23.03.2012 | Partizipation & Politik

Digitalisierung – eine Innovation, aber keine Revolution des Politischen

Anonymous, Facebook-Revolutionen, Wähler 2.0 – Digitalisierung klingt immer auch ein bisschen nach Umbruch, nach Revolution. Auch dem Wähler eröffnen sich durchs Netz zahlreiche neue Möglichkeiten. Neue Kommunikations- und Informationswege scheinen die Wählerschaft zu verändern und ermächtigen. Für die Parteien wird sie immer unberechenbarer. So jedenfalls die Theorie. Doch wie sieht die dazugehörige Statistik aus? Der Frage, wie Digitalisierung Informations- und Kommunikationswege der Wähler verändert, geht Joachim Koschnicke, Geschäftsführer des Forsa-Instituts, in seinem Debattenbeitrag nach.

 

von Joachim Koschnicke

Die Frage, ob die Digitalisierung und die Möglichkeiten im World Wide Web die Wähler verändert haben oder verändern werden ist wichtig und richtig gestellt. Werfen wir einen Blick zurück in die Zeit, in der es den Deutschlandfunk noch gar nicht gab – in das Jahr 1953 – und vergleichen es mit der Gegenwart. Vor fast sechzig Jahren (1953) sagten 64 Prozent der Deutschen, dass Politik und politische Entscheidungen für ihr eigenes Leben sehr wichtig sind.
36 Prozent ordneten politische Entscheidungen als „ziemlich egal“ für das eigene Leben ein. Daran hat sich nichts dramatisches geändert. Auch heute, im Jahr 2012, beurteilen 71 Prozent der Deutschen (alte Bundesländer) das politische Geschehen als sehr wichtig für ihr eigenes Leben.

Daraus könnte man schließen, alles sei in bester Ordnung. Was die Relevanz der Politik anbelangt, ist das auch so. Dies stellt keiner in Abrede. Es gibt aber auch ein „Aber“. Wir alle kennen das viel verwendete Wort der „Politikverdrossenheit“. Mich persönlich ärgert der Umgang mit diesem Begriff genauso wie der unterphilosophierte Begriff der „Wutbürger“. Beide Termini beschreiben lediglich die Folge eines Phänomens, das man mit einem immensen Vertrauensverlust in die politischen Akteure beschreiben kann. Alleine seit dem Bundestagswahljahr 1994 ist der Unmut über Politiker und Parteien von 11 Prozent auf 35 Prozent gestiegen – ein Anstieg von 24 Prozentpunkten in 17 Jahren. Vergleicht man dies mit der oben angeführten Relevanz-Frage und dem Ergebnis, dass sich in 59 Jahren relativ wenig verändert hat – ein Weckruf für die Politik.

Die Politik hat also kein Relevanzproblem, wohl aber ein Akzeptanzproblem. Die Folge sind stetig steigende Nichtwählerzahlen, wohinter Bürger stehen, die nicht daran glauben, mit ihrer Stimme etwas bewirken zu können. Bürger, die keiner Partei das notwendige Vertrauen schenken oder die Kompetenz unterstellen, die Probleme in unserem Land bewältigen zu können.

Was hat das alles mit der Digitalisierung zu tun? Sehr viel. Die Möglichkeiten der Digitalisierung für Informationsbeschaffung und Kommunikation stellen Sprunginnovationen dar, die unser Leben bereits grundlegend verändert haben und weiter grundlegend verändern werden. Selbstverständlich ist davon auch die Politik erfasst – noch nie war die Transparenz so groß (man erinnere sich an das Aufdecken der Plagiate im vergangenen Jahr und die wachsende Rolle von youtube in Wahlkämpfen), noch nie sind Informationen so schnell in die Welt geschossen (was die Geschwindigkeit anbelangt schlägt Twitter jede Nachrichtenagentur). Gleichzeitig kann – ebenfalls in einer langfristigen Betrachtung – aufgezeigt werden, dass die klassischen Medien nicht an Bedeutung verloren haben. 1953 nutzen 84 Prozent die Zeitung als Informationsmedium, heute sind des 89 Prozent. 76 Prozent nutzen das Internet für diese Zwecke, viele davon nutzen beides und sehen sie nicht als sich substituierende Medien, sondern als sich ergänzende. Nimmt man rein die genutzten Informationsquellen zu politischen Themen in den Fokus, ergibt sich eine spannende Reihenfolge: An einsamer Spitze rangiert das Fernsehen (83 %), gefolgt von der Tageszeitung (72 %), dem Radio (58 %), dem persönlichen Gespräch (55 %!) und erst dann folgt das Internet (45 %).

Wir alle sind also klug beraten, das Internet und seine Möglichkeiten zu nutzen und ihren Zweck gleichzeitig einzuordnen. Es ist schlicht eine neue Informationsquelle und ein neuer Kommunikationskanal dazu getreten. Selbst Anhänger der Piratenpartei nutzen es nicht als einzige Informationsquelle. Und dass jüngere Menschen weitaus mehr darauf zurückgreifen als Ältere liegt auch in der Natur der Sache und kann nicht verwundern. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass ärmere Menschen in Deutschland (definiert mit einem Haushaltsnettoeinkommen unter 1.000 Euro im Monat) nur zu 55 Prozent das Internet nutzen, während reichere Bürger (Haushaltsnettoeinkommen über 4.000 Euro im Monat) zu 95 Prozent dieses Medium nutzen. Wer immer also die neuen und wunderbaren Möglichkeiten nutzt, muss wissen, dass er damit „nur“ bestimmte Schichten und Gruppen erreicht und sollte gewarnt sein, sich darauf zu beschränken. Übersieht man diese Tatsache, spaltet man die Gesellschaft schon im Ansatz.

Zurück zur Ausgangsfrage: Verändern Digitalisierung und Internet die Wähler? Eine dreigeteilte Antwort. Erstens: Es verändert bzw. erweitert das Informations- und Kommunikationsverhalten der Wähler. Zweitens: Es verändert aber nicht das Wahlverhalten selbst. Drittens: Politiker und Parteien sollten dieses Medium nicht als Alibi und Ausweis von Modernität, sondern als ernstzunehmende Informations- und Diskurs-Plattform nutzen um zumindest Teile derjenigen wieder zu erreichen, die sich von der Politik bereits abgewandt haben. Dabei müssen sie gleichzeitig die klassischen Medien wie auch das persönliche Gespräch als Disziplin hochschätzen.

P.S. 50 Jahre Deutschlandfunk und der Sender schaut nicht in den Rückspiegel, sondern nach vorne. Glückwunsch!

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