Warum das Leiden unter Filterbubble ein Phantomschmerz ist

Die Macht der Maschinen ist unheimlich. Oft dient sie als Projektionsfläche irrationaler Ängste einer ganzen Gesellschaft. Kontrollieren Algorithmen zunehmend das veröffentlichte Leben?In den letzten Monaten ist eine Debatte zur Bedeutung der Algorithmen entbrannt.  Sind sie sogar eine Gefahr für die Demokratie? Das ist der aktuelle Schwerpunkt in dieser Woche.

Zum Auftakt schreibt die in London lebende Publizistin Mercedes Bunz über die sogenannte Filterbubble. Seit einiger Zeit ist von dieser personalisierten Informationsblase in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen die Rede.


Ein Vortrag im Rahmen der berühmten TED-Talk-Reihe löste die Debatte über die Bedeutung der Filter Bubble aus. Der US-amerikanische Autor Eli Pariser hatten den Vortrag gehalten. Seine These: Öffentlichkeit, wie wir sie bisher kannten, verschwindet. Vereinfacht gesagt, sahen früher alle die gleiche Nachrichtensendung. In Zeiten der Digitalisierung und der computergestützten Massenkommunikation sehen wir die Welt, die die Maschine für uns sortiert. Eine Welt von der sie annimmt, dass wir sehen wollen. Schuld daran sind Algorithmen, die je nach bisher eingegebenen Suchanfragen, getätigten Klicks und Facebook-Freunden Informationen filtern. Ein Vorteil, wenn man schnell individuelle Shoppingangebote sucht. Ein Nachteil, wenn die Welt des einen sich zunehmend von der Welt der anderen unterscheidet.Wer die Filterbubble nun aber dämonisiert, macht es sich zu leicht. Das meint zumindest Mercedes Bunz. Aus ihrer Sicht erleichtern Algorithmen vieles. Nur eben das Nachdenken nicht.

Warum die Filterbubble nur ein fieser Vorwand von Faulpelzen ist von Mercedes Bunz

Hunderte von meist blutjungen Programmierern sind im Auftrag von großen Plattformen wie Google, Facebook und Amazon Tag und Nacht in aller Welt damit beschäftigt, Algorithmen dazu zu kriegen, dass sie uns noch bessere Dienste leisten. Ihr Ziel: Du sollst im eigenen Saft schmoren. Genau, die großen Plattformen im Netz haben dich auf dem Kieker und zwar dich ganz persönlich: Sie sind dabei dich in eine radikal personalisierte Welt einzusperren, indem sie nur Informationen liefern, die dich auch wirklich interessieren. Für Kritiker, die immer ein Bit in jeder Suppe finden, ist das Anlass zu Besorgnis. Anstelle dass uns das Netz die große weite Welt erschließt, so sagen sie, landen wir in einer maßgeschneiderten Filterbubble. Alarm, Alarm, Algorithmen sperren uns ein! Im Auftrag von Google! Und Facebook! Amerikanischer Imperialismus in neuem Gewand!

Das kulturhistorische Bewusstsein

Halt. Mahnend klopft einem das kulturhistorische Bewusstsein an die Stirn und runzelt sie, auf das wir uns abregen und diese Annahme noch einmal kritisch überprüfen. Denn nahmen Kritiker nicht einst die Kulturindustrie aufs Korn, weil sie Begehren in uns weckte, damit wir immer weiter kaufen? Und jetzt machen sich große Informationsplattformen schuldig, uns Dinge anzudrehen, die uns, äh, interessieren? Ja, haben uns die Algorithmen nun vollkommen den Verstand geraubt? Wo ist da bitte das Vergehen?

Tritt man einen Schritt vom Rand der Gegenwart zurück und wirft einen aufmerksamen Blick in die Geschichte, wird zudem schnell klar: Zum Filtern brauchen wir Menschen nun wirklich keine Algorithmen, darin sind wir seit jeher gut. Früher bezeichnete man das einfach mit anderen Worten und filtern hieß: „verdrängen“. Das konnten wir gut, beispielsweise verdrängten wir lange viele Verbrechen des Nationalsozialismus. Und auch heute noch, in der befreiten, demokratischen Gesellschaft, sind wir des Realitätsfilterns nicht unschuldig. So ziehen beispielsweise in einigen Städten eine immer größere Anzahl besorgter Eltern um, damit ihre Kinder in eine bessere Schule kommen. Gefiltert wird so die unschöne und krasse Realität, welche Unterrichtsstätten mit hohem Arbeiter- oder Migranten-Kinder-Anteil ausgesetzt sind. Ist das Wegziehen statt Einmischung? Oder Aufgeben vor nicht verbesserbaren Verhältnissen?

Real-existierende Sortierungen unserer Gesellschaft

So oder so, es sollte klar geworden sein: Gegen real-existierende Formen einer schleichenden gesellschaftlichen Personalisierung sind die Schachzüge von Amazon oder Google eher harmlos. Aufmerksamkeit ist sicher geboten: Wie bei anderen Medien auch, sollte man das durch sie Präsentierte kritisch hinterfragen. Im Allgemeinen verhalten sie sich jedoch nicht ideologischer als die Bildzeitung, zudem lässt sich jede Personalisierung leicht mit einem Mausklick rückgängig machen: Ausloggen, erneut suchen, fertig. Fast könnte man also den Eindruck gewinnen, dass hier der Diskurs der Filterbubble im Netz also absichtlich groß aufgeblasen wird, damit wir den real-existierenden Sortierungen unserer Gesellschaft nicht auf die Schliche kommen und sie verdrängen.

Tatsächlich schafft das Netz in der Realität sogar neue kulturelle Brücken und die könnte man als so ungeheuerlich bedeutend für die Menschheit ansehen, wie die Reise zum Mond. Dank des Internet ist die Welt beispielsweise zum vorher nur vielbeschworenen globalen Dorf geworden, auf dessen virtuellen Marktplätzen – Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter – man nicht mehr einfach so alles Mögliche behaupten kann. Schon kommen andere aufgeweckte Geister, die auch dabei oder vor Ort gewesen sind, und alles gerade rücken.

Hervorragende journalistische Arbeit

Als beispielsweise die virale Kampagne „Kony 2012“ der amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation „Invisible Children“ wütend auf veraltete Probleme in Uganda aufmerksam machte, meldeten sich neben kritischen Stimmen in den USA auch welche direkt aus Uganda: auf YouTube meldete sich die Bloggerin Rosebell Kagumire zu Wort, flankiert von „Slubogo“, einer jungen Uganderin, die in den USA studiert. Beide korrigierten sehr eloquent die Fakten und legten das eigentliche Problem des emotionalen Pornos „Kony 2012“ frei: Hier wurden mal wieder Schwarze in der Rolle der Hilflosen porträtiert, welche die weiße, ordnende Hand brauchten; ein Stereotyp das um so auffälliger war, weil Konys Armee zersplittert ist und der brutale Anführer sich nicht mehr in Uganda aufhält (zuletzt wurde er im Kongo gesichtet).

An der Kritik sieht man: Es gibt ein weltumspannendes, globales Netz, das verschiedenen Kulturen ermöglicht, einfach miteinander in Takt zu treten. Wird auf der einen Hälfte der Welt Unsinn erzählt, wird auf der anderen Hälfte der Welt dieser Unsinn dank gemeinsamer Sprache (Englisch) und miteinander verbundener Technologie schnell korrigiert. Mehr noch: Besteht Interesse, haben wir heute viel einfacher als je zuvor die Möglichkeit, eine Tür in die benachbarte Parallelgesellschaft aufzumachen und das Leben und die Probleme anderer Menschen und Kulturen zu entdecken – die hervorragende journalistische Arbeit „Dügün heißt Hochzeit“ von Anna Jockisch ist dafür ein gutes Beispiel. Wunderbar modern erzählt der kurze Film, wie einer jungen türkischen Deutschen ihre Liebe zwischen alter und neuer Lebenskultur zerreißt.

Das Schimpfen auf die Filterbubble

Und so sieht man: Digitalisierung schafft neue Formen des Dialoges, aber sie liefert uns damit keine vollautomatische Gemeinschaft. Wissen, die Logik anderer Gesellschaften und Vorstellungswelten stehen uns heute sperrangelweit offen, und das bedeutet einen so großen Schritt für die Menschheit, wie jener erster Schritt von Neil Armstrong auf dem graustaubigen Mond. Klar machen muss man sich aber auch: Machen muss man den Schritt immer noch selbst. Das Internet verbindet uns, aber es nimmt uns das Interesse an der Welt nicht ab – und wer auf die Filterbubble schimpft hatte wohl heimlich genau darauf gehofft. Oder nicht?

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