproblematik. Wie kann die erste Internetpartei der Republik weitere Wähler hinzugewinnen? Denn um eine erfolgreiche Gestaltung von Digitalisierung zu ermöglichen, ist seiner Meinung nach ein Umdenken nötig – vor allem in den Köpfen der digitalen Avantgarde. Er plädiert für ein Ausbrechen aus der Engstirnigkeit und bessere Zusammenarbeit im Netz.

 

Nerdpolitiker versus Politiknerds: Wie der kräftezehrende Kampf der Milieus im Internet politischen Fortschritt hemmt von Stephan G. Humer

Der zu Recht wegen seiner Wortgewaltigkeit und seines diplomatischen Witzes vielgeschätzte Bundestagspräsident Norbert Lammert erlaubte sich als Vorsitzender der Bundesversammlung am 18. März diesen Jahres einen gleichermaßen unguten wie unnötigen Seitenhieb Richtung Internet. Er erwähnte die Würdelosigkeit vieler Debatten über die Fehler von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, die in den Medien stattfanden und fügte noch hinzu: „Von der zunehmenden Enthemmung im Internet im Schutze der tapfer verteidigten Anonymität gar nicht zu reden.“ Hier das Klischee von der vor allem nachteiligen Anonymität zu bedienen, höchst fragwürdig verbunden mit dem für Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nicht unwichtigen Satzbestandteil der staatspolitisch besonders sensiblen Gelöbnisformel, zeugt von genau der despektierlichen Weise, über die Digitalisierungsrevolution zu sprechen, wie wir sie als Gesellschaft sicherlich am wenigsten brauchen. Der ansonsten auf Ausgleich bedachte Bundestagspräsident hat hier in völlig falscher Art und Weise Partei ergriffen und so mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Verhärtung der Wagenburgmentalität beigetragen. Die Äußerungen des „gemeinen Volkes“ über Christian Wulff sind durch das Netz nur persistent geworden – in den Köpfen sind und bleiben sie mit oder ohne Digitalisierung. Jetzt, durch Facebook, Foren und Kommentarspalten, werden sie jedoch nahezu ungefiltert sichtbar, so wie die Pöbeleien und Schimpftiraden angetrunkener Hooligans, die Flüche eingebildeter Autorowdys und das alltägliche Mobbing in der Schule, Äußerungen, mit denen man vor allem deshalb (vermeintlich) besser umgehen kann, weil sie sich in kürzester Zeit verflüchtigen.

Der digitale Niederschlag

Der im Netz abgelassene Dampf findet hingegen seinen digitalen Niederschlag und fordert uns, Bürger wie Politiker, völlig neu heraus. Volkes Stimme mag ungeschminkt im Netz zu finden sein, doch muß jedermann alles machen und sagen, nur weil es möglich ist? Hier zeigt sich die soziale Unreife vieler Netznutzer, vor allem derjenigen, die sich für eine digitale Avantgarde halten, weil sie mit Technik ganz besonders gut klarkommen und nur deren Grenzen akzeptieren, andere jedoch nicht. Doch wie kam es zu einer solchen Verhärtung der Positionen? Warum geraten gerade Technik und Sozialität immer wieder zu Antipoden?

Eine Erklärung dürfte in der Milieuentwicklung des Internets zu finden sein. Als das Netz entstand, war man unter sich: eine kleine, recht homogene Gruppe von Wissenschaftlern bastelte an einem weitreichenden Netz, recht schnell ohne weiterführendes Interesse der ursprünglich von dieser Idee ganz besonders faszinierten US-Militärs. Ziel war die Vernetzung untereinander, zur effizienteren Nutzung von Ressourcen und zur besseren Kommunikation. Die E-Mail war dank freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Wissenschaftlern die erste echte Killerapplikation des jungen Netzwerkes, was weder geplant war noch gezielt gefördert wurde – es entwickelte sich schlicht und einfach aus dem Sozialverhalten der Protagonisten. Insgesamt blieb man trotz Nebenfolgen wie dem E-Mail-Siegeszug und aller militärischen, kommerziellen und privaten Experimente lange unter sich. Die erste deutsche E-Mail beispielsweise trudelte erst 1984 in Karlsruhe ein (und das ebenfalls noch auf wissenschaftlicher Arbeitsebene), das Interesse der Massen am Internet begann hierzulande sogar erst gegen Mitte der 1990er Jahre.

Massenverbreitungen beruhen auf den Massen

Es gab also einen vergleichsweise langen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten, in dem sich ein deutlich erkennbares Netzmilieu herausbilden konnte, an dem sich auch heute noch zahlreiche Hacker und Nerds orientieren, die beispielsweise in Chaos Computer Club und Piratenpartei aktiv sind. Dieses Milieu war und ist weit über diesen Ursprungskontext hinaus tonangebend in der digitalen Welt, in technischer wie in kultureller Hinsicht, und man gab sich oftmals keine Mühe, den unerfahrenen Netzneulingen („Newbies“) entgegenzukommen, sondern versuchte teilweise mit großem Eifer, diese ebenfalls an globaler Vernetzung Interessierten draußen zu halten. Kein Wunder, denn Massenverbreitung beruht nun einmal auf den Massen, die die Angewohnheit haben, kultivierte Refugien (und Gewohnheiten) umzuwälzen und diese Pläne kamen vielen Etablierten wohl sehr gefährlich vor.

Nun ist das Internet aber einerseits kein gepflegter Rosengarten, der von wilden Horten zertrampelt wird und den man deshalb mit dem Platonischen Eifer eines vermeintlichen Kulturgutbewahrers schützen muss, andererseits auch überhaupt kein klar umrissener Raum, den man konkret verteidigen kann, sondern ein hochgradig abstraktes, nur durch den gemeinsamen Nenner der Digitalität durchgehend gekennzeichnetes und extrem vielfältiges Netzwerk mit ganz unterschiedlichen Bereichen, Szenen und Möglichkeiten. Schon die Nutzung der ersten E-Mails zu persönlichen Zwecken – nichtintendierte Nebenfolge des Alltagshandelns der miteinander befreundeten Wissenschaftler und ihrer Familien – sorgte sowohl für entsprechende Zweckentfremdungsdiskussionen unter den Beteiligten als auch für den Beweis, daß sich die Inanspruchnahme digitaler Technik nicht um vermeintlich sinnvolle Regeln und Grenzen schert. Denn viele dieser Regeln und Grenzen sind lediglich Ausdruck sozialer Konstrukte und Diskurse, keine naturwissenschaftlichen Gegebenheiten, mit denen man sich abfinden muß. Sie können etabliert, aber eben auch geändert oder gar eliminiert werden. Während es zu Beginn noch sinnvoll gewesen sein mag, maximale Signaturlängen in E-Mails zu fordern, weil jedes übertragene Bit einen finanziellen Unterschied machte, wurde aufgrund der rasanten technischen Entwicklung und des Preisverfalls von Geräten und Datenübertragungen aus einem technischen Zwang schnell ein soziales Überbleibsel, welches immer wieder angegriffen wurde. So entstanden netzkulturelle Streitereien, deren Muster auch bei zahlreichen gegenwärtigen Auseinandersetzungen immer wieder erkennbar ist.

Die Wagenburgmentalität

Doch das Netz ist und bleibt in Bewegung. Es entstand im Laufe der Zeit eine vielfältige Mischung aus althergebrachten Regeln, massiv besonders von denjenigen verteidigt, die ihren Pionierstatus erodieren sahen, und neuen Entwicklungen, mit denen der stete Zufluss an Newbies die Alteingesessenen in ihren Grundfesten erschüttern konnte, weil sie soziale Elemente ins Netz brachten, die mit dem ARPANET-Elfenbeinturm und der heilen Welt der homogenen Netzpioniere wenig bis gar nichts zu tun hatten. Viele Protagonisten aus der Anfangszeit handelten freilich vernünftig und fügten sich den massenkulturellen Veränderungen, wohl wissend, daß sich der Wandel nicht aufhalten, durchaus jedoch mitgestalten läßt. Nicht wenige jedoch zogen sich zurück in Gebiete, die durch hohe Einstiegshürden und wenig massenkompatible Formen und Inhalte den Netzneulingen verschlossen blieben, beispielsweise in bestimmte Bereiche des Usenet mit seinen ganz speziellen, noch sehr ursprünglich anmutenden Diskussionsräumen.

Diese Wagenburgmentalität hatte freilich Folgen. Hier, wo man mit der Vernetzung der Massen nichts zu tun haben wollte, gediehen unterschiedliche Typen, welche oftmals eine erschreckend innige Verbundenheit von hoher Fach- und sozialer Inkompetenz an den Tag legen: mit dem ursprünglich wenig schmeichelhaften Begriff des Nerds bezeichnen sich viele Netzaktive inzwischen in einem ironischen Sinne selbst, nämlich dann, wenn von Expertentum und individueller Schrulligkeit die Rede ist. Häufig wird synonym von Geeks gesprochen. In der Hackerszene ist allgemein etwas mehr Sachlichkeit gefragt, schließlich geht es Hackern nicht nur um den individuellen Spaß an der Technik, sondern vor allem um schwerwiegende Sicherheitslücken, die gravierende Konsequenzen haben können, wenn sie unbehandelt bleiben. Dies führte auch zu Entwicklungen wie einer Hackerethik, welche dem Milieu zentrale Werte vermitteln und die Ernsthaftigkeit des Handelns unterstreichen soll. Deshalb findet hier auch im Besonderen genau dieselbe klare Selbstabgrenzung zu den technisch deutlich weniger kompetenten Skriptkiddies statt, die im Allgemeinen die Pioniere von all den spaßgesellschaftlichen Eindringlingen unterscheidet. Nochmals deutlich politischer und inhaltlich gebundener sind Hacktivisten, die ihre technischen Kenntnisse zu erkennbar politischen Zwecken einsetzen wollen. Mitstreiter von Anonymous dürften sich nicht selten zu dieser Gruppe zählen lassen.

Der Kreis der Nerds

Insgesamt blieb der Kreis der Nerds, Geeks und Hacker über die Jahre vergleichsweise klein, auch wenn er popkulturell nicht unentdeckt blieb. Diese Milieuentwicklung könnte man als Randerscheinung abtun, als gesellschaftlich unbedeutendes Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit, ein Refugium von Freaks – wenn nicht ab und zu bei diesen Menschen das Bedürfnis aufkäme, auf Angriff umzuschalten. Hier, in den digitalen Urnischen gedeihen dann die folgenschweren sozialen Irrtümer, mit denen Nerds, Geeks und Hacker voller politischer Ambitionen, aber denkbar schlecht gerüstet in die Schlacht ziehen. Zum Beispiel, wenn festgestellt wird, daß die Piratenpartei, bemüht um Gender-Mainstreaming sowie das Gewinnen der Herzen möglichst vieler nicht-nerdiger Wählerinnen und Wähler, allem Anschein nach ein heftiges Sexismusproblem hat. Oder wenn versucht wird, Individuen und Kollektive mit Maschinen gleichzusetzen und ihre Sozialstrukturen als programmierbare Systeme angesehen werden, all die psychologischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte über die vielfältigen Unschärfen und Unberechenbarkeiten des Menschen ignorierend.

Das mediale Meisterstück der Piraten

Es ist schwierig, in diesen selbstreferentiellen Zirkeln ein Gleichgewicht vorzufinden, ein ausgewogenes Verhältnis von Technik und Sozialität, gepaart mit einer unabdingbar pragmatischen Herangehensweise an sozial-digitale Herausforderungen. Und deshalb überraschen die Zahlen über den mutmaßlichen Piratenpartei-Sexismus auch nicht. Die sozialen und politischen Strömungen, die das Internet in der Anfangsphase kreiert und geprägt hat, sind oftmals gekennzeichnet durch Technikzentrismus und soziale Mangelerscheinungen. So fällt es der Piratenpartei gegenwärtig zu Recht schwer, mit Themen jenseits der Digitalisierung zu punkten – man glaubt es ihr einfach nicht. Und selbst wenn die Piraten dieses mediale Meisterstück hinbekommen würden, so stünde doch zu befürchten, daß der Entwicklungsfortschritt hinter den Kulissen weit weniger erfolgreich aussieht. So bezeichnet der Berliner Piratenpartei-Abgeordnete Christopher Lauer sich und die anderen Fraktionsmitglieder zwar als Außenseiter, die früher nie zu Partys eingeladen worden seien, erntet damit aber lediglich den Spott der anderen Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus – und belässt es ganz offensichtlich auch bei diesen Äußerungen. Dass die Piratenpartei gegenwärtig überhaupt einen solchen Erfolg bei den Wählerinnen und Wählern hat, ist nicht ihrer eigenen Stärke zu verdanken, sondern der Schwäche der anderen Parteien geschuldet, da diese meist kläglich versagen, wenn es um Internetthemen geht, dafür aber in allen anderen Bereichen als bevorzugter Ansprechpartner dienen, anders als die Piraten. Doch damit liefert keine Partei letztlich eine Basis für eine vernunftorientierte und weitsichtige Netzpolitik. Gute Ansätze sind bei einzelnen Personen und kleineren Initiativen erkennbar, sowohl in Sachen Internet bei den altbekannten Parteien als auch in Sachen Sozialkompetenz bei den Piraten – aber die berühmte Schwalbe macht leider noch keinen Sommer.

Die erfolgreiche Gestaltung von Digitalisierung

Dass insbesondere die digitalen Kompetenten hier keine größere Mittlerrolle einnehmen, ist sehr bedauerlich. Der Rückzug in die Wagenburg ist ein kräftezehrender Kampf, der die Gesellschaft nicht weiterbringt. Wie schön wäre eine ehrliche Öffnung, ein ergebnisoffenes Zuhören, eine engagierte Zusammenarbeit – stattdessen beharken sich Nerdpolitiker als Vertreter einer digitalen Pionierelite, Verfechter des „guten Internets“ und Politiknerds, die ihr junges Leben gerade nicht vor dem Bildschirm, sondern in langwierigen Ortsvereinssitzungen ihrer Partei, aber eben auch auf Partys verbrachten. Die einen wollen keine Hilfe geben, die anderen wollen sich keine geben lassen. Heraus kommt ein unnötig schlechtes Ergebnis für uns alle.

Es wäre schön, wenn wir endlich zu einer Form der Zusammenarbeit kommen könnten, die sich für die Sache, nämlich die erfolgreiche Gestaltung von Digitalisierung interessiert und sich nicht in Wagenburgmentalitäten und absurden Grabenkämpfen erschöpft, die netzpolitische Grundlagen erschafft, die das Netz als Teil unseres Lebens anerkennt. Als einen ganz besonderen, sehr wichtigen und zunehmend wichtigeren, aber eben nur als einen Teil von vielen. Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

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