26.03.2012 | Partizipation & Politik

Fest, flüssig, flüchtig: Aggregatzustände des Politischen im Netz

Flüchtigkeit, Veränderung, Prozess – es ist vor allem das Spontane, das Unkalkulierbare, dass das digitale Zeitalter auszumachen scheint. Alles ist im Wandel – immer und ununterbrochen. Doch so flüchtig all die Aktivitäten und Veränderungen im Netz und durch das Netz bedingt auch sein mögen – es gibt immer wieder Überlappungen und Gruppierungen. Beweist nicht zuletzt der erneute Wahlerfolg der Piraten im Saarland, dass es sich bei (politischen) Gruppierungen im Netz um mehr handelt als einen bloßen Hype? Laut Till Westermayer, Soziologe und parlamentarischer Berater für Medien und Netzpolitik für die Fraktion der Grünen im baden-württembergischen Landtag, verfestigt sich vermeintlich Flüchtiges am Ende auch im Netz zu festen Strukturen.

Fest, flüssig, flüchtig: Aggregatzustände des Politischen im Netz von Till Westermayer

Teil I. Das Netz der Gesellschaft

Das Netz ist das Netz. Es war ein Meer, ist ein Raum und ein (Nicht-)Ort , ähnelt einer Stadt und bringt vielleicht eine Zeit mit sich. Aber zuerst und zuletzt ist das Netz – als technische Infrastruktur wie als soziales Medium – ein Bündel von Netzwerken, und in dieser Weise ein ganz eigenes soziales Phänomen.

Zu Recht wurde es zum gesellschaftsdiagnostischen Leitmotiv unserer Zeit erkoren, etwa wenn Castells über das Informationszeitalter als Netzwerkgesellschaft spricht. Prozesse der Vernetzung und des Ausschlusses definieren soziale Zugehörigkeit und sozialen Erfolg. Institutionen ersetzen Dauer durch die Flexibilität sich öffnender und schließender Verbindungen. Das Netz macht es uns schwer, Gemeinschaft territorial zu definieren. Es reicht heute aus, den mobilen Zauberspiegel Smartphone bei sich zu tragen, um sich in fortwährende Kommunikation mit vage Gleichgesinnten in den sich überschneidenden Sphären digitaler Teilöffentlichkeiten mit ihren lose begrenzten Horizonten zu begeben.

Wo sich soziale Kreise schneiden, treten schnell Mechanismen der Filterung, Selektion und Sortierung in Erscheinung, verteilt auf Menschen und Maschinen. Alltäglich unbewusst wie algorithmisch unterstützt wird eliminiert, was den Kommunikationsfluss stört, und damit immerfort neu definiert, was und wer dazu gehört und was und wer ausgeschlossen wird. Luhmanns Wort, dass wir alles, was wir über die Welt wissen, aus den Medien wissen, scheint seine Geltung im Angesicht zu verlieren, wo Augenzeugenberichte und endlos retweetete Schlagzeilen scheinbar gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Grenzen zwischen Gespräch und Nachricht verschwimmen, verflüssigen sich. Zumindest wirkt es so.

Als universelle Infrastruktur ignoriert das Netz Inhalte. Es lässt sich für dieses und jenes gleichermaßen nutzen. Als soziotechnisches Gebilde neigt das Internet dazu, seine eigenen Kommunikationskonventionen für richtig zu halten. Als Infrastruktur hat es kein Gefühl für die sozialen Grenzen der Institutionen und Subsysteme der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft. Es lockt mit Mühelosigkeit, und erzeugt in der Gewöhnung an mühelose Kommunikation starke Bindungskräfte. Wer sich in das Netz begibt, verstrickt sich.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, die universelle Infrastruktur des Netzes als universellen Gleichmacher zu verstehen. Vielleicht noch ausgeprägter als ältere, stärker durch ihre feste Materialität geprägten Technostrukturen erweist sich die Netzinfrastruktur als formbar. Selbst Signalleitungen und Funkmasten, Rechenzentren und Router sind weniger „hart“ als vordigitale Techniken, denn immer spielt auch Software mit. Hier entscheidet über die Gestalt der Technik, wer über Updates entscheiden kann. Auf der weicher gewordenen Hardware gründen die Apps und Anwendungen. Aber nicht nur Code definiert die Netzkommunikation und ihre Grenzen, sondern ebenso die sozialen Regeln der dort Kommunizierenden. Wo technischer Code und informeller Kodex übereinstimmen, verstärken sie sich und werden unsichtbar, werden als Substrat der Kommunikation gar nicht mehr wahrgenommen. Wo sie auseinanderklaffen, holpert und hackt es, etablieren sich Hacks und Umwege. Code wie Kodex mögen stabil erscheinen, können aber in jedem Moment in Fluss geraten, und fordern damit von Individuen, Organisationen und sozialen Systemen andauernd Flexibilität ein.

Die soziotechnischen Ausgangsbedingungen des Netzes mögen den Eindruck des anything goes erwecken. Dem ist aber nicht so. Vielmehr kommt beides zusammen: genauso wirkungsstark wie die Flexibilitätserwartung der Netzkommunikation ist die fortdauernde Erwartung, dem vorgängigen bereichsspezifischen praktischen Wissen, der vorgängigen Wirklichkeit, gerecht werden zu müssen.

Beides wird den im Netz agierenden Personen zugerechnet, beides wird von diesen erwartet. Verstöße gegen Adäquatheitserwartungen werden nicht vergessen, einmal Geäußertes ist im digitalen Archiv festgehalten und unterliegt nicht mehr der eigenen Kontrolle.

Wiederum gilt, dass sich Sphären und Teilöffentlichkeiten überlagern. Damit wird es, je mehr Teilbereiche vernetzt sind, hochwahrscheinlich, dass die divergierenden Rollenerwartungen der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft sich in den Knoten des Netzes treffen, dass – so paradox das erscheinen mag – gerade im Netz das Individuum als ganzheitliche Person in Erscheinung tritt. Damit wird halbwegs öffentlich, was bisher private Notwendigkeit war: die Anforderung an die Person, die sich im eigenen Leben schneidenden Kreise zusammenzuhalten und als Ganzheit zu repräsentieren. Die Netzwerkgesellschaft erschwert es, die funktionale Differenzierung der Moderne aufrecht zu erhalten, weil diese getrennten Felder hier jederzeit zusammenfallen können.

Die Anforderung, die ganze Person zu repräsentieren, gilt umso mehr, je stärker Netz und „Realraum“ zusammenfallen. Aus der Frühzeit des Internet kommt das Sprichwort, im Netz wisse keiner, dass einer ein Hund sei. Wer aber im Zeitalter sozialer Netzwerke auf Dauer so tut, als sei er kein Hund, weckt damit stabile Erwartungen und muss diesem Anspruch auch in Zukunft gerecht werden – ganz egal, unter welchem Handle, ob Pseudonym oder nicht. Das soziale Netzwerk lässt sich, wenn überhaupt, nur mit großen Anstrengungen auf den „virtuellen Raum“ begrenzen.

Als Gesellschaft sind wir gerade dabei, politisch, rechtlich und sozial zu lernen, wie wir mit dieser Notwendigkeit ständiger Zurechnung unter Kontrollverlust umgehen können. Wir bilden neue Praktiken aus. Dazu gehören Debatten über Transparenz, Datenschutz und privacy ebenso wie die Forderung, Kulturtechniken der Kontrolle zu erlernen – also etwa Partybilder so zu posten, dass Personalchefinnen und politische Gegner sie nicht finden.

Anders ausgedrückt: Der technische Code setzt hier den sozialen Kodex unter Evolutionsdruck. Mit der Zeit werden sich neue Konventionen dafür herausgebildet haben, was als akzeptabel gilt und was nicht. Andere Beispiele – etwa die heute kaum noch vorhandene Aufregung um das öffentliche Telefonieren mit dem Mobiltelefon – zeigen, dass und wie dieser Prozess des Rearrangements sozialer Praktiken funktioniert. Aber noch befinden wir uns hier in einem Moment der Unsicherheit, noch ist kontingent, was in einigen Jahren ganz selbstverständlich als kompetenter Umgang mit der scheinbar mühelosen Kommunikation und dem langen Gedächtnis des Netzes gelten wird.