Niemand kann den Überblick behalten

Nachrichten, Videos, Interviews, Analysen und Geschichten, täglich, stündlich, minütlich, auf Twitter, Facebook, der New York Times, dem Spiegel oder sonst wo im Netz. Viele meinen den Überblick zu verlieren, manche verlassen sich inzwischen auf News Aggregatoren, die Nachrichten filtern, zusammenstellen und von ihren Seiten auf andere verlinken. Ein neuer Service dieser Art ist news.me, eine App für iPhone und iPad, entstanden im Forschungslabor der New York Times, Kerstin Zilm stellt diese Hoffnung für User und Verlage vor.

Samstags um 17.05 Uhr läuft im Deutschlandfunk Markt und Medien. Dort spiegeln wir einmal monatlich die Themen der Debattenbeiträge, der Aufsätze und Essays des Onlinediskurses in Radioformaten. Und das Skript gibt es unten.

 

Manuskript:

29.03.2012 Newsaggregatoren – Beispiel news.me

Niemand kann heute auch nur halbwegs den Überblick behalten über Nachrichten, Videos, Interviews, Analysen und Geschichten, die täglich veröffentlicht werden. Manche verlassen sich inzwischen auf News Aggregatoren, die Nachrichten filtern, zusammenstellen und von ihren Seiten auf andere verlinken. Ein neuer Service dieser Art ist news.me, ein App für iPhone und iPad, entstanden im Forschungslabor der New York Times. Ziel ist es, die neue Medienwelt für Nutzer und Verleger so zu filtern, dass alle profitieren.

News.me ist für Menschen mit vielen Facebook-Freunden, die gleichzeitig mehreren Twitter-Konten folgen. News.me filtert Nachrichten und Links aus diesen persönlichen sozialen Netzwerken, prüft, wie beliebt sie insgesamt bei Freunden und Followern  sind und schiebt dann diese als relevant eingestuften Links und Nachrichten auf das Smartphone oder den Tablet-Rechner. Der Nutzer der App kann diese Artikel, Videos, Kommentare und Studien speichern und kommentieren. News.me-Designer Justin Van Slembrouck erklärt: der Service ist interessant vor allem für sogenannte ‚Power User’, die Menschen, die mehr als 200 Kontakte in sozialen Netzwerken haben

Wir lösen ein Problem für die Leute, die zu viel Information bekommen. Sie können nicht mehr folgen, was ihre Freunde auf facebook empfehlen und auf Twitter ist es sehr leicht, etwas komplett zu verpassen. Unsere App hilft, alles mitzubekommen ohne den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen.

Das News.me-Konzept wurde im Forschungslabor der New York Times entwickelt. Das ehrwürdige Blatt verliert wie alle anderen Zeitungen Abonnenten und sucht nach Wegen in der neuen Medienwelt Leser zu halten und neue Kunden zu erreichen. „Verleger erkennen, dass Nachrichtenkonsum eine soziale Erfahrung geworden ist,“ erklärt Medienprofessor Gabriel Kahn von der Annenbergschule für Journalismus an der University of Southern California USC

Sie merken, dass Leser Vertrauen, das sie in etablierte Marken wie die New York Times oder den Spiegel hatten, in ihr soziales Netzwerk verlagern. Menschen lesen eher einen Artikel, den ihnen ein Freund auf Facebook empfiehlt als selbständig die Zeitung aufzuschlagen. Verleger versuchen davon zu profitieren, indem sie Teil dieses Verteilersystems werden.

Qualität und Inhalt der Informationen, die Nutzer über News.me beziehen, hängen davon ab, mit welchen Mitglieder sie in ihren Sozialen Netzwerken verbunden sind. Facebook-Freunde von Lindsay Lohan und Dirk Nowitzki bekommen andere Nachrichten als die, die der New York Times und dem Deutschlandfunk auf Twitter folgen. Die traditionellen Nachrichtenmacher befürchten: Links von News.me könnten das Lesen von Originalquellen komplett ersetzen. Trotzdem können auch Verleger und Journalisten vom Dienst profitieren, sagt USC-Medienexperte Gabriel Kahn. Denn News.me sammelt über seine Algorithmen wertvolle Nutzerdaten.

Wir entwickeln eine viel differenziertere und leichter zu verfolgende Art der Nachrichtenverteilung. Was Zeitungen vernichtet hat, war die kostenlose Verteilung, ohne zu wissen, wer die Leser sind. Die, die verstehen, wer ihre Inhalte wann und wo liest, haben eine ganz andere Grundlage für Gespräche mit Werbekunden.

Dieser Gedanke war Anlass für die New York Times, News.me zu starten. Inzwischen hat der Verlag das Projekt verkauft, ist weiter an seiner Entwicklung beteiligt, wollte sich aber nicht darüber äußern, ob das Blatt für seine Inhalte bezahlt wird. Die New York Times schreibt in einer Stellungnahme, die Art der Zusammenarbeit sei vertraulich. News.me erklärt, es gebe Gespräche mit vielen Verlegern, aber keine formelle Vereinbarung. Derzeit finanziere sich der Dienst aus Investorenkapital. Designer Van Stembrouck, der Zeitungslesen für einen Luxus hält, den er sich höchstens sonntags leistet, sagt: Wenn der Service gut ist, ergibt sich von alleine ein Geschäftsmodell.

Fakt ist, dass Menschen dieses soziale Verhalten haben und Sachen über das Internet miteinander teilen. Die Frage ist: Wie können wir daraus eine tolle Erfahrung machen? Danach geht es darum, wie wir Verlegern ermöglichen können, weiter tolle Sachen zu produzieren, die die Leute sehen wollen.

Und bei diesem Schritt könnte die finanzielle Stärkung des Qualitätsjournalismus eine wichtige Rolle spielen.

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