12.04.2012 | Internet & Partizipation

Internet verstärkt soziale Spaltung

Das Internet hat Informationsbeschaffung und Wissensaustausch vereinfacht. Was noch vor wenigen Jahren ausschließlich in Universitäten und Bibliotheken lag, ist heute frei zugänglich. Allen? Sind Minderheiten plötzlich mündig? Nicole Zillien, Soziologin an der Universität Trier, zweifelt das an. Digital Divide statt Demokratisierung?


Internet verstärkt soziale Spaltung von Nicole Zillien

Mit schöner Regelmäßigkeit lässt sich beobachten, wie das Internet in wellenmäßig ablaufenden Mediendiskursen erst als frei verfügbare Informationsquelle, Vernetzungswerkzeug oder Demokratisierungstool hochgejubelt und anschließend – aufgrund gesellschaftlich unerwünschter Inhalte, Datensicherheitsbedenken, offener Urheberrechtsfragen oder auch seines angeblichen Suchtpotenzials – wiederum verteufelt wird. Eine dieser Debatten weist auf der Positivseite vehement auf das demokratisierende Potenzial des Internets hin, während auf der Negativseite die machterhaltenden Mechanismen und Ungleichheiten der Internetverbreitung hervorgehoben werden.

Die Vorraussetzung ist Wissens

Das mediale Label der „Facebook-Revolution“ für die politischen Umwälzungen im Nahen Osten, das weithin umschriebene Empowerment von Patienten durch Internetinformationen oder auch die hohe Bedeutung, die im Kontext der Plagiatsaffären entsprechenden Wikis zugeschrieben wurde, geben jedenfalls anekdotisch Zeugnis von der Annahme, dass das Internet weite Bevölkerungskreise und auch marginalisierte Gruppen in vorher nicht gekannter Form zur gesellschaftlichen Teilhabe ermächtigt. Allgemein wird die Möglichkeit zur Teilnahme aller am öffentlichen Diskurs als zentrales Element moderner Demokratien angesehen. Als Voraussetzung für diese Teilnahme gilt ein angemessener Wissensstand, wobei Informationen zu politischen oder auch wissenschaftlichen Themen heute in weiten Teilen aus den Massenmedien stammen. Den Massenmedien kommt aus dieser Perspektive eine zentrale Rolle zu, weshalb die Diffusion jedes neuen Mediums – ob es sich um das Buch, die Zeitung, das Radio, das Fernsehen oder das Internet handelt – jeweils von der Diskussion begleitet wurde, ob dieses nun die soziale Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder erhöhe oder doch eher zur Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen beitrage. Letzteres behauptet in Bezug auf das Internet die These der digitalen Spaltung. Diese besagt, dass insbesondere eine höhere Bildung und ein höheres Einkommen eine gewinnbringende Internetverwendung begünstigten, weshalb die Verbreitung des Internets eher mit wachsenden als schrumpfenden sozialen und auch transnationalen Ungleichheiten einhergehe.

Die drei Phasen der Spaltung

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung um die digitale Spaltung (oder auch: den Digital Divide) lässt sich in drei Phasen einteilen: In der Anfangszeit, Mitte der 1990er Jahre, interessierte sich die sozial- und kommunikationswissenschaftliche Forschung fast ausschließlich für Ungleichheiten in der technologischen Verfügbarkeit des Internets. Im Fokus standen ungleiche Zugangsraten in verschiedenen Ländern und – auf Länderebene – zwischen Männern und Frauen, Einkommensstarken und -schwachen, Stadt- und Landbewohnern, Bildungshöheren und -niedrigeren, jüngeren und älteren Menschen. Länderübergreifend zeigten sich dabei sehr ähnliche Muster: Während jeweils die Erstgenannten zu den frühen Nutzern der Internettechnologie gehörten, übernahmen Letztere die Innovation üblicherweise zu einem späteren Zeitpunkt oder (vorerst) gar nicht. Dieses Muster zeigt sich bei der Untersuchung einzelner Internetinnovationen jedes Mal aufs Neue: So sind es beispielsweise auch die Männer, die Einkommensstarken, die Stadtbewohner, Bildungshöheren und Jüngeren, die zeitlich früher über einen Breitbandanschluss zum Internet verfügten. Inzwischen gehören nach Angaben des (N)Onliner-Atlas 2011 in Deutschland drei Viertel der über 14-Jährigen zu den Nutzern des Internets, wobei sich nach wie vor deutliche Klüfte auftun. Selbst die Geschlechterunterschiede – von denen immer wieder behauptet wird, sie seien quasi verschwunden – dauern an: Knapp 81 Prozent der Männer, aber nur 69 Prozent der Frauen nutzen das Netz. Zudem verfügen deutlich mehr Männer (63,5 Prozent) als Frauen (42 Prozent) über einen Breitbandanschluss.

Soziale Benachteiligungsprozesse

Politische Maßnahmen gegen die digitale Spaltung sind vor diesem Hintergrund in erster Linie darum bestrebt, technologische Hürden abzubauen, das heißt, ein „Internet für Alle“ zu schaffen. Dabei ist jedoch zu bezweifeln, dass die umfassende Verfügbarkeit von Computer- und Internettechnologie als Maßnahme gegen die digitale Spaltung ausreicht. Selbst wenn alle Gesellschaftsmitglieder einen Zugang zum Internet hätten, wären soziale Benachteiligungsprozesse durch unterschiedliche Nutzungsweisen des Internets nicht auszuschließen.

Diese Feststellung führte zu einem Perspektivenwechsel der Digital-Divide-Forschung, die ab der Jahrtausendwende nicht mehr nur den technologischen Zugang, sondern auch differentielle Nutzungsweisen des Internets in den Blick nahm. Entsprechende Untersuchungen zeigen, dass die Art und Weise der Internetnutzung in hohem Maße vom gesellschaftlich-wirtschaftlichen Status einer Person abhängt: Statushohe Personen gehören nicht nur in sehr viel höherem Maße überhaupt zu den Nutzern des Internets, sondern haben im Allgemeinen auch eine bessere technologische Ausstattung, nutzen das Internet in einem höheren zeitlichen Ausmaß, verfügen über eine größere Souveränität im Umgang mit dem Internet und greifen eher auf politische, wissenschaftliche, gesundheitsbezogene Informationen, das heißt auf jene Inhalte zu, von denen angenommen wird, dass sie sich vorteilhaft auswirken.

Dabei ist jedoch zu hinterfragen, inwiefern sich die festgestellten Nutzungsunterschiede tatsächlich als folgenreich für die Verteilung gesellschaftlich relevanter Ressourcen erweisen. Im Anschluss an diesen Einwand versucht die Digital-Divide-Forschung aktuell, tatsächliche Effekte der Internetnutzung konkret zu benennen. Diese Art der Forschung setzt bei der gesellschaftlichen Verteilung von Informationen, Geld, Sozialkapital oder Partizipationsmöglichkeiten an und fragt nach den Auswirkungen der konstatierten Nutzungsklüfte für die Verteilung dieser Ressourcen. In empirischen Arbeiten wurden so beispielsweise die Effekte der Internetnutzung auf die Arbeitsmarktintegration, die politische Information, das bürgerschaftliche Engagement und die Einkommenshöhe geprüft.

Eine These als Paradox

Auch wenn diese Studien zeigen, dass die Auswirkungen der Internetverbreitung ebenso schwer zu quantifizieren wie zu isolieren sind, lassen sich die Ergebnisse der Digital-Divide-Forschung insgesamt zu einem konsistenten Muster verdichten, das von der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Pippa Norris schon im Jahr 2001 in einer Untersuchung der politischen Nutzung des Internets vorgezeichnet wurde. Nach Norris greifen die motiviertesten Bürger am ehesten auf die politischen Informations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets zurück, während politisch Desinteressierte im Internetzeitalter immer stärker vom Informationsfluss abgeschnitten werden. So entstehe langfristig ein „democratic divide“, das heißt, eine wachsende Ungleichheit der politischen Teilhabe. Everett M. Rogers, der sich mit der Verbreitung ganz unterschiedlicher Innovationen auseinandergesetzt hat, verallgemeinert diese These und beschreibt den geschilderten Zusammenhang als Paradox. Er kann zeigen, dass jene Gesellschaftsmitglieder, die die Vorzüge einer Innovation am meisten benötigen, üblicherweise zu den Letzten gehören, die dieselbe übernehmen. Infolge der Verbreitung vieler technologischer Innovationen träte deshalb systematisch eine Verstärkung sozialer Ungleichheiten auf. Der niederländische Soziologe Jan van Dijk beschreibt die Folgen der ungleichen Nutzung des Internets dann auch als „Matthäus-Effekt“: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben“ (Matthäus 25, 29). Das heißt, jene, die sich bereits in einer privilegierten gesellschaftlichen Position befinden, profitieren in einem höheren Ausmaß von der Verfügbarkeit des neuen Mediums. Gleichzeitig tritt auf Seiten der schlechter positionierten Personen ein vergleichsweise schwacher positiver Effekt der Internetnutzung auf. Die schichtspezifische Nutzung des Internets führt somit zu wachsenden sozialen Ungleichheiten. Auch wenn unzweifelhaft Anzeichen für das demokratisierende Potential des Netzes existieren, sollte deshalb nicht vergessen werden, dass es in erster Linie die Höhergebildeten, Besserverdienenden, eh schon Bevorteilten innerhalb einer Gesellschaft sein könnten, die unter dem Strich den besseren Schnitt machen.

Die bestmögliche Nutzung des Internets

Dabei lässt sich zeigen, dass sich die beschriebenen Ungleichheiten zu Ungunsten der niedrigeren Statusgruppen durch die Verbesserung der internettechnischen Ausstattung und auch durch eine Erhöhung der digitalen Kompetenzen zwar möglicherweise abmildern, aber keinesfalls beseitigen lassen. Die schon beschriebene politische Zugangsförderung, die sich um eine Angleichung der Internetnutzungsraten bemüht, kann deshalb ein erster Schritt sein, reicht aber angesichts der tiefer sitzenden Ursachen differentieller Internetnutzungsarten nicht aus. Hinter den unterschiedlichen Arten der Internetnutzung stehen statusabhängige Wissens- und Interpretationsschemata, die als mächtige Mechanismen die Art der Mediennutzung entscheidend mitbestimmen. Statushöhere Personen verfügen eher über einen Habitus, der – denkt man in den Kategorien von Statuserhalt und Statusgewinn – die bestmögliche Nutzung des Internets umfasst. Dieses Ergebnis, dass insbesondere auf die bildungsabhängige Reproduktion sozialer Ungleichheiten verweist, beinhaltet auch Aussagen zur aktuellen Relevanz des Journalismus. Eine immer wichtigere Aufgabe von (Bürger-)Journalisten besteht dann darin, die Informationen des Internetdickichts zu ordnen und zu bewerten, Wissen in größere Kontexte einzuordnen und Interpretationsspielräume strittigen Wissens nachvollziehbar zu reduzieren. Ein solches Verständnis journalistischer Aufgaben könnte neben umsichtiger Bildungs- und Internetpolitik dazu beitragen, dass möglichst viele die Fülle, Komplexität und Konflikthaftigkeit der verfügbaren Internetinformationen in den Griff bekommen, um so im Lebensalltag von diesen zu profitieren.

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