22.03.2012 | Internet & Politik

Rattenfängerei 2.0 – Neonazis im Netz

Donnerstags um 19.15 Uhr läuft im Deutschlandfunk das DLF-Magazin. 45 Minuten politische Reportagen und Portraits. Dort spiegeln wir die Themen der Debattenbeiträge, der Aufsätze und Essays des Onlinediskurses in Radioformaten. Heute geht es im DLF-Magazin unter dem Titel „Rattenfängerei 2.0 – Neonazis im Netz“ um Inkognitostrategien von Neonazi-Gruppen, um neue Wählergruppen zu erschließen. Autor des Beitrags ist Thilo Schmidt.

Das DLF-Magazin steht ab ca. 20 Uhr auch auf de On-Demand-Servern des Deutschlandfunk zur Verfügung. Das Stück gibt es unten als Stream und Download.  Und hier noch die Moderationen aus der Sendung. So können Sie die Kontexte verfolgen. Dazu auch noch das MP3….

Dass das Internet für die rechtsextreme Szene zum bevorzugten Propagandamittel geworden ist, ist kein Geheimnis mehr. Aber rechtsextreme Inhalte im Netz sind lange schon nicht mehr unbedingt auch als solche zu erkennen. Nicht nur den Kleidungsstil, die Musik und das Auftreten bei Demonstrationen kopiert die Neonazi-Szene vermehrt von der linken Szene – auch die Schlagworte und Themen wirken bisweilen auf den ersten Blick wie Parolen der sozialen Bewegungen der 70er oder 80er Jahre. Und so haben die Rechten auch das Thema „Umweltschutz“ für sich entdeckt. Und vermarkten es im Internet – mitunter gut getarnt. Thilo Schmidt berichtet.

 

Der Internetauftritt der Zeitschrift „Umwelt und aktiv“, dem, wie es hier heißt, „Magazin für ganzheitliches Denken – Umweltschutz – Tierschutz, Heimatschutz“. Die Themen der Artikel: „Wo Schinken draufsteht, muss auch Schinken drin sein“ oder „Der Wald – Pfad der Sehnsucht“. Rechts wirbt eine Anzeige um Zeitschriftenabonnements. Etwas weiter unten schmückt man sich mit einer Zeitschriftenkritik in der „Jungen Freiheit“, einer Zeitschrift, die als Sprachrohr der Neuen Rechten gilt.Das muss man schon wissen, um einen ersten Hinweis zu bekommen, wer hinter der Seite steckt, sagt Maik Baumgärtner. Der Journalist beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema Rechtsextremismus.
„Als erstes guck ich mir natürlich gerne an, auf welche anderen Seiten die so verweisen. Das sieht natürlich auch erst mal alles ganz harmlos aus, und umweltbewegt…“
Die Spurensuche geht weiter. Nächster Hinweis: Das Logo oben links auf der Seite.
„Naja, stutzig macht einen schon mal gleich diese Irminsul hier. Die germanische Weltenesche.“ 
Das Logo von „Umwelt und aktiv“: Die Irminsul. Die Holzsäule mit großen Ästen steht für den Weltenbaum, ein Symbol aus der germanischen Mythologie. Benutzt wird es auch von völkischen Gruppen, – bei ihnen sind die Übergänge zur rechtsextremen Ideologie oft fließend . Darauf kommt man – wer kennt schon die „Irminsul“ – bei dieser Seite nicht ohne weiteres.
„Zuerst natürlich nicht, wenn ichs nicht kennen würde, allerdings, wie gesagt, würden mich natürlich ein paar Sachen stutzig machen. Halt mit diesen „Netzseiten“, und dieser Verweis auf ein anderes Naturschutzmagazin aus der extremen Rechten – aber klar, wenn ich da halt nicht sensibel für bin, dann ist das erstmal ne ganz normale Seite von Ökobewegten.“
Herausgegeben wird „Umwelt und aktiv“ von „Midgard“, einem Verein mit Sitz im bayerischen Traunstein. Ein Blick ins Vereinsregister offenbart: Die Vorstandsmitglieder von Midgard sind mit der rechtsextremen Szene verbandelt – einige haben eine Karriere bei der NPD hinter sich. Der Verein Midgard bzw. „Umwelt und aktiv“ wollte sich gegenüber dem Deutschlandfunk dazu nicht äußern. Das vorgebliche Engagement für die Umwelt mag zwar ein trojanisches Pferd sein, kommt aber nicht von ungefähr, sagt der Historiker Nils Franke:
„Sie kennen ja vielleicht das Schlagwort „Blut und Boden“, ein ganz wichtiger Bestandteil des Konzeptes der Nationalsozialisten war, und Boden bedeutet natürlich Natur, und damit meinen die Rechtsextremisten deutsche Natur, und darauf beziehen sie sich sehr gerne. Und so schlagen sie die Brücke zu diesem thematischen Bereich.“
Franke hat im Auftrag der Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz die Broschüre „Naturschutz gegen Rechtsextremismus“ erstellt, in der er analysiert, wie und warum Rechtsextreme vorgeben, sich für den Umweltschutz zu interessieren. Und stellt klar, was wirklich gemeint ist, wenn auf scheinbar unverfänglichen Webseiten von Umweltschutz – und „Heimatschutz“ die Rede ist:
„Erstens stellen sich die Rechtsextremen da in einer maliziösen, also bösartigen Art gut auf, sie machen das also sehr intelligent. Sie können das eigentlich nur dann erkennen, wenn sie ein gewisses Wissen über deren Ideologie haben, und sie müssen sich die Texte ganz systematisch durchdenken.“
„Na, dass es erstmal ein Thema ist, das ganz breit Anklang findet…“
… sagt Christiane Schneider von „jugendschutz.net …
„… und für das sich jeder gerne einsetzen möchte, oder das ein ganz positiv besetztes Thema ist. Und das eben zu missbrauchen, oder sich daran anzuhängen, ist natürlich diese Taktik, ganz gezielt außerhalb rechtsextremer Kreise Interessenten zu finden, um Unterstützer zu finden, und um sich selbst so dieses Bild zu geben: Ja, wir wollen doch eigentlich auch nur hier was Gutes.“
Die länderübergreifende Einrichtung „jugendschutz.net“ geht seit 1997 jugendgefährdenden Angeboten im Internet nach und sorgt dafür, dass problematische Inhalte aus dem Netz verschwinden. Denn das Internet ist schnell, flüchtig und für jeden verfügbar.
„Wenn Sie die alten Medien nehmen, Rundfunk, aber auch die Printmedien, da haben sie immer einen Journalisten gegenüberstehen, der sie interviewt, und den müssen sie dann erstmal überzeugen. Aber bei den neuen Medien, im Internet, da ist der Rechtsextremist eben sein eigener Redakteur. Da gibt es diesen Gatekeeper, derjenige, der eigentlich die Möglichkeit gibt, etwas zu veröffentlichen, den gibt es nicht mehr, und dementsprechend können sie das gut nutzen. Und es ist billig, das kommt dazu…“
Etwa 1.700 deutschsprachige rechtsextreme Webseiten haben die Mitarbeiter von jugendschutz.net ausgemacht. Zwar ist die Zahl dieser klassischen Seiten leicht rückläufig. Um so dramatischer jedoch ist die Zunahme im Web 2.0, also in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf Videoplattformen wie youtube, die viel mehr Möglichkeiten bieten, Inhalte schnell online zu stellen. Christiane Schneider:
„Früher musste man sich ’ne Website bauen und dafür einiges an Kenntnis haben, und jetzt kann man eben einfach gewisse Vorlagen benutzen, kann  Blogs, die schon erstellt sind einfach noch ein bisschen anpassen, und dabei gleichzeitig noch ne viel breitere Masse an Menschen potentiell erreichen.“
Auch die von Rechtsextremen betriebene Webseite „Umwelt und aktiv“ ist bei Facebook präsent. Und verlinkt dort Artikel wie „Kein Endlager in Gorleben“, „Der Wolf wird heimisch“ oder „Initiative gegen Gentechnik“. Was auf den ersten Blick recht grün aussieht, ist in Wirklichkeit tiefbraun.
Auf Facebook, wo dann eben der eine teilt und der andere liked und der andere shared und was weiß ich, dann erreicht es erstmal vor allem auch Jugendliche außerhalb der klassischen rechtsextremen Szene. Und das ist eben auch eine Taktik, die zum Beispiel die NPD auch ganz gezielt nutzt und auch innerhalb ihrer Kreise dazu auffordert, um an Jugendliche ranzutreten.
In seinem letzten Jahresbericht zählte jugendschutz.net 6.000 rechtsextreme Videos, Profile und Kommentare im deutschsprachigen Web 2.0. Mittlerweile dürften es erheblich mehr sein.

***

Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:

Die Neonazis unter uns: Vom fahrlässigen Umgang mit der rechten Szene (zum Bericht)

Pro und Kontra eines NPD-Verbotes: Blick in Politische Zeitschriften und Blogs (MP3)

Unterschätzte Gefahr: Rechte Gewalt in Deutschland (zum Bericht)

“Es muss sehr sorgfältig geprüft werden: “Verfassungsschutzpräsident skeptisch zu NPD-Verbotsantrag (zum Bericht)

Play