28.03.2012 | Internet & Journalismus

Die Politik umgeht den Journalismus. Und Twitter und Facebook sind die Komplizen.

Ein Radar für soziale Netzwerke

Bei dapd haben wir deshalb beispielsweise eine neue Funktion geschaffen: Direkt am Newsdesk, in Rufweite der Ressortspitzen und unserer Nachrichtenchefs, scannt unsere neue Redakteurin Jessica Binsch soziale Netzwerke. Als „Netzwelt-Koordinatorin“ alarmiert sie die Basis-Ressorts und unsere Büros in der Fläche, wenn Protagonisten, Medien oder Augenzeugen eine relevante Neuigkeit verbreiten. Bei Katastrophen und Demonstrationen sichtet sie das Material, das Amateure mit ihren Fotokameras ins Netz speisen. Und sie fungiert als interner Support: Web-2.0-Recherchen kommen von ihr auf Zuruf. In den Ressorts und Landesbüros wird Jessica Binsch von Social-Media-Botschaftern unterstützt, die als Nachrichtenfinder im Netz unterwegs sind und zugleich die Botschaft vom Web 2.0 als Nachrichten-Initiator unter den Kollegen verbreiten.

Natürlich reicht es nicht aus, ein einziges Radar für soziale Netzwerke in einer großen Redaktion zu installieren. Letztlich ergänzen soziale Netzwerke die klassischen Instrumente der Recherche und Medienbeobachtung. Wie in vielen anderen Häusern, so schulen auch wir intensiv all unsere Redakteure darin, das Netz bewältigen und souverän mit ihm recherchieren zu können.

Noch einmal die Schulbank drücken

Dieser Wandel braucht gewiss Zeit, denn nicht alle Kollegen gehen in der neuen Wunderwelt der Technik auf. Für viele ist die Arbeit mit den neuen Instrumenten nach wie vor Neuland. Sie müssen Entwicklungen wie das Web 2.0 mit seinen neuen Formen der Kommunikation erst einmal in ihren professionellen Alltag integrieren, weil eben nicht alle Journalisten digital natives sind. Sie müssen umlernen und noch einmal die Schulbank drücken.

Andererseits drängt die Zeit: Prominente und politische Bewegungen haben soziale Netzwerke bereits in ihren Alltag aufgenommen. Die Verbreitung von Smartphones führt zudem dazu, dass Augenzeugen das Netz in nie dagewesener Geschwindigkeit mit Eindrücken in Bild und Ton bestücken. Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel dafür war der 22. Juli 2011.

Damals dauerte es gerade einmal 13 Minuten, bis nach der Explosion im Regierungsviertel von Oslo erste Fotos und Videos vom Ort des Geschehens auf Twitter auftauchten. Als derselbe Täter wiederum kurze Zeit später auf der nahegelegenen Insel Utöya unter Nachwuchspolitikern ein Massaker veranstaltete, twitterte gar einer der Betroffenen live: „Schüsse auf Utöya. Viele Tote.“ Der junge Mann, Adrian Pracon, überlebte. Auch das notierte er auf Twitter. Reporter fanden so rasch ihren Augenzeugen.

Eine Fälschung, die echt aussah

In Zeiten, in denen Exklusivnachrichten zunehmend zur Mangelware und Neuigkeiten mit einem Mausklick weltöffentlich werden, kommen auf Redaktionen und Reporter neue Aufgaben zu. Mehr denn je geht es darum, Relevantes schnell zu verfassen – und vor Verbreitung zu verifizieren. Oft entpuppt sich nämlich auch als Fälschung, was echt aussah: Merkel-Sprecher Steffen Seibert bei Google+. Die Meldung über den Tod des US-Präsidenten Barack Obama im Twitter-Kanal von Fox News. Ein digitales Profil des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer.

Medien sind hier gefordert wie selten zuvor. Das abgenutzte und doch immer relevantere Bild des Journalisten, der einen sicheren Gang durch den Informationsdschungel schlägt – hier ist es tatsächlich angebracht. Das Web 2.0 verändert unsere Arbeit und unser Selbstverständnis. Es ist aber vor allem auch: eine Chance. Eine Chance für uns Journalisten und eine Chance für den Leser beziehungsweise Nutzer.

Denn eine entscheidende Wendung bleibt bei dem oben Gesagten unberücksichtigt: Wenn Politiker, Unternehmen und Verbände sich direkt an die Social-Media-Gemeinde wenden, dann ist das, was sie verbreiten, eben oft keine News, sondern PR in eigener Sache, wie eine Pressemitteilung. Diese Akteure tun als „Gegenstände der Berichterstattung der Medien“ das, was viele andere im Netz auch tun: Sie nutzen es für ihre Zwecke. Und ihre Aussagen sind zunächst keine Nachrichten, sondern Interessen-geleitete Äußerungen, eventuell mit Informationswert.

Der Tweet ist weniger abgewogen

Man könnte einen Tweet eines Politikers oder Unternehmens auch als Pressemitteilung in Kurzform verstehen, und nicht als Nachricht, eine journalistische Form, die Journalisten schaffen. Sicher mit mindestens einem wichtigen Unterschied zur Presseerklärung: Der Tweet ist schneller, authentischer und vielleicht manchmal weniger abgewogen und austariert.

Insofern tun wir Journalisten, wenn wir die Altmaiers und Gabriels auf Twitter und Facebook beobachten, nichts anderes als das, was wir schon immer getan haben: Informationsquellen anzapfen, unvoreingenommen sichten, sortieren, gewichten und am Ende Leser-freundlich und ausgewogen unter Berücksichtigung der Gegenposition aufschreiben.

Der Schluss für die professionellen Akteure unserer Branche lautet deshalb: Wer die neuen Verbreitungswege von Informationen, Statements und Meinungen im Web 2.0 nicht für seine Arbeit nutzt, der wird es als Journalist sehr schnell sehr schwer haben. Und Medienhäuser, die jetzt nicht beginnen, diese Techniken durchgängig in der Redaktion zu verankern und konsequent einzusetzen, müssen um ihr Überleben bangen.

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