19.04.2012 | Internet & Politik

Politische Blogs – irrelevant?

Politik-Blogs haben in Deutschland auch heute noch einen geringen Einfluss auf Wahlkampf und Politik. Niklas Hofmann, freier Journalist und Autor, vergleicht die hiesige Blogosphäre mit der amerikanischen. Seine These: Ohne eine polarisierte Öffentlichkeit und das Investment der Medienkonzerne werden politische Blogs auch zukünftig nicht an Bedeutung gewinnen.

Politische Blogs – irrelevant? von Niklas Hofmann

In weniger als vier Wochen wählt Nordrhein-Westfalen schon wieder einen Landtag. Als das vor zwei Jahren das letzte Mal der Fall war, sorgte das bevölkerungsreichste Bundesland unter anderem deswegen für Aufsehen, weil erstmals in Deutschland politische Blogs die Agenda eines Wahlkampfs mitzubestimmen schienen. Das „Wir in NRW Blog“ des früheren, stellvertretenden WAZ-Chefredakteurs Alfons Pieper und das ebenfalls von Journalisten betriebene Blog „Ruhrbarone“ setzten der schwarz-gelben Landesregierung von Jürgen Rüttgers mit exklusiven Enthüllungen aus der Staatskanzlei zu. Ein Maulwurf wurde vermutet. Es schien damals so etwas wie der Durchbruch der deutschen Politikblogs zu sein.

So richtig ist daraus nach der Wahl von 2010 dann aber doch nichts geworden. Nicht für NRW, diesen Riesenballungsraum, dessen verschlafene Medienlandschaft den Wettbewerb so nötig hätte, und erst recht nicht auf Bundesebene.
Das heißt nicht, dass aus dem Netz kein Einfluss auf Politik und Wahlkämpfe genommen würde. Es gab Gutten- und Vroniplag, es gibt Abgeordnetenwatch, es gibt – natürlich – die Piratenpartei mit all ihren zugehörigen Diskussionsforen.
Und es ist auch wahrlich nicht so, dass in Deutschland niemand über Politik bloggen würde. Es gibt Sprengsatz und Netzpolitik.org, Spiegelfechter und Nachdenkseiten, Carta und The European und viele andere.

Nicht nur als Einzelphänomen

Was es darüber hinaus aber nicht gibt, sind Blogs, gar eine ganze Vielfalt von Blogs, die die Berliner Politik in ihrer ganzen Themenbandbreite, die jeden Landtags- oder Bundestagswahlkampf Tag für Tag und Stunde für Stunde begleiten und kommentieren würden, die Scoops hätten und gegenseitig dafür sorgen würden, dass sie wahrgenommen werden, und deren Meinung in Politik und Medien Gewicht hätte.

In den USA gibt es so etwas längst, und nicht nur als Einzelphänomen, sondern in Form einer etablierten, eng vernetzten Szene von Leitblogs für beide politische Lager. Sie sind im Wahlkampf wichtige Medien – sie sind es aber auch sonst. Anders als in Deutschland gibt es in den USA ohnehin hoch erfolgreiche Onlinemedien, die ganz unabhängig von den etablierten landesweiten Medienhäusern entstanden sind. Teils haben sie selbst als Ein-Personen-Blogs begonnen, jedenfalls pflegen sie bis heute Blogformate als wichtigen Teil ihres Angebots. Man muss dafür gar nicht zur Huffington Post mit all ihren Schwächen schauen (die aber immerhin gerade den Pulitzerpreis gewonnen hat). Josh Marshall hat aus seinem Blog Talkingpointsmemo eine der wichtigsten Informations-Plattformen für Politjunkies gemacht. Das vor erst fünf Jahren gegründete Politico (einem regionalen TV-Veranstalter gehörend) ist für die Politik in Washington D.C. längst eines der prägenden Leitmedien geworden. Und anders als in Deutschland ist eben auch bei den Onlineauftritten großer US-Print- und TV-Medien das Bloggen nicht Nebenbeschäftigung, sondern eine Hauptaufgabe vieler Journalisten.

Vergleich von Deutschland mit den USA

Das wiederum spiegelt sich auch in dem Standing, das Blogger in Kreisen der Politik mittlerweile genießen. Nico Pitney von der Huffington Post war 2009 der erste von ihnen, der in einer Pressekonferenz des Präsidenten eine Frage stellen durfte. Politico präsentierte eine der republikanischen Präsidentschaftsdebatten. Die Blogger der ersten Liga sind Marken geworden, die unabhängig von den Medien operieren können, bei denen sie zeitweise anheuern. Matt Yglesias wandert vom Atlantic zu Think Progress und nun zu Slate und führt doch im Grunde stets das selbe Blog weiter. Andrew Sullivan nahm sein Publikum vom Atlantic zu The Daily Beast mit, und konnte dabei sogar sein dort völlig aus dem Rahmen fallendes Blogdesign behalten.
Vergleicht man Deutschland mit den USA, lassen sich drei Phänomen nennen, die in den USA der Blogszene Schwung verleihen: Die polarisierte Öffentlichkeit, eine kräftige, gut vernetzte Leitbloggerschicht, und das Investment der Medienkonzerne.

1.
Von Sehnsucht nach großer Koalition kann in den USA keine Rede sein. Das politische Klima zwischen Republikanern und Demokraten ist so polarisiert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Zugleich hängen viele der klassischen Printmedien immer noch Idealen von Überparteilichkeit und Äquidistanz an. Dass an den überdurchschnittlich stark an Politik interessierten breiten Rändern das bessere Geschäft zu machen ist als in der Mitte, davon profitieren zum einen die krawalligen Nachrichtensender im Kabelfernsehen, zum anderen aber auch Blogger, die einen klaren politischen Standpunkt einnehmen, wo Zeitungskolumnisten windelweich erscheinen. Und nicht zuletzt beflügelt das aufgeheizte Klima all jene Blogs, die sich nicht als Medium, sondern als Teil einer politischen Bewegung begreifen. Daily Kos und Think Progress stehen den linken Graswurzelgruppen der Netroots so nahe, wie Hot Air oder Red State der konservativen Tea-Party-Bewegung. Sie können und wollen Wahlkämpfe mitentscheiden.

2.
Zum anderen, und das ist ein Umstand, der in Deutschland oft übersehen wird, ist die Szene der Großblogger in den USA klar Teil des Establishments. Als neulich Andrew Breitbart, der hitzköpfige König der rechten Onlinemedien überraschend an Herzversagen starb, da wurde in den Reaktionen deutlich, wie viele Leute aus ganz anderen politischen Lagern sich ihm persönlich durchaus verbunden fühlten. Plötzlich erschien der sonst giftige Streit politischer Gegner mehr wie eine etwas zu erregt ausgetragene Debatte auf einer Washingtoner Cocktailparty.
Tatsächlich sind in Wahrheit nur wenige der landesweit bekannt gewordenen Blogger als Underdogs zu Prominenz gelangt. Nicht alle, aber doch der größte Teil kommen aus dem Journalismus, aus der Politik (wie George W. Bushs ehemaliger Redenschreiber David Frum), arbeiten für politiknahe Thinktanks wie das Center for American Progress oder sind Universitätsprofessoren. Das gilt für rechts wie links gleichermaßen.  Sie sind bestens vernetzt, mit der Politik und untereinander. Sie sprechen die selbe Sprache, sind Teil der so genannten „Punditocracy“. Es ist ein Elitendiskurs.

Das mag nach Kumpanei klingen und hat wenig von Gegenöffentlichkeit, aber letztlich profitieren auch die unzähligen im Lande bloggenden John und Jane Does davon, dass es eine stabile Szene der Großblogger gibt, die ihnen Aufmerksamkeit zuschanzen kann. So wie es zum Beispiel der Bloggerin Jeanne Devon erging, als mit der überraschenden Nominierung von Sarah Palin zur Vizepräsidentschaftskandidatin auch sie und ihr Alaska-Blog The Mudflats in die nationale Öffentlichkeit katapultiert wurde.

3.
Und schließlich funktioniert als Schmierstoff für all das tatsächlich auch Geld. Geld, mit dem Personal bezahlt werden kann. Der Ausstoß von dutzenden Blogeinträgen, den Andrew Sullivans Blog The Daily Dish pro Tag produziert, ist nur mit Hilfe von Unterbloggern, Rechercheassistenten, und Urlaubsvertretungen  zu leisten. Auch Talkingpointsmemo ist ein mittelständisches Medienunternehmen geworden, Politico hat mittlerweile mehr als 200 Mitarbeiter, dreimal mehr als bei der letzten Präsidentschaftswahl. Bei manchen der Blogs sind klassische Medienhäuser eingestiegen, die Onlinemedien haben selbst in der Krise oft noch Gewinne abgeworfen, anders als die klassischen Angebote.
Vielleicht müssen Medienkrise und Zeitungssterben erst so stark drängen wie in den USA, deutsche Medienhäuser jedenfalls scheinen bei den Investitionen in Blogs, zumal politische, bis heute eher zurückhaltend zu sein. Selbst Spiegel Online bezahlt lieber eine Reihe von wöchentlichen Kolumnisten als einen einzigen Vollzeitblogger.

Das schmerzhafte Erlernen

Dass in Deutschland wieder tiefe weltanschauliche Gräben ausgehoben werden, ist unter Angela Merkel nicht unbedingt zu erwarten. Die Blogaktivitäten des politisch-medialen Komplexes in Berlin-Mitte beschränken sich weitgehend auf den ehemaligen Bild-Chefredakteur, aus dessen “Sprengsatz” nur selten mal ein Link nach außen führt. Und die Überzeugung, dass man mit politischen Blogs schlicht kein Geld verdienen könne, ist tief verwurzelt – selbst bei den Ruhrbaronen, die immerhin schon die Ehre hatten, dass ein Minister vom Rednerpult des Landtags gegen sie zeterte.

Der einzige Teilbereich deutscher Regierungspolitik, in dem eine hinreichend große Masse an Bloggern rund um einige mit langem Atem geführte Leitblogs die Debatte vielleicht sogar dominiert, ist die Netzpolitik. Journalisten und Politiker haben inzwischen schmerzhaft lernen müssen, dass sie die dort laut werdenden Stimmen zu Netzsperren,Vorratsdatenspeicherung und Urheberrecht höchst ernst nehmen müssen.

Wenn sich die Netzpolitik aber nicht zur Keimzelle für mehr entwickelt, dann wird es hierzulande vielleicht einfach nichts mehr mit den Blogs, die die Politik treiben. Vielleicht ist der Zug vor zehn Jahren abgefahren, vielleicht reicht Twitter heute zu vielen als Ausdrucksform.
Es sei denn es kommt doch noch die reiche Tante aus Amerika und mischt alle Karten neu. Noch immer will Huffington Post ja in den deutschen Markt einsteigen.

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