Die Partei der Ahnungslosen
Christian Wolff, Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche, geht in seinem Debattenbeitrag der Frage nach, woher die Begeisterung für die Piratenpartei rührt. Seiner Meinung nach ist sie nur logische Konsequenz eines Phänomens, das derzeit alle Bevölkerungsgruppen durchzieht: Politikverweigerung und Ahnungslosigkeit aufgrund zunehmender Individualisierung.
Die Partei der Ahnungslosen von Christian Wolff
Jeder, der mit Jugendlichen umgeht, kennt diese beiden Worte: „Keine Ahnung“. Floskelhaft stehen sie an der Stelle von „Äh“ und „Em“ – und wenn dann ein fetzenhafter Wortschwall eines 14-Jährigen im Unterricht mit „Keine Ahnung“ jäh verendet, ist damit weniger ein Nichtwissen zum Ausdruck gebracht als vielmehr die Unlust, jetzt einen zusammenhängenden Gedanken auszusprechen. „Keine Ahnung“ – das ist der jugendliche Reflex auf eine diffuse Unbestimmtheit, mit der die Erwachsenenwelt junge Menschen sich selbst überlässt oder ihnen im Wust der Vielfalt des Lebens Orientierung verweigert. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich jetzt als politische Partei formiert, was sich seit mindestens einer Generation aufgebaut hat: die Verweigerung der gedanklichen, intellektuellen Anstrengung, die umso mehr erforderlich ist, als sich jüngere Menschen nur noch im Netz bewegen und damit in kürzester Zeit mit der universalen Komplexität des Lebens konfrontiert sind, ohne über ein ausreichendes ordnendes und Kritik ermöglichendes Verstehensraster zu verfügen.
Das Verblassen des Politischen
Wer sie nun in Parlamenten und Talkrunden sitzen sieht, die jungen Vertreter/innen der Piratenpartei, der muss nicht erschrecken vor utopischen Forderungen, einseitiger Weltanschauung, provokantem Auftreten. Nein, die Piraten kommen ganz im Gegensatz zu ihrem Namen in einer geradezu langweilig-wohligen Bürgerlichkeit daher – und fast Mitleid erregend ist ihre argumentative Unbedarftheit. Auf welches gesellschafts- oder weltpolitisches Problem sie auch angesprochen werden: sie geben zu, dass sie noch nicht so weit sind, eine Position formulieren zu können. Das klingt für manchen durchaus sympathisch, muss aber dennoch stutzig machen. Wo liegt denn nun der politische Anspruch dieser Bewegung? Und: Wie kommt es, dass eine solche Partei so viel Interesse auf sich zieht und nun schon in zwei Länderparlamenten vertreten ist? Die Ursache hat weniger mit der virtuellen „Netzgemeinde“ zu tun, sondern ist eher in der Verblassung des Politischen in allen Bevölkerungsgruppen zu suchen. Diese ist etwas anderes als die viel beschworene Politikverdrossenheit. Sie ist eher mit Politikverweigerung zu erklären – also die bewusste Abkehr von der Beschäftigung mit den Fragen, die das Gemeinwesen bestimmen und ohne deren Durchdringung gesellschaftliches Leben verkümmert. Politikverweigerung ist aber Folge eines Lebensstils, der sich zunehmend individualisiert und auch den Eindruck vermittelt, dass der Einzelne nicht darauf angewiesen ist, die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens durch aktive Beteiligung beeinflussen zu müssen. Vielmehr kommt es darauf an, dass jeder für sich sorgt („Auf den Staat ist sowieso kein Verlass“ – so denkt der Börsenmakler wie der Hartz IV-Empfänger, der selbstständige Software-Entwickler wie die Mini-Joberin). Also erübrigt es sich, eine „Ahnung“ von der Polis haben zu müssen. Dafür schafft sich jeder durch sein persönliches Netzwerk im www seine Privat-Community, mit der er sich gleichzeitig aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen verabschiedet.
Wir müssen uns dem Widerspruch stellen
Nun korrespondiert diese Ahnungslosigkeit damit, dass derzeit viele Bürgerinnen und Bürger das sehr begründete Gefühl haben: die in Parlaments- und Regierungsverantwortung tätigen Politiker/innen haben selbst wenig bis keine Ahnung von dem, worüber sie reden und Entscheidungen treffen. Oder glaubt wirklich jemand, dass die unvorstellbaren Geldmengen, die derzeit die politische Auseinandersetzung bestimmen und täglich neue Dimensionen annehmen, noch von denen verstanden geschweige denn durchschaut und gesteuert werden können, die über „Rettungsschirme“ in den Parlamenten entscheiden? In dieser Situation kann es nicht verwundern, dass es Bürger/innen sympathisch erscheint, wenn eine Partei auftritt, der sich zu ihrer Ahnungslosigkeit bekennt und das noch als Beteiligungsangebot kommuniziert. Nur so ist erklärbar, dass die politische Unbedarftheit der Piratenpartei bis jetzt nicht geschadet hat. Ob das nun gefährlich ist? Zunächst ist es normal, dass sich im Rhythmus von 25 Jahren neue Parteien bilden, die die Unzufriedenheit mit den alten aufzufangen versuchen und für neue Fragestellungen stehen. Aber was, wenn diese Parteien nicht in der Lage sind, neue inhaltliche Akzente zu setzen, über die sich zu streiten und zu debattieren lohnt? Das Internet allein ist Mittel zum Zweck aber kein politisches Programm – es sei denn, man reduziert den Alltag der Menschen auf die virtuelle Welt im Netz. Und wer sich ständig im Netz bewegt, ist noch lange kein wissender, aufgeklärter Mensch. Im Gegenteil: Wir müssen uns dem Widerspruch stellen, alles wissen zu können, aber immer weniger zu verstehen.
Grundorientierung, die nicht vom Himmel fällt
So wird es in der jetzt anstehenden Debatte vor allem darauf ankommen, sich intensiv mit den Bedingungen der Existenz dieser Partei auseinandersetzen. Diese muss aber über die floskelhafte „Politikverdrossenheit“ hinausgehen, mit der der neuen Partei eine quasi moralische Daseinsberechtigung zugesprochen wird, ohne sie auf ihre Substanz abzuklopfen. Mein Eindruck ist: wir müssen uns endlich wieder Gedanken darüber machen, welchen Stellenwert das Politische und die Demokratieentwicklung in Erziehung und Bildung in Zukunft einnehmen sollen. Denn wir können es uns nicht länger leisten, die gesellschaftspolitische Dimension aller Lebensbezüge und aller Erkenntnis einfach zu verdrängen. Demokratie benötigt Überwindung von Ahnungslosigkeit, Aufklärung über gesellschaftliche Vorgänge, Ermutigung zu und Einklagen von aktiver Beteiligung und auch die Anstrengung, sich inhaltlich kompetent zu machen – und nicht zuletzt bedarf es in der Demokratie auch einer ethischen Grundorientierung, die nicht vom Himmel fällt (wohl aber einer Jenseitsperspektive bedarf!). Wir benötigen mehr Kontroverse über Inhalte und Visionen sowie eine neue Debattenkultur. Das geht nicht ohne das Erlernen und Fördern von politischer Meinungsbildung und demokratischer Beteiligung in Schulen und Hochschulen. Mit der Causa Guttenberg und Wulff haben wir das ganze Desaster vorgeführt bekommen, das dann entsteht, wenn das harte politische Geschäft in der Demokratie mit Glanz, Glamour und geldwerten Vorteilen und Kommunikation mit Bespaßung verwechselt werden und dieses noch medial aufgeblasen wird, wenn also der Mangel an moralischer und politischer Fundierung als Ergebnis einer unzureichenden Bildung und Erziehung in der Spitze der Gesellschaft angekommen ist. Und die Piratenpartei? Sie steht derzeit für politische Unbedarftheit und mit ihrer Kampagne zur Aufhebung des Urheberrechtes und ihrem antikirchlichen Touch („den Karfreitag rocken“) für Banal-Eigennutz und egobezogene Beliebigkeit – und entspricht exakt dem, was in unserer Gesellschaft falsch läuft uns was – siehe oben – in der Spitze für Verwerfungen sorgt. Es ist überfällig, dass die Parteien ihre interne Meinungsbildung aus den Endlos-Talkrunden wieder an die Basis und damit in die öffentliche Debatte vor Ort zurückholen. Es ist erforderlich, dass sich möglichst viele Bürger/innen am Aufbau einer demokratischen Streitkultur beteiligen. Und schließlich gilt es, der um sich greifenden Anonymisierung von Meinungsaustausch im Netz (und in den Online-Medien) entgegenzutreten. Diese ist weniger Ausdruck von Freiheit, sondern muss eher als Flucht vor Verantwortung gedeutet werden. Wie wollen wir denn in Zukunft mit der Würde eines jeden Menschen umgehen, wenn dieser sich aufspalten lässt in ein virtuelles und reales Wesen? Und wie sollen der Bürger/die Bürgerin sich Zivilcourage aneignen, wenn in einem wesentlichen Bereich unserer Wirklichkeit – und das Internet ist Bestandteil dieser Welt – die demokratischen Grundrechte und –pflichten nicht mehr gelten sollen?
Normalerweise entern Piraten aus eigennützigen Motiven heraus Schiffe. Im übertragenen Sinn bemächtigt sich die Piratenpartei gerade der öffentlichen Debatte. Damit wird vor allem deutlich, wie erneuerungsbedürftig die Crew des Schiffes ist. Diesen Prozess sollten wir allerdings nicht denen überlassen, die den Coup gelandet haben. Jetzt ist die ganze Schiffsbesatzung gefragt, den Zustand der Ahnungs- und Orientierungslosigkeit zu überwinden.
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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:
Konzepte, Konkurrenten und Kandidatenkarussell (MP3)
Mitbestimmung auch bei Europa: Diskussion über Europa bei den Piraten (MP3)















Woher nimmt der Autor eigentlich die Frechheit, die Piratenpartei als die Partei der “Verweigerung der gedanklichen, intellektuellen Anstrengung” zu bezeichnen? Hat er dafür irgendwelche Belege?
Wo genau fordern die Piraten die Aufhebung des Urherberrechts. Und wo kümmern sich die Piraten nur um das Internet und sonst nichts? Wie wäre es, sich mal mit dem Thema auseinander zu setzen und nicht nur das (falsche) was andere sagen nachzuplappern?Auch halte ich die Argumentation über das Verblassen des Interesses an Fragen zum Gemeinwohl für ziemlich weit her geholt. Kann ich in meinem Umfeld rein gar nicht bestätigen.
Sehr geehrter Herr Wolff, aus Ihrem Artikel spricht zum einen Angst (vor neuem) und zum anderen Ahnungslosigkeit. Sie sprechen von Individualisierung, um dann im Folgenden die “Jugendlichen” und die “Piraten” als etwas zu charakterisieren, dass sie nicht sind. Politikverweigerung, wie sie es nennen, hat sicher nichts mit Individualisierung zu tun, denn mit der Erkenntnis, dass unser politisches System ein Update braucht. Dieses Update fordern die Piraten übrigens. Genauso übrigens, wie sie nicht die Abschaffung des Urheberrechts fordern und sich einige Gedanken zur Zukunft unserer Gesellschaft machen. Fragen Sie doch mal Marina Weisband zur Bildungspolitik, die Berliner Piratenfraktion zum Zustand des Parlamentarismus in der Hauptstadt oder lesen den Beschluss zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Und die absolute Trennung von Kirche und Staat kann ich bei Kommentaren, wie dem Ihren, als junger Bewohner dieses Landes nur unterschreiben. Wenn nämlich irgendwas charakteristisch für unsere Generation ist, dann kann das mitunter der fehlende Respekt vor Institutionen sein und das betrifft auch die Ihre. Und dieser fehlende Respekt ist absolut nötig, um irgendwas zu bewegen. Mit freundlichen GrüßenFlorian Wittig
Ich bin für eine kritische Betrachtung der Piraten. Ich bin für eine kritische Beschäftigung mit der Internetcommunity. Ich bin für eien realistische Einschätzung der Möglichkeiten des Internets für die Demokratie. Aber mit dieser fragwürdigen sehr sehr dünnen Betrachtung kann ich nur wenig anfangen. Anstelle veralteter Anwehrreflexe, sollten wir und die wach werdenden Potenziale sehr genau ansehen. Das gelingt hier nicht. Politik könnte gerade mit den Themen und der Programmatik der Piraten wieder breite gesellschaftliche Verankerung wegen größerer Beteiligung und weniger Ideologie finden.
Warum kommt hier ein Pfarrer zu Wort? Wo bleibt die Antwort eines Piraten?
Wieso soll kein Pfarrer zu Wort kommen? Leben wir in der DDR?
Sehr geehrter Herr Wittig,zunächst bedanke ich mich bei Ihnen, dass Sie Ihren Kommentar mit Ihrem Namen versehen. das ist für mich eine wichtige Voraussetzung für eine streitige Debatte. Ich habe keine Angst vor Neuem. Im Gegenteil: mein Beruf ist, für Erneuerung, für Reform und Reformation einzutreten, was von mir aus auch “update” genannt werden kann. Mein Vorwurf der Ahnungslosigkeit bezieht sich vor allem darauf, dass derzeit bei den Piraten viel zu wenig die Folgenabschätzung Berücksichtigung findet. Vor lauter Selbstbestimmung bleibt die Frage, was denn mein Handeln für den Anderen für Folgen hat, ebenso auf der Strecke wie die Frage nach der Fundierung meiner Position. Das Internet ist an und für sich wertfrei, seine Nutzung setzt aber auch eine ethische Grundlegung voraus – zumindest sollte ich sie erkennen können. Und darüber erfahre ich nichts von den Piraten – außer dass sie mit den Institutionen, die sich u.a. darum kümmern, nichts zu tun haben wollen. Sie sollten sich einmal kritisch mit der Frage auseinandersetzen, warum der gesellschaftliche Großversuch (DDR), ohne Kirchen auskommen zu können, gescheitert ist. Bei aller berechtigten Kritik an den Kirchen – entwickeln sie einmal ein gesellschaftliches Sznenario ohne sie und fragen sich, was das für das Zusammelben bedeutet. Auch in der virtuellen Welt werden sie sich ethischen Fragen stellen müssen. Und da nur die Forderung nach Trennung von Kirche und Staat aufzustellen, wird nicht reichen. Ihnen folgend könnte ich auch fragen: warum so viel Angst vor der Kirche?Herzliche GrüßeIhr Christian Wolff
Guten Tag Herr Wolff,Ich möchte Sie nur drei kurze Fragen fragen und würde ich über Ihre Antwort freuen:1) Wo und wer spricht von einer Gesellschaft ohne Kirchen? Ich lese nur von der Trennung von Staat und Kirche – im politischen Kontext.2) Warum gehen Sie nur selektiv auf Argumente zum Inhalt des Programms der Piraten ein? Gerade ein Überdenken eines BGE zeigt mir, dass sich die Piraten mit ethischen Grundsätzen und den Folgen für die Zukunft des Zusammenlebens aller Menschen einer Gesellschaft – unser aller Zukunft – auseinandersetzen.3) Sprechen Sie von der Kanzel alle mit vollen Namen an? Auch die, die nicht zu Ihrer Gemeinde gehören? Dürfen in ihrer Kirche nur die zu Worte kommen, die sich zuvor mit Vor- und Nachnamen vorgestellt haben?Herzliche GrüßeF. Hoffmann
Sehr geehrter Herr Hoffmann,drei Antworten auf drei klare Fragen, für ich danke:1. Wenn in einem Parteiprogramm der einzige Abschnitt, in dem es um “Werte” geht, daraus besteht, nicht nur die Trennung von Kirche und Staat zu fordern, sondern auch das Subsidiaritätsprinzip unserer Verfassung infrage zu stellen, dann werde ich stutzig – und ich frage mich, wie denn die Piratenpartei auf das Problem reagiert, das sich aus der sehr klugen Feststellung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Böckenförde ergibt: Der freiheitliche Rechtsstaat lebt von Voraussetzung, die er nicht selbst schaffen kann. Wer die “absolute Trennung von Kirche und Staat” will und den respektlosen Umgang mit den Kirchen fordert, der muss schon sagen, wie er unsere Gesellschaft ohne sie gestalten will.2. In einem kurzen Text kann ich nur selektiv auf das Programm eingehe – und zwar auf das, was mir besonders kritisch zu betrachten ins Auge sticht. Das ist doch wohl legitim. Was ist BGE? I)m Übrigen gilt: Nichts ist nur gut oder nur schlecht. Also: auch im Programm der Piraten sind Gedanken, die wichtig sind. Aber insgesamt fehlt die Substanz, die nötig ist, um eine Politik zu entwickeln, die Verantwortung übernimmt für – aufs ganze Land bezogen – 80 Millionen Menschen. Was mir noch auffällt: Rechtsstaat, Solidarität, Gerechtigkeit – das alles kommt im Programm nicht vor.3. Wenn ich von der Kanzel spreche, dann ist das ein öffentlicher, d.h. von jedermann und jeder Frau hinterfragbarer, kritisierbarer Vorgang (einschließlich Widerrede während der Predigt, wie kürzlich geschehen). Jeder weiß, wer was wann wo und warum sagt. Der Name eines jeden Menschen spielt für Juden und Christen ein ganz große Rolle. Denn er besagt, dass jeder Mensch ein unverwechselbares, einzigartiges Geschöpf Gottes ist – und das gilt für jeden Menschen auf dieser Erde. In unseren Veranstaltungen ist es üblich, dass jeder reden darf, aber er wird gebeten, seinen Namen zu sagen. Gerade heute habe ich mit den Schülerinnen und Schülern der 8. Klasse der Thomasschule über das Problem der Anonymisierung des Lebens gesprochen und ihnen anempfohlen, nur das ins Netzt zu stellen, unter das sie ihren vollen Namen schreiben können – also zu dem sie auch stehen. Wie sonst ist Erziehung zur eigenen Meinungsbildung möglich und soll sich Zivilcourage entwickeln? Jeder muss lernen, für das, was er sagt und tut, Verantwortung zu übernehmen.Beste GrüßeIhr Christian Wolff
Herr Wolff, Ihnen ist sicher bekannt, dass Böckenförde sein “Diktum” im historischen Kontext der jungen Bundesrepublik formuliert. 2010 präzisiert Böckenförde es wie folgt:„Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes Ethos, eine Art „Gemeinsinn“ bei denen, die in diesem Staat leben. Die Frage ist dann: Woraus speist sich dieses Ethos, das vom Staat weder erzwungen noch hoheitlich durchgesetzt werden kann? Man kann sagen: zunächst von der gelebten Kultur. Aber was sind die Faktoren und Elemente dieser Kultur? Da sind wir dann in der Tat bei Quellen wie Christentum, Aufklärung und Humanismus. Aber nicht automatisch bei jeder Religion.“ vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-DiktumUnd, wenn ich das hinzufügen darf, wir sind auch nicht automatisch bei Kirche.
Da kommen wir dem Kern schon sehr viel näher. Natürlich sind wir nicht automatisch bei der Kirche. Aber wir nähern uns den Quellen, aus denen sich Grundüberzeugungen speisen, auf die wir auch (selbst-)kritisch zurückgreifen können. Nur: wenn wir die Verbindung zu diesen Quellen abschneiden, wenn eine Gruppierung meint, auf diesen kritischen Diskurs verzichten zu können, wenn sie meint, eine Art “wertfreie” Politik betreiben zu können, dann ihr schnell die Luft ausgehen. Die Piraten müssen sich um Inhalte kümmern, anstatt eine Institution, die wesentliche Inhalte des menschlichen Lebens bewahrt und vermittelt, für überflüssig zu erklären.Christian Wolff
Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert hat mich das selbe inhaltsarme, dafür umso wortgewaltigere -höflich gesagt- Gerede meines Großvaters, selber evangelischer Pope, auf die Palme gebracht. Wenn man wie alle Kirchen und Parteien außer den Piraten Politik als die Kunst begreift, die Menschen davon abzubringen, sich um die Dinge zu kümmern, die sie etwas angehen, dann geht einem natürlich die Muffe mit 118, wenn da eine Partei daher kommt und sagt: STECK DEINE NASE GEFÄLLIGST REIN!
Auch hier ist die Debatte übrigens intensiv: http://www.facebook.com/deutschlandfunk
Danke, Herr Wolff. Sie haben meine Fragen offensichtlich selektiv gelesen. Nichts anderes hatte ich ehrlich gesagt erwartet. Wo steht denn bitte, dass die Kirche abgeschafft werden soll?Ich antworte gleich für Sie: Nirgendwo. Sie möge sich nur dort äußern, wo sie und ihr Wort hin gehört: In die Kirche.Dort kann sich jeder freiwillig ein Bild machen, wenn er oder sie möchte.Gruß von einem Katholiken, der an Gott glaubt. Nur um dies deutlich zu sagen. Erwachsen bin ich zu dem seit Jahrzehnten auch noch und würde niemals mir anmaßen so verallgemeinernd und in meinen Augen populistisch über unsere Jugend und junge Erwachsene herziehen, wie sie, Herr Pfarrer.
Das ist immer sehr überzeugend, wenn man schon vorher weiß, wie der andere denkt, und diesen dann in den “Käfig” steckt, den er nicht verlassen soll: die Kirche. Mich würde aber sehr interessieren, wie der gläubige Katholik Friedhelm Hoffmann die Rolle der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft sieht. Da ich nun täglich mit Menschen jedes Alters umgehe und insbesondere auch mit Jugendlichen, erlaube ich mir auch, Beobachtungen zu reflektieren und zur Diskussion zu stellen. Es ist schon auffällig und wirft ein bezeichnenden Licht auf den Zustand der Streitkultur, wenn dies dann als “über unsere Jugend herziehend” gebrandmarkt wird. Dabei geht es um die spannende Frage, was können wir tun zur Förderung der politischen Meinungsbildung und der Wahrnehmung von Verantwortung in unserer Gesellschaft und für die Demokratie. Und welche Rolle spielt dabei die Geschichtskenntnis und die Fundierung der eigenen Position in einem für den anderen hinterfragbaren Wertekanon. Das sind Fragen, über die innerhalb der Kirchen und unserer Gesellschaft offen debattiert werden muss. Dazu habe ich einen Beitrag geleistet. Christian Wolff
Sehr geehrter Herr Pfarrer Christian Wolff!Kirchen und Religionsgemeinschaften sind bestandteil der Gesellschaft, jedoch nicht die “maßgebende Instanz”. Religiöse Werte, wie sie in den “Zehn Geboten” verfasst sind, sind schon längst im Strafgesetzbuch übernommen und aufgrund ihrer “Pauschalität” wie zum Beispiel: “Du sollst nicht stehlen” weit über das “Kirchliche Niveau” hinaus weiterentwickelt worden. Das Kirchenvertreter sich hier als die “einzige Moralische Instanz” präsentieren wollen ist nichts weiter als der allgemein bekannte “Größenwahn”.Unter dem Begriff “Streitkultur” kann man auch “Unkultur” verstehen. Wer jemand anderen zum Streiten auffordert, stellt damit im Vorfeld den Anspruch, seinem gegenüber in eine Gosse herabziehen zu wollen, in der nur er selbst sich am wohlsten fühlt.Innerhalb von Kirchen, kann man genauso wenig offen debatieren, wie innerhalb der SPD, weil die Kirche ein “Globales nicht Demokratisches Top-Down Wirtschaftsunternehmen” ist, was man daran erkennen kann, dass innerhalb der Kirche keine Wahlen zum Pabst noch zum Pfarrer stattfinden und der Rest des “Unternehmens Kirche” auf das erlangen Wirtschaftlicher vorteile abgestellt ist.Die Kirche giert nach Geld und Macht, das ist alles und das Menschen innerhalb solcher Organisationsstrukturen an die Öffentlichkeit treten und von Demokratie faseln ist der Gipfel der Selbstkarikatur.MfG Francis Debord
Schon allein der historischen Wahrhaftigkeit wegen sollte der Beitrag der Reformation zur Demokratie nicht unterschlagen werden. Natürlich werden in der Evangelischen Kirche alle Ämter per Wahl besetzt – in der Regel auch die Pfarrstellen. Wer eine solch krudes Feindbild von Kirche in sich trägt, der wird in seinem Blickwinkel keinen Platz haben für den Beitrag, den gerade die evangelische Kirche und noch mehr Christinnen und Christen zur Friedlichen Revolution 1989/90 geleistet haben. So viel zum Thema “Ahnungslosigkeit …”Christian Wolff
Lieber Herr Pfarrer Wolf, jetzt hängen Ihnen als ev. Pfarrer diese Trolle auch noch den Papst an, der ja durchaus gewählt wird. (schönes Beispiel für die Ahnungslosigkeit) Ich bedaure sehr, dass die an sich tollen Diskussionsmöglichkeiten im Netz, statt zu fruchtbarer Auseinandersetzung überwiegend dazu genutzt werden, den anderen zu verunglimpfen und das Recht abzusprechen, sich öffentlich zu äußern. Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag und das interessante Interview heute morgen im DLF. Man muss ja nicht allem zustimmen, kann sich aber damit auseinandersetzen.
Sehr geehrter Herr Pfarrer Christian Wolff! Die Kirche ist nie Reformiert worden, Martin Luther hat lediglich mit der Evagelischen Kirche einen Teil für sich vom Katholizismus abgespalten. So ähnlich, wie sich die Linkspartei von der SPD abgespalten hat. Die Evangelische Kirche ist nichts neues, sondern das alte im neuen – weniger Radikalem – Gewand. In der Zeit in der ich von meiner “parentalgeneration” in die Kirche gezwungen wurde. Habe ich nie eine Wahlurne in der Kirche stehen sehen. Da wurden nie Wahlzettel ausgeteillt, weder zur Wahl der Besetzung des Pfarramtes als auch für die Besetzung des Pabstamtes. Obwohl in Vatikanstadt, der Hauptzentrale des “Wirtschaftsunternehmens Kirche” genug finanzielle Mittel bereitliegen um eine Wahl materiell zu ermöglichen.Leider haben Sie meiner Argumentation außer Polemik nichts entgegenzusetzen, aber das habe ich von Anfang an nicht erwartet.Man kennt ja seine Pappenheimer! MfG Francis Debord
Zur Wahrhaftigkeit gehört auch, das für die “sogenannte Friedliche Revolution”, die sie der Kirche in Form einer Goldmedaillie an die Brust heften wollen vor allem Bürgerrechtler und am Schluss auch das ganze Volk in der DDR im Gegensatz zur Kirche zur Not auch mit ihrem Leben bezahlt hätten. Eine Art von Tapferkeit die der Kirche doch eher unbekannt ist. Die Montagsdemos fanden nicht statt, weil die Kirche dazu aufgerufen hätte, sondern weil die Bevölkerung der DDR einfach die Schnauze gestrichen voll hatte von Honecker und seiner Gefolgschaft. Wer in der DDR für seine Freiheit eingestanden hat, musste mit Folter und öffentlicher Misshandlung rechnen um der Staatsmacht als Einschüchterungsexempel zu dienen. Vor dem Fall der Mauer ist die VoPo mit brutaler Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen, wie man es auch von anderen Diktaturen her kennt. Irgendwann wurden die Demonstrationen so groß und unübersichtlich, dass VoPo´s auf ihre eigenen Kinder hätten das Feuer eröffnen müssen. Die Kirche war in der Ex-DDR eine verschwindent geringe Randgruppe. Die Bürger der DDR haben sich ihre Freiheit erkämpft und verdient und nun kommen Sie daher und wollen sich hier in “Geschichtsverfälschender Weise” den “Verdienst der Freiheit” der anderen an die Brust heften.
Aber, lieber Herr Wolff, genau das tat und schrieb ich doch. Dass dieses Ihnen missfällt kann ich nachvollziehen. Mfg
[...] veröffentlichten wir hier den Text “Die Partei der Ahnungslosen – ein paar Gedanken zur Zukunft des Politischen“. Eine kritische Auseinandersetzung, die in kurzer Zeit eine intensive Debatte auslöste. [...]
Ich habe diesen Artikel hier jetzt nur grob überflogen, aber ich habe heut morgen den Beitrag im dradio gehört.Was ich mir dabei vor allem dachte war: Da hat einer absolut nicht verstanden worum es geht; zudem hat er ein völlig falsches Bild von jungen Menschen (wie ich einer bin) und unserer Gesellschaft. Es stimmt, viele junge Menschen sind leider viel zu Spaß-orientiert. Aber ich glaube nicht, dass das zu irgendeiner Zeit anders gewesen ist. Es gibt aber auch gleichzeitig viele, die sich sehr intensiv mit Politik und tiefgründigeren Fragen befassen und sich ein Urteil nicht einfach machen!! Der Grund für das Aufkommen und den Erfolg der Piratenpartei ist vor allem, dass die Menschen kein Vertrauen in die Politik mehr haben, und dass sie sich nicht mehr von ihr vertreten fühlen! Vielleicht sollte man ersteinmal anfangen, nach seinen eigenen Fehlern zu suchen – und nicht nach dem Balken im Auge des Bruders … – bevor man anfängt, sich auf den populären Neuaufkömmling zu stürzen (denn seine Existenz hat seinen Grund eben im Scheitern der großen Parteien!). Umso mehr ich mich mit Politik befasse, umso mehr bekomme ich das Gefühl, dass wirtschaftliche Interessen eine viel zu große Rolle in der Politik spielen, dass überreiche Menschen zu wenig besteuert werden und im Gegenzug Sozialleistungen gekürzt werden (wie man z.B. am katastrophalen Lehrermangel an Dresdner Schulen sehen kann …). Das ist zumindest der Eindruck, den ich immer stärker gewinne (indem ich mich mit Medien wie dRadio oder ZEIT befasse …), und wenn ich mich jetzt naiverweise vollkommen täusche, dann bitte ich die etablierten Parteien, etwas dafür zu tun, damit ihre Politik für die Bürger durchsichtiger und nachvollziehbarer wird (wenn sie denn tatsächlich so toll ist, wie sie immer tun)…. Bisher habe ich immer zwischen Grünen und SPD hin- und hergependelt, aber bei so viel Arroganz, die ja nicht nur in diesem Beitrag offen zu Tage tritt, habe ich heut früh das erste Mal darüber nachgedacht, ob ich mich bei der nächsten Wahl nicht doch für die Piraten entscheide …
Ich find’s gut geschrieben, und auch die Debatte in den Kommentaren findet mein Interesse.Chapeau, Herr Wollff.
Wahlverhalten und Parteibindungen hatten immer viel mit Milieuzugehörigkeiten (soziale Schicht, Religion etc.) zu tun. Die dem entsprechenden Parteien sind an gesellschaftlichen Großkonflikten entstanden. Sie verfügten über eine weltanschauliche Basis und eine Vorstellung, wie die Gesellschaft gestaltet werden sollte. Diese Gesellschaftsmodelle schlossen einander aus. Was man an der Unversöhnlichkeit des Parteienspektrums in der Weimarer Republik sehen kann. Heute gibt es keine Milieus mehr sondern eher Lebensstile, denen man sich zuordnet. So zeigen die aktuellen Sinus-Milieus (rechts oben), dass hier ein Potential entstanden ist, das für eine Partei wie die Piraten ansprechbar ist. Mit weltanschaulichen Überzeugungen, konventionellen Programmdiskussionen, überhaupt traditioneller Parteiarbeit können diese vor allem jungen Menschen nicht viel anfangen. Manches, was an der Piratenpartei kritisiert wird, drückt einen anderen, manchmal ahnungslos wirkenden Zugang zum Politischen aus. Eine Prognose, ob daraus etwas Konstruktives (oder Gefährliches) für unser politisches System werden kann, dürfte im Moment noch nicht möglich sein.
Wenn Chr.Wolf meint, dass seit einer Generation in Deutschland gedankliche intellektuelle Anstrengung verweigert wird, ist das eine kühne Behauptung; wenn er meint, dass sich jüngere Menschen nur noch im Netz bewegen, ist das eine heftige Übertreibung; und wenn er gar meint, dass junge Menschen über kein ausreichend ordnendes und Kritik ermöglichendes Verstehensraster verfügen, muß er sich die Frage nach nach seinem eigenen und offenbar überstark geordneten Verstehensraster gefallen lassen. Vielleicht trifft gerade auf ihn selbst zu, dass er viel weiß, aber wenig versteht. Vor allem aber scheint er nichts von gesellschaftlichen Aufbrüchen, chaotisch erscheinenden Suchbewegungen, der wunderbaren Frische und jenem Zauber zu verstehen, der zu jedem Anfang gehört.
Mein Name ist Dideldeidumm. Ich habe keinen Respekt (Florian Wittig: Und dieser fehlende Respekt ist absolut nötig, um irgendwas zu bewegen). Auch nicht vor mir selber. Schließlich will ich irgendwas bewegen. Was – das wird mir vielleicht noch einfallen, oder auch nicht. Ich habe auch keinen Respekt vor den Diskutanten. Ich will irgendwas bewegen. Hände hoch! Wer hat den Artikel von Christian Wolff gründlich gelesen? Ich sehe keine Hand.
Woher nehmen einzelne Diskutanten die Frechheit (Tichodroma: Woher nimmt der Autor eigentlich die Frechheit..), ihren Schwachsinn hier auszubreiten? Haben sie dafür irgendwelche Belege oder Rechtfertigung? Einzelne Beiträge sind zum Kotzen, meiner auch, oder der meinige, der Meinige – keine Ahnung. Ich habe schon gekotzt, kann jetzt entspannt schreiben. Ich brauche nicht dieses „inhaltsarme, dafür umso wortgewaltigere -höflich gesagt- Gerede..“ (Oydenos) einer schwachsinnigen Internet-Community. Ich bin in keiner Partei und in keiner Kirche. Die Piratenpartei hat eine große Zukunft! Voraussetzungslos, bedingungslos, verantwortungslos, respektlos und vor allem auch folgenlos – nur wer nichts nachplappert, hat Zukunft! Hier sind wach werdende Potenziale (Sonja) am Werk! Welche das sind, wird sich noch zeigen! Die besten Vorraussetzungen, was zu bewegen, hat z.B. in Deutschland einer, der Polizisten wegen der Gerechtigkeit verprügelt. Er kann Außenminister werden und später einmal Lobbyist für eine Pipeline. Es gibt noch andere schöne Beispiele. Voraussetzungsloses Grundeinkommen, Haschisch für alle, Drogen für alle, Alkohol für alle, Internet für alle – wenn möglichst viele von Drogen und staatlichen Geldern abhängig sind, dann läßt es sich regieren! Die Piraten werden weiter marschieren für eine bessere Welt, denn heute gehört uns das I-Net und morgen die ganze Welt. – Was soll das? ich weiß es selbst nicht, aber bewegen will ich irgendwas.
Übrigens Dideldeidumm ist doch nicht mein richtiger Name – er lautet Bendudei Dromwittibenflorticho.
Natürlich ist es für die demokratische Entwicklung immer förderlich, wenn sich neue Gruppierungen oder Parteien bilden und sich dadurch mehr Menschen an der Demokratie beteiligen. Darum ist es auch nicht überraschend, dass sich 30 Jahre nach den Grünen eine neue Parei gebildet hat, die es auch schon in zwei Landesparlamente geschafft hat. Und natürlich basiert der Erfolg einer solchen Partei immer auch auf den gesellschaftlichen Missständen und Unzulänglichkeiten der etablierten Parteien. Doch der Hinweis darauf, macht aus einer neuen Gruppierung noch keine qualitativ bessere Partei. Es könnte ja auch sein, dass nicht nur die Gründung als solche ihre Ursache im schlechten Zustand der anderen Parteien und in gesellschaftlichen Fehlentwicklung hat, sondern dass die Gruppierung in sich Teil des festgestellten Missstandes ist. Ob es daran liegt, dass in etlichen kritischen Äußerungen zu meinem Papier zwar der schlechte Zustand der etablierten Parteien beschworen wird, aber vehement reagiert wird, wenn einige gesellschaftliche Misstände benenne – zugegebener Weise auch mit dem Hinweis, dass manches davon auch in der Piratenpartei auszumachen ist. Also: die Skandale um Guttenberg und Wulff sind keine Zufälle, sondern die Spitze eines Eisberges. Diesen zu beschreiben, ist weder arrogant noch jugendfeindlich, sondern eher der Versuch, die derzeitige gesellschaftliche Lage einzuschätzen. Und dass wir hier einen Mangel an politischer Debatte und Grundorientierung haben, hat nicht nur die unsägliche Sarrazin-Debatte gezeigt, sondern auch das Herumirren einiger Piraten in der Geschichte. Und schließlich frage ich mich, warum im Programm der Piraten (und vor allem in etlichen Äußerungen z.B. zum Karfreitag) als solcher Kirchenhass zum Ausbruch kommt – so, als ob diese der Grund alles Übels sind. Warum diese Angst? Will man eine der Institutionen, die sich um Grundorientierung kümmern, beseitigen? Und warum spielt im Programm der Piraten die Bedeutung der Religion und des interreligiösen Zusammenlebens überhaupt keine Rolle? Auch das ist in meinen Augen Ausdruck von Ahnungslosigkeit. Wer eine Grundbefindlichkeit des Menschen verleugnet, wird sich wundern, wie schnell ihn diese einholt.Christian Wolff
Wenn sich die Schelte von Chr.Wolf nun auch noch auf jene Ahnungslosigkeit der Piraten bezieht, die von christlicher Kirchengeschichte, Bedeutung kirchlicher Feiertage und tradierten evangelischen Antworten auf sogenannte Grundbefindlichkeiten nichts weiß und wissen will, muß er wohl den Bogen noch einmal stark erweitern und am besten gleich gegen die Gottvergessenheit der modernen Gesellschaft wettern.
Es ist jammerschade! Herr Wolff, Sie entwickeln gute Gedanken, die man in solcher Dichte und Klarheit anderswo vergeblich sucht. Wieso widerstehen Sie nicht der Versuchung, Ihre politisch-gesellschaftlichen Ansichten mit Ihrem persönlichen Gottesglauben zu verbinden? Spätestens bei dem Satz“…und nicht zuletzt bedarf es in der Demokratie auch einer ethischen Grundorientierung, die nicht vom Himmel fällt (wohl aber einer Jenseitsperspektive bedarf!)”fällt bei vielen Menschen, die der Religion fernstehen, gleichwohl hohe moralische Ansprüche haben, die Klappe runter. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sich in den Kommentaren nun vieles um Kirche und Religion dreht, nicht aber um das eigentliche Thema. Schade, schade.
1. Was ist eigentlich “jammerschade” daran, wenn politische Fragen auch auf einem theologischen Hintergrund debattiert werden?2. Könnte es sein, dass das “eigentliche Thema” (allerdings nicht das einzige) zumindest meiner Einlassung die Frage nach der Grundorientierung ist und diese ohne religiöse Perspektive nur schwerlich diskutiert und beantwortet werden kann.3. Was soll so abwegig daran sein, über Kirche und Religion zu debattieren? Schließlich handelt der einzige Abschnitt im Programm der Piraten, in dem es um Werte geht, von der Kirche, die – so verstehe ich die Einlassung – man möglichst abgeschottet von gesellschaftlichen Prozessen sehen will.Christian Wolff
Die Kirche hat nunmal keinen Anspruch darauf, parteipolitische Programme zu bestimmen. Wenn das in der CDU so gehandthabt wird – bittesehr, aber wer nicht ständig in “Grenzüberschreitender Weise” der Ansicht ist anderen sein Weltbild aufzwingen zu wollen, sollte mal lernen sich ein wenig zurück zu halten und die Meinung anderer zu respektieren, wozu Ihnen, Herr Pfarrer gänzlich die nötige Reife fehlt.
Zu 1): Ihre messerscharfe gesellschaftliche Analyse taugt als Denkanstoß für Gläubige wie Nichtgläubige gleichermaßen; sie bezieht sich auf das Diesseits. Die Zusammenhänge zwischen politischer Gleichgültigkeit, dumpfer Konsumentenmentalität, Ego-/Gruppeninteressen-Denken und dem Aufkommen der Piratenpartei haben Sie so deutlich herausgearbeitet wie niemand vor Ihnen. Doch für die Gruppe der Nichtgläubigen bekommen Ihre Worte einen schalen Beigeschmack und laufen Gefahr, als kirchenideologisch motiviert abgetan zu werden. Spätestens wenn von der Notwendigkeit einer Jenseitsperspektive für das Gelingen eines gesellschaftlichen Miteinanders die Rede ist, werden Nichtgläubige misstrauisch oder schalten ganz ab – verständlicherweise. Das ist sehr schade!
Zu 2): Sicherlich: Die Kernfrage stellt auf die gesellschaftliche Grundorientierung ab, auf Moral, auf Werte, und Sie rollen diese Frage am derzeitigen Erfolg der Piratenpartei auf. Das finde ich richtig gut. Warum man aber ohne religiöse Perspektive in der Gesellschaft auf keinen grünen Zweig kommen soll, ist mir schleierhaft. Und vielen anderen Atheisten auch, die nicht weniger mitfühlend, sozial und verantwortungsbewusst sind als Christen.
Zu 3): Über Kirche und Religion kann man gut & gerne debattieren, aber ich glaube, Sie räumen dem Thema in Bezug auf das Piraten”Programm” zu viel Bedeutung ein, zumal bei denen die programmatische Messe ja noch lange nicht gelesen ist. “Wir rocken den Karfreitag” ist einfach naiver, schnöseliger Rotz, an dem in der Piratenpartei bekanntermaßen kein Mangel herrscht.
1. Wenn mir etwas fremd, ungewohnt vorkommt und ich zunächst auf Distanz gehe, dann schalte ich nicht ab, sondern gerade dann fange ich an, darüber nachzudenken. Wie sonst wollen wir in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft das Zusammenleben und gegenseitigen respekt lernen?2. Eine bewusst provozierend-steile These zum Nachdenken: Wir können uns den Atheismus leisten, solange es Christen gibt!3. Ich bin mir da nicht so sicher. Aber wir werden’s sehen. Heute antwortete der Piratenvorsitzende von NRW auf die Frage nach der inhaltlichen Orientierung und den Werten: das Grundgesetz gebe diese vor. Nun gut: im GG ist das Verhältnis von Kirche und Staat geregelt (und nicht etwa die Trennung vorgeschrieben – ein weit verbreiteter Irrtum). Außerdem halte ich es bis zum Erweis des Gegenteils für sehr verräterisch, wenn man sich zunächst auf die Institution stürzt, deren Mitglieder trotz aller Fehlerhaftigkeit der Kirchen sehr viel zu einem menschlichen, friedlichen und vielfältigen Zusammenleben in unserer Gesellschaft beitragen. Auch an dieser Stelle: viel Ignoranz und Ahnungslosigkeit.Christian Wolff
1.) Es ist nicht so, dass uns Atheisten die Religion fremd und ungewohnt vorkommt. Kaum ein Heranwachsender lernt im Zuge seiner Bildungslaufbahn, vom Kindergarten bis zum Schulabschluss, die christliche Religion nicht kennen. Und viele wachsen in dem Bewusstsein auf, dass der letzte Grund für unsere Existenz und für alles, was uns umgibt, Gott ist, der Gebete erhört, Sünden verzeiht, “unserer Schwachheit aufhilft” und am Ende unserer Tage Rechenschaft von uns verlangt. Atheisten sind keinesfalls Menschen, die Berührungsängste vor der Religion hätten – sie kennen sie ja recht gut – sondern die sich – gerade aufgrund ihrer Kenntnisse, und weil sie sehr wohl darüber nachgedacht haben! – gegen sie entschieden haben.
Und, wichtig: Den Glauben abzulegen bedeutet nicht, zusammen mit ihm auch den Respekt vor Gläubigen abzulegen, ganz egal, welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Ich als Atheist bin davon überzeugt, dass nichts so sehr Respekt verdient wie diejenigen existenziellen Grundfragen des Menschen, auf die die Religionen Antworten geben wollen (es nach meinem persönlichen Dafürhalten jedoch nicht können). Wie auch immer: Da ist nichts mit Berührungsängsten und Respektlosigkeit.
2.) Die These, dass man sich den Atheismus solange leisten könne, wie es Christen gebe, ist in der Tat provozierend, da sie für das Christentum ein Monopol auf gute Absichten und gute Taten beansprucht, zumindest aber impliziert, dass Atheisten das moralische Niveau von Christen nicht erreichen können. Das höre ich natürlich nicht so gerne.
Die These lässt sich aber auch ganz gut umdrehen. Man schaue nur mal in die USA, wo der christliche Glaube weitaus ernster genommen wird als im vergleichsweise säkularen Europa. Dort ist es ganz normal, dass zum Tode Verurteilte mit ausdrücklichem Hinweis auf “eine höhere, richtende Instanz” getötet werden und noch bei keinem Krieg, so schmutzig und brutal er auch war, die Legitimation durch Gott fehlte. “Wir werden dem Irak nun Gottes Frieden bringen” (G.W.B. jun.) – solche Äußerungen sind überhaupt nicht ungewöhnlich, wenn’s in die Schlacht geht. Man könnte nun sagen: Dass die USA noch nicht völlig zu einem Unrechtsstaat verkommen sind, ist den säkularen, aufgeklärten und demokratischen Kräften zu verdanken. Solange es diese gibt, kann man sich auch den Bible Belt leisten.
3.) Undifferenzierte Kirchenkritik, erst recht dumpfes Bashing, lehne auch ich ab. Und ich habe auch kein Verständnis dafür, wenn man sich z.B. mit der Forderung nach Abschaffung des sonntäglichen Kirchenläutens modern-säkular geben und politisch profilieren will. Respekt und Toleranz sind wichtige Grundsätze.
Nachdem ich den Artikel über die Partei der Ahnungslosen und das Interview im Deutschlandfunk mit Pfarrer Christian Wolff, sowie die Diskussionsbeiträge gelesen habe, muß ich sagen, daß es beschämend ist, auf welch niedrigem Niveau seitens der Kommentatoren die Diskussion geführt wird. Ich kann mich nur der brennenden Sorge um unsere geistliche, geistige, gesellschaftliche und ethische Zukunft anschließen. Die Beiträge zeigen überdeutlich welcher Werteverfall in unserer Gesellschaft eingetreten ist. Menschen, denen unsere Zukunft in ihrer vollen Bedeutung am Herzen liegt, würden nie so verantwortungslose Meinungen äußern, sondern mit Sachlichkeit und wirklichem Interesse die Fragen unserer Zeit diskutieren. Wir können nichts klären, wenn wir einander nicht respektieren, dafür ist die Situation in Deutschland viel zu ernst.
Sehr geehrter Herr Wolff, auch ich spreche Ihnen mein Kompliment aus für den obigen Artikel. Und ja, ich habe ihn vollständig und in Ruhe gelesen. Es ist bedauerlich, dass Ihre Analyse der Tendenzen in unserer Gesellschaft wie so häufig in ein “wettern” gegen die Kirche und die Religion ausartet. Manche vergessen bei Argumenten wie” kümmern Sie sich um die Dinge in Ihrer Kirche”- das Sie genau das tun. Denn Sie nehmen Anteil an den Menschen. Wer so argumentiert ist tatsächlich ahnungslos…Aber hier geht es um eine Analyse und um eine Tendenz des Negierens aber des lautstarken Urteilens und des unvermögenden Teilhabens an den Staatsgeschäften eines Landes. Es ist immer ernüchternd, wenn man einen Spiegel vorgehalten bekommt.Sie haben meinen Respekt Herr Wolff, dass Sie sich auch den Diskussionen hier so würdig stellen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und die rechten Worte zur rechten Zeit.
Sehr geehrter Wolff, mein Kompliment für Ihren m.E. sehr differenzierten und überaus sachlich vorgetragenen Artikel.Auch mich bestürzt wie einige Vorredner die Polemik vieler kritischer Kommentare, deren Autoren sich nicht selten im Schutz der Anonymität zu verbalen Tiefschlägen hinreissen lassen.Die von Ihnen konstatierte Politikverweigerung trifft wohl leider die Situation im Kern. Seit Jahren beobachte ich im beruflichen wie persönlichen Umfeld, dass die übergrosse Mehrheit der Menschen, denen ich begegne auf gesellschaftliche, zeitgeschichtliche wie politische Gesprächsthemen überwiegend gelangweilt bis ignorant reagiert. Das erlebe ich keineswegs als reines Jugendphänomen, sondern über alle Altersgruppen hinweg. Die “geistig-moralische Wende” der Mitte der 80er-Jahre mit dem Durchbruch der neoliberalen Ideologie und die in der Folge zunehmende Geringschätzung fast aller geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen jenseits der Ökonomie tragen hier ihre Früchte.Meiner Erfahrung nach ist im privatwirtschaftlichen Arbeitsumfeld eine Atmosphäre der Angst hinzugetreten, durch Preisgabe politischer oder gesellschaftlicher Überzeugungen Nachteile zu erleiden, wenn diese als mit der Haltung von Vorgesetzten oder Unternehmensleitungen nicht im Einklang stehend vermutet werden.Die (es mag klischeehaft klingen) Zunahme des Ökonomisierungsdrucks auf alle Lebensbereiche und die erhebliche Reduzierung sozialer Absicherung lässt m.E. bei vielen Menschen die Befürchtung aufkommen, wegen kritischer Äußerungen an sozial problematischen Folgen einer rein marktradikal ausgerichteten Gesellschaftsordnung als Leistungsverweigerer zu gelten und dadurch Statusnachteile zu erleiden.Politik und Gesellschaftliches sind nicht selten ein regelrechtes Tabuthema in Kasino und Kantine geworden.Dies habe ich als heute Mittvierziger zu Beginn meines Berufslebens noch anders erlebt.Wenn politische Themen überhaupt zur Sprache kommen, geschieht dies häufig auf einer pseudo-distanzierten Meta-Ebene, die vom Standpunkt einer Zuschauergruppe im Circus Maximus beim Beobachten der Politgladiatoren ausgehen könnte. Taktische Finessen werden bewertet, Sieger gefeiert und Verlierer geschmäht, hier spiegeln sich die Massenmedien. Insofern bin ich persönlich der Piratenbewegung dankbar, dass durch ihren Erfolg (trotz all des Chaos, das sich derzeit seitens der Partei zu Schau stellt) zumindest die Fragestellung auch ausserhalb akademischer Zirkel aufgeworfen wird, wie politische Teilhabe in diesem Land und im europäischen Kontext denn in Zukunft aussehen kann.Dabei hoffe ich beinahe in lutherischer Apfelbaummanier, dass diese Frage die Menschen auch interessiert und nicht allzuviele bereits eine Dauerkarte auf den bequemen Rängen des Stadions der Abstinenz gebucht haben.Meine Ängste gelten daher auch weniger der ein oder anderen verwirrten Debatte einer unfertigen Piratenpartei, sondern mehr dem Szenario von politisch willenlosen Mehrheitsgesellschaften in Europa, die sich in pseudo-nationale und korrupt-marktradikale Plutokratien entführen lassen, wie sie sich bereits am ungarischen Horizont zu erkennen sind.
Wie man in den Wald ruft, so schallt es aus ihm auch wieder heraus. Die Diskussion beweist minestens zwei Dinge: Die Ahnungslosen sind sehr engagiert. Die anderen sehr beunruhigt. Das ist ein gutes Zeichen.
Im Grunde kann man die ganze Diskussion auf zwei Sätze herunterbrechen.Zitat von Dieter Nuhr: “Ey alter ey ich *ick deine Mutter ey, Respekt”Zitat von Pfarrer Wolff: “Ey alter ey ihr seid Ahnungslos ey, Respekt”MfG Francis Debord
[...] Christian Wolff: Die Partei der Ahnungslosen – ein paar Gedanken zur Zukunft des Politischen [...]
“Jeder, der mit Jugendlichen umgeht, kennt diese beiden Worte: „Keine
Ahnung“. Floskelhaft stehen sie an der Stelle von „Äh“ und „Em“” (die beiden letztgenannten Worte sind natürlich um einiges intelligenter …)” – und
wenn dann ein fetzenhafter Wortschwall eines 14-Jährigen im Unterricht
mit „Keine Ahnung“ jäh verendet, ist damit weniger ein Nichtwissen zum
Ausdruck gebracht als vielmehr die Unlust, jetzt einen zusammenhängenden
Gedanken auszusprechen. „Keine Ahnung“ – das ist der jugendliche Reflex
auf eine diffuse Unbestimmtheit, mit der die Erwachsenenwelt junge
Menschen sich selbst überlässt oder ihnen im Wust der Vielfalt des
Lebens Orientierung verweigert. Insofern ist es nicht verwunderlich,
dass sich jetzt als politische Partei formiert, was sich seit mindestens
einer Generation aufgebaut hat: die Verweigerung der gedanklichen,
intellektuellen Anstrengung, die umso mehr erforderlich ist, als sich
jüngere Menschen nur noch im Netz bewegen und damit in kürzester Zeit
mit der universalen Komplexität des Lebens konfrontiert sind, ohne über
ein ausreichendes ordnendes und Kritik ermöglichendes Verstehensraster
zu verfügen.“Ich habe dieses Zitat mal mit einem Kommentar versehen und an den Stellen markiert, an denen es ganz eindeutig jugendfeindlich ist!1. Man kann doch nicht eine ganze Generation in eine Schublade stecken! Das ist als würde ich sagen “Alle Menschen zwischen 30 und 35 Jahren haben die gleichen charakterlichen Eigenschaften und den gleichen Grad an Tiefgründigkeit”! Außerdem sind die von ihnen angesprochenen 14-jährigen2. Logischerweise irgendwie noch nicht in dem Alter, in dem ein überdurchschnittlich hoher Anteil von ihnen bereit oder fähig dazu ist, sich mit komplexen politischen Fragen auf verständige Weise auseinanderzusetzen!3. Zählen die 14-Jährigen vielleicht teils zu den Piraten-Sympathisanten, aber ganz sicher nicht zu ihren Wählern4. Sind dies allessamt Vorurteile die ich einfach nicht bestätigen kann! Ich weiß ja nicht, welche jungen Menschen sie so kennen, und mit welcher selektiven Wahrnehmung Sie sie betrachten, aber aus meinem Umfeld kann ich nur sagen: es gibt durchaus junge Menschen, die weiter denken können als “Äh, hmm … Keine Ahnung!”5. Hat das Internet das Verstehen verkompliziert, nicht vereinfacht. Es stimmt, es gab und wird immer Menschen geben, die sich lieber einfacheren Denkstrukturen zuwenden, und die Antwort vieler auf Komplexität ist eben Vereinfachung. Das mag auf die Mehrheit zutreffen, aber ich glaube kaum, dass es da (zumindest bei den ab etwa 18/20 Jährigen) bei jüngeren oder älteren Menschen einen höheren oder niedrigeren Anteil gibt. Es gibt leider in allen Altersstufen einen eher geringen Anteil an Menschen, die wirklich eigenständig denken, und auch nur einen gewissen (nicht ganz so niedrigen) Anteil an Menschen, der sich interessiert mit Politik befassen.6. Sind Ihre Aussagen der beste Weg, junge Wähler von der SPD fernzuhalten!
Was heißt hier “jugendfeindlich”? Jugendfeindlich ist, wenn jedes Jahr 80.000 junge Menschen ohne Abschluss eine Schule verlassen – und niemand geht ihnen nach. Jugendfeindlich ist, wenn sich in den Parks der Großstädte junge Menschen zudröhnen mit Alkohol und Drogen und wir gehen achtlos dran vorbei. Jugendfeindlich ist, wenn junge Menschen den Neonazis auf den Leim gehen, weil sich sonst niemand um sie kümmert. Aber jugendfeindlich ist doch nicht, wenn ich mich als Erwachsener mit Tendenzen unter jungen Menschen kritisch auseinandersetze – einmal abgesehen davon, dass das, was ich in dem Abschnitt anspreche, sich hauptsächlich auf die Erwachsenen bezieht. Jugendliche erwarten von erwachsenen Verständnis, aber keine Kumpanei. Sie erwarten, dass man sie ernst nimmt, aber sie wollen durchaus den Widerspruch. Im Umgang mit Jugendlichen habe ich einen pädagogischen grundsatz: ich nehme sie ernst. Und das heißt: ich erwarte von ihnen die Entwicklung einer eigenen Meinung, die durchaus unvollkommen, widersprüchlich und konträr zu meiner sein kann, aber sie muss begründet sein. Ich konfrontiere Jugendliche auch mit meinen Überzeugungen – nicht, damit sie diese übernehmen, sondern damit sie sich damit kritisch auseinandersetzen. Was Jugendliche am allerwenigsten benötigen: eine ach so verständnisvolle Betulichkeit der Erwachsenen, die nichts anderes ist als die Bequenlichkeit des “Lass mich in Ruhe”. Gift für Jugendliche ist die kultuivierte Meinungslosigkeit der Érwachsenen! Also: ich werde weiter junge Menschen gerade darin ernst nehmen, in dem ich ihnen auch kritische Positionen zumute.In diesem Sinne einen schönen SonntagChristian Wolff
Wenn sich Jugendiche im Park mit Alkohol und Drogen “zudröhnen” hat das doch in erster Linie folgende Gründe. Die etablierten Politischen Parteien wie CDU, SPD und Grüne haben sich nie der Probleme angenommen die damit zusammenhängen, nämlich solchen “Problemtatbeständen”, dass die Alkohollobby ihr Bier in den Kneipen billiger als Wasser verkauft. Das jugendarbeitslosigkeit nach wie vor hoch ist. Auch “Zwangsarbeit durch HARTZ-IV entzug” statitistische Schönfärberei von Arbeitsmarktdaten ändern nichts an der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland von der auch Jugendliche besonders betroffen sind, weil die “alten Knacker der Wirtschaft” ihre Schäfchen sicher im trockenen haben und jede Gesetzesinitiative verhindern, die den Status Quo ändern könnten. Das Ackermann und Co. weiterhin Geldsummen am Monatsende einkassieren die ein Mensch in Euro und Cent nicht wegtragen kann, dafür wird im Bundestag gesorgt. Koste es was es wolle, selbst wenn der Steuerzahler dafür mit dreistelligen Milliardensummen in den Ruin getrieben wird, damit Banken und Versicherungen an ihrer “Gelddruckmaschinerie” festhalten können. Dafür sorgen die Lobbyisten im Bundestag schon. Während der Sozialstaat vollständig in Schutt und Asche versetzt wird, bekommen Banken und Versicherungen mittlerweile grob gesehen 750 Milliarden Bürgschaften aus der “Steuerzahlerkasse” und da kann man die etabliereten Parteien einfach nicht mehr als “Regierungsfähig” deklarieren. Bei solchen Komplexen Prblemen ist die Meinung eines Pfarrers auch irgendwie bedeutungslos. Der Pfarrer redet ja nur und tut nichts, außer am Monatsende seinen Monatsentgeld in Empfang zu nehmen.
Ich werde sehr gern kritisiert – Kritik kann sehr konstruktiv sein. Aber die Weise, auf die Sie ihre Kritik angebracht haben (mal abgesehen davon dass ich fast 10 Jahre über die 14 hinaus bin), hat mich im ersten Moment wütend gemacht. Wenn Kritik wütend macht, wird man sie abblocken – deshalb sollte man sich gut überlegen, welche Worte man wählt, damit sie auch ankommen. Man sollte den Kritisierten ernst nehmen. Ich weiß nicht, ob das Wort Jugendfeindlichkeit optimal gewählt ist – zumindest lese ich aus den oben zitierten Sätzen doch eine gewisse Ablehnung heraus. Und immer noch: eine Verallgemeinerung. Wie gesagt: es stimmt ganz einfach nicht, dass junge Menschen per se intellektuelle Anstrengung verweigern. Was sie da schreiben, empfinde ich als Beleidigung. Diese Dinge wurden auch schon überall erzählt, als ich noch Teenie war, da haben sie mich weniger gejuckt, aber da haben sie genauso wenig zugetroffen. Tut mir Leid aber ich empfinde es einfach als Beleidigung, wenn so getan wird, als hätte eine ganze Generation nicht einen Funken Verstand. Ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was in unserer Gesellschaft so abgeht, und hätten Sie sich anders ausgedrückt, hätte ich mich nicht so sehr über die obenstehenden Sätze aufregen müssen. … Ich denke, jeder, auch wenn er Pfarrer ist, trifft trotzdem nur auf einen ausgewählten Personenkreis an Menschen, manch einer mehr, manch einer weniger. Deshalb ist es extrem schwierig, die Gesamtsituation zu beurteilen. Ich weiß nicht, warum Sie scheinbar keine tiefgründig denkenden jungen Menschen treffen; vielleicht, weil Sie sich vor allem der Schwachen annehmen!? Oder aus irgendeinem anderen Grund. Aber ich kann mich nur wiederholen: Das was Sie da schreiben, trifft nicht auf alle jungen Menschen zu (Zwar tendieren zu viele in jene beschriebene Richtung, aber erstens stört mich immer noch die Formulierung, und zweitens gibt es trotzdem viele, die zum Denken fähig sind – nur ein etwas oberflächliches Beispiel: Ich kenne viele junge Menschen, die sich Gedanken über ihren Lebensstil machen, und deshalb im Bioladen einkaufen; oder vegetarisch leben …). Das hat nichts mit aufgesetzter Verständlichkeit zu tun, wenn man wahrnimmt, dass auch Menschen zwischen, sagen wir mal 12 und 30 Jahren, durchaus SEHR unterschiedlich sind (Ich beobachte eine sehr große, kaum zu durchschauende Pluralität in meiner Umgebung! Und gleichzeitig eine hohe Bewunderung der Philosophie & Interesse für Politik! Das detaillierter zu beschreiben würde diese Klammer überstrapazieren), und man ihnen nicht allen Internetverdummung unterstellt. Das fördert nur Vorurteile Erwachsener gegenüber jungen Menschen! Es erschwert die Verständigung zwischen den Generationen. PS: Ich habe mir gerade ihren Artikel noch einmal durchgelesen … dabei bin ich auf die Frage nach der Netzidentität gegenüber der realen Identität gestoßen. Ich gebe sehr bewusst meinen Namen nicht im Internet an, da man nicht weiß, an wen meine Daten dann gelangen werden, und ich mich (ich bin da sehr vorsichtig) vor Dingen wie Spam, Werbebriefen etc. schützen will … gäbe es eine einheitliche online-Identität meinerseits, könnten google & Co ihre Werbung sehr passgenau auf mich abstimmen, und das möchte ich nicht.
Ich werfe diesen Artikel aus der FAZ in den Diskussionsraum und würde mich über ein Feedback von Ihnen, Herr Wolff, freuen. Wenn Staat und Kirche nicht getrennt sind, dann haben/hätten doch alle Glaubensgemeinschaften – auch die Gemeinschaft der Nichtgläubigen – und alle Religionen das gleiche Recht sich zu Worte zu melden, wo auch immer… und sei es in der Schule. Dort, wo unsere Kinder und Jugendlichen einen großen Teil der Zeit ihres Heranwachsens verbringen. Später auch natürlich in den Universitäten oder Ausbildungsbetrieben, sofern (teil)staatlich getragen. Oder sind Sie diesbezüglich einer anderen Meinung? Wer entscheidet eigentlich, was “falsch” und was “richtig” ist? MfG —- PS: Immerhin bemerke ich, dass Sie nun selektiv auch Ihre Einstellung über Bord geworfen haben und auch “Anonymen” Menschen antworten. Finde ich gut. Das ist ein Schritt auf die Meinung der Piraten zu. Klasse!
Uppsss… Link vergessen. Diesen Artikel: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/jung/amerika-kreuzzug-fuer-den-atheismus-11630355.html
Ey herrliche Quatscherei hier, paar Leute kapieren nicht, was Herr Wolff geschrieben hat, aber antworten darauf. Große Klasse! Wenn er schreibt von ‚diffuser Unbestimmtheit, mit der die Erwachsenenwelt junge Menschen sich selbst überlässt..’, dann macht einer daraus Jugendfeindlichkeit. Und aus „seit ….einer Generation aufgebaut..“ wird ‚eine ganze Generation…. in der Schublade’. Einfach herrlich bescheuert. Eben ne richtsche Diskussion, keiner braucht mehr denken, jeder redet was, am besten am anderen vorbei und mit Tarnkappe, find ich prima. Eben nutzlos, folgenlos, bedingungslos und inhaltsarm.
Die Piraten, ne prima Partei, die wollen mir „sichere Existenz und gesellschaftliche Teilhabe individuell und bedingungslos garantieren und dabei auch wirtschaftliche Freiheit erhalten und ermöglichen….“ Find ich prima, daß ich nix machen muß und trotzdem Geld kriege. Paar Dumme gibt es immer, die arbeiten und auch noch Steuern zahlen. Zuerst werd ich mal was studieren, aber vorschreiben lasse ich mir nichts. Schließlich geht’s um meine Freiheit und Individualität. Ich denke so an 10 Jahre Studium, ab und zu brauche ich gesellschaftliche Teilhabe, aber individuell! Ich laß mir da nix vorschreiben, die ahnen noch nicht, was ich individuell brauche! Da werde ich dann mal auf Reisen gehen, eben individuell gesellschaftlich teilhaben und das ist bedingungslos garantiert! Herrlich. Studium natürlich ohne Studiengebühren. Wenn ich dann mal fertig sein sollte, gehe ich vielleicht nach USA, denn dort verdient man mehr als in Deutschland. Daß die mir das alles individuell und bedingungslos garantieren werden, find ich einfach prima. Der Kaiser hat keine neuen Kleider an, die Hauptsache ist aber, daß viele die neuen Kleider sehen!
Viel Spaß beim Studieren und später in den USA, wenn Sie dann “nach” USA gegangen sind. Ich gönne es Ihnen von Herzen. Zu Ihren Argumenten bezüglich BGE und der Erwähnung von des Kaisers Kleidern fällt mir diese Geschichte ein. Wer sind Sie? EUROPAS NEUE KLEIDER – Eine Satire, frei nach einem Märchen von Hans Christian Andersen. Viele Jahre waren ins gelobte Zwölf-Sterne-Land gegangen, die kleine Europa, zurFreude aller, zu majestätischer Größeherangewachsen. Die ganze Welt bewunderteschließlich deren Kraft und Stärke. Doch diesekolossale Begeisterung, diese sich stets erneuerndenHuldigungen, stiegen der jugendlichen Hoheit, einemRausche gleich, mehr und mehr zu Kopfe.Eitel geworden, kam es daher nicht von ungefähr,dass für die junge Majestät zusehends nur nochkostspielige Kleider und pompöses Geschmeidewichtig waren. Von Hochmut geleitet, gab sieschließlich all ihr Geld dafür aus, um in der ganzenWelt recht geputzt zu sein.Nun kümmerte sich Europa nicht mehr um ihreSoldaten, kümmerte sich nicht mehr um das Theaterund liebte es auch nicht, spazieren zu fahren, außerum ihre neuen Kleider zu zeigen. Sie hatte ein Kleidfür jede Stunde des Tages, und wie man sonst voneinem guten Kaiser zu sagen pflegte, er ist im Rate,sagte man von ihr immer nur: „Europa putzt sichgerade im Bade.“In der großen Stadt, in der sie wohnte, ging es sehrmunter zu; an jedem Tage kamen viele Fremde an.Eines Tages kamen auch Betrüger des Wegs. Siegaben sich für Weber aus und sagten, dass sie denschönsten Stoff, den man sich denken könne, zuweben verstünden. Nicht nur die Farben und dasMuster wären ungewöhnlich schön, sondern dieKleider, die von dem Stoffe genäht würden, besäßenauch eine wunderbare Eigenschaft; sie wären fürjeden Menschen unsichtbar, der nicht für sein Amttauge oder der unverzeihlich dumm sei.Das wären ja gar prächtige Kleider, dachte Europa dain ihrem Dünkel. Wenn ich die anhätte, könnte ichdahinterkommen, welche Männer und Frauen inmeinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nichttaugen. Ich könnte die Klugen von den Dummenunterscheiden. Ja, dieser Stoff muss sogleich für michgewebt werden. Und sie gab den Betrügern vielHandgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen möchten.Diese stellten auch Webstühle auf und taten, als obsie arbeiteten; aber sie hatten nicht das Geringste aufdem Stuhle. Frischweg verlangten sie die feinste Seideund das prächtigste Gold, das steckten sie in ihreeigenen Taschen und arbeiteten an den leerenStühlen bis spät in die Nacht hinein.Ich möchte doch wohl wissen, wie weit sie mit demStoffe sind, dachte Europa. Aber es war ihr ordentlichbeklommen zumute, wenn sie daran dachte, dassderjenige den Stoff nicht sehen könne, der dumm seioder schlecht zu seinem Amte tauge.Nun glaubte Europa zwar, dass sie für sich selbst nichtszu fürchten brauche, aber sie wollte doch erst einenanderen schicken, um zu sehen, wie es damit stand.Alle Leute in der Stadt wussten, welche besondereKraft der Stoff habe, und alle waren begierig zusehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu denWebern senden, dachte Europa. Er kann am bestenbeurteilen, wie sich der Stoff ausnimmt, denn er hatVerstand, und keiner versieht sein Amt besser als er.Nun ging der alte gute Minister in den Saal hinein,wo die Betrüger saßen und an den leeren Webstühlenarbeiteten. Gott behüte uns, dachte er und riss dieAugen auf, ich kann ja nichts erblicken! Aber dassagte er nicht. Die Betrüger baten ihn, gefälligstnäher zu treten, und fragten, ob es nicht ein hübschesMuster und schöne Farben wären. Dazu zeigten sieauf den leeren Webstuhl.Der arme alte Minister fuhr fort, die Augenaufzureißen, aber er konnte nichts sehen; denn es warnichts da. Herrgott, dachte er, sollte ich dumm sein?Das hätte ich nie geglaubt, und das darf kein Menschwissen. Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen?Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könneden Stoff nicht sehen. „Nun, Sie sagen nichts dazu?“fragte der eine, der da webte. „Oh, es ist ganzwunderbar! Ganz vortrefflich!“ antwortete der alteMinister und sah durch seine Brille. „Dieses Musterund diese Farben! Ja, ich werde Hoheit sagen, dass esmir sehr gefällt.“ „Nun, das freut uns“, sagten dieWeber.Danach nannten sie die Farben mit Namen underklärten das seltsame Muster. Der alte Ministerpasste gut auf, damit er dasselbe sagen könnte, wenner zur Majestät zurückkäme. Das tat er dann auch.Nun verlangten die Betrüger noch mehr Geld, mehrSeide und mehr Gold, das sie angeblich zum Webenbrauchten. Sie steckten alles wieder in ihre…
(Fortsetzung) Sie steckten alles wieder in ihre Taschen,
auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren
fort, wie bisher an dem leeren Webstuhl zu arbeiten.
Europa schickte bald wieder einen anderen ehrlichen
Minister hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben
stehe und ob der Stoff bald fertig sei. Dem ging es
geradeso wie dem ersten: Er schaute und schaute,
weil aber auf dem leeren Webstuhl nichts war,
konnte er nichts erblicken.
„Ist das nicht ein hübscher Stoff?“ fragten die
Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige
Muster, das gar nicht da war. Dumm bin ich nicht,
dachte der Mann. Es ist also mein gutes Amt, zu dem
ich nicht tauge! Das wäre wirklich sonderbar, aber
man darf es sich nicht anmerken lassen. Darum lobte
er den Stoff, den er nicht sah, und versicherte ihnen
seine Freude über die schönen Farben und das
herrliche Muster. „Ja, es ist ganz großartig“, sagte er
auch zu Europa.
Alle Menschen in der Stadt sprachen nun von dem
prächtigen Stoff. Nun wollte Europa ihn auch selbst
sehen, während er noch auf dem Webstuhl war. Mit
einer ganzen Schar auserwählter Männer und Frauen,
darunter auch die beiden ehrlichen Minister, die
schon früher dort gewesen waren, ging sie zu den
Betrügern, die aus Leibeskräften webten – aber ohne
Faser oder Faden. „Ist das nicht prächtig?“ sagten die
beiden alten Minister, die schon einmal dagewesen
waren. „Sehen Eure Majestät, was für ein Muster, was
für Farben!“ Und dann zeigten sie auf den leeren
Webstuhl; denn sie glaubten, dass die andern den
Stoff bestimmt sehen könnten.
Was, dachte Europa, ich sehe gar nichts! Das ist ja
furchtbar! Bin ich dumm? Tauge ich etwa nicht dazu,
Hoheit zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir
begegnen könnte. „Oh, es ist sehr hübsch!“ sagte sie.
„Es hat meinen allerhöchsten Beifall.“ Und sie nickte
zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl, denn
sie wollte nicht sagen, dass sie nichts sehen könne.
Das ganze Gefolge, das sie bei sich hatte, schaute und
schaute und bekam nicht mehr heraus als alle andern;
aber sie sagten wie ihre Hoheit: „Oh, das ist hübsch!“
Und sie rieten ihr, diese neuen, prächtigen Kleider
das erste Mal bei der großen Prozession, die
bevorstand, zu tragen. „Herrlich, prächtig, exzellent!“
ging es von Mund zu Mund; man schien allerseits
innig erfreut darüber, und Europa verlieh den
Betrügern den Titel „Europäische Hofweber“.
Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem die
Prozession stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und
erhellten mit einem Lichterkranz aus siebenundzwanzig
hellen Sternen ihren dunklen Raum. Die Leute konnten
sehen, dass sie stark beschäftigt waren, Europas
neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als
ob sie den Stoff aus dem Webstuhl nähmen, sie
schnitten mit großen Scheren in die Luft, sie nähten
mit Nähnadeln ohne Faden und sagten Zuletzt: „Nun
sind die neuen Kleider Europas fertig!“
Mit ihren vornehmsten Repräsentanten war Hoheit
selbst erschienen und die Betrüger hoben einen Arm
in die Höhe, gerade als ob sie etwas hielten, und
sagten: „Seht, hier sind die Strümpfe, die Kleider, die
Hüte, hier der Schirm …. Alles ist so leicht wie
Spinnewebe, man sollte glauben, man habe nichts auf
dem Leibe und in der Hand. Aber das ist gerade das
Schöne daran.“ „Ja!“, sagten alle hohen Staatsminister
Europas, aber sie konnten nichts sehen, denn es war
nichts da.
„Belieben Eure Europäische Majestät, Ihre alten
Kleider allergnädigst auszuziehen“, sagten die
Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen anziehen,
hier vor dem großen Spiegel!“
Europa legte alle ihre Kleider ab, und die Betrüger
stellten sich, als ob sie ihr jedes Stück der neuen
Kleider anzögen. Sie fassten ihr um den Leib und
taten, als bänden sie etwas fest, das war die Schleppe;
und Europa wendete und drehte sich vor dem
Spiegel. „Ei, wie gut sie kleiden! Wie herrlich sie
sitzen!“ sagten alle. „Dieses Muster, diese Farben! Das
ist ein köstliches Kleid, ein bezaubernder Hut und ein
gar wunderbarer Schirm!”
„Draußen stehen die höchsten Vertreter der Länder,
die Eure Majestät in der Prozession begleiten sollen“,
meldete der Oberzeremonienmeister. „Schön, ich bin
ja fertig“, sagte Europa, „Sitzen die Kleider nicht
gut?“ Und dann wendete sie sich nochmals zu dem
Spiegel, denn es sollte scheinen, als ob sie ihre
majestätischen Gewänder recht betrachte. Die
Staatsdiener, die die Schleppe tragen sollten, griffen
mit den Händen nach dem Fußboden, gerade als ob
sie die Schleppe aufhöben…
(Fortsetzung) Sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft;
sie wagten nicht, sich anmerken zu lassen, dass sie nichts
sehen konnten.
So schritt nun stolz Europas Hoheit geleitet von den
hohen Vertretern der Union in der Prozession voran,
und alle Leute auf der Straße und in den Fenstern sagten:
„Gott, wie sind Europas neue Kleider unvergleichlich!
Was für eine Schleppe sie nur hat, wie schön doch
alles sitzt!“ Keiner wollte es sich anmerken lassen,
dass er nichts sah, denn dann hätte er ja nicht zu
seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen.
Keine Kleider an Europa hatten je solches Glück gemacht
wie diese.
„Aber sie hat ja nichts an“, sagte endlich ein kleines
Menschenkind. „Herrgott, hört die Stimme der
Unschuld!“ sagte der Vater, und einer flüsterte dem
andern zu, was das Kind gesagt hatte. „Aber sie hat ja
nichts an!“ riefen zuletzt alle Menschen Europas.
Das ergriff Europas Hoheit zutiefst, denn es schien
ihr, sie hätten recht. Aber sie dachte bei sich: Nun
muss ich die Prozession durchhalten. Und so hielt sie
sich noch hochmütiger und die Staatsdiener gingen
und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.
-ENDE-
Nachzulesen unter http://www.goldene-regel.de
Wie oben geschrieben, ich bin offen für Kritik – aber bitte äußern sie diese in einem sachlichen Ton. Argumente werden durch Beleidigungen nicht schlagkräftiger. Vielen Dank. Ich werde mir Ihren Kommentar an einem anderen Tag noch einmal genauer durchlesen und darüber nachdenken, heute Abend möchte ich mich nicht mehr darüber aufregen.
Inzwischen haben sich die Piraten mit ihrem Parteitag beschäftigt und eine Reihe von vernüftigen Entscheidungen getroffen. Vielleicht beschließen sie demnächst einige Ergänzungen zu ihrem Parteiprogramm, so dass es auch für junge Christen lesbar wird. Mich interessiert vor allem, was ihre demnächst gewählten Vertreter praktisch tun werden – und bis dahin mache ich mein Kreuzel dort, wo ich den meisten Sachverstand, die geringste Eitelkeit und jene Flexibilität vermute, die zum Wenden in Sackgassen immer wieder dringend gebraucht wird.
Ich stutze gerade über den Begriff der Ahnungslosigkeit.Gemeinhin hat derjenige keine Ahnung, der nicht genug Wissen hat, um die anstehenden Probleme zu bewältigen oder sich dieses zu geringe Wissen selbst bescheinigt.Ich möchte dies teilweise sogar umdrehen:Je mehr wir im bloß abstrakten Sinne wissen, um so mehr berauben wir uns unserer Ahnung, die doch – glücklicherweise – etwas fern davon liegt. So unverbraucht die Piraten-Partei daher kommt, dass es nicht um Sieg und Niederlage geht, um Renommee, so sehr sie die künstlich gezogenen Fronten der anderen Parteien im besten Falle durcheinander zu wirbeln vermag, so vernarrt sind ihre Mitglieder und Sympathisanten wiederum darin, die Welt nur als Welt des Wissens zu verstehen mit der Folge, dass das Unwissen IN JEDEM FALLE (durch Debatte) zu überwinden sei. Zugegebenes Unwissen ist Koketterie in Vorgriff auf späteres angeführtes Wissen.Hoffnung sieht anders aus: Sie ist keine Verleugnung des Wissens, sondern Wissen um seinen begrenzten Stellenwert. Darf in einer Gesellschaft, die sich NUR als Wissens-Gesellschaft bezeichnet, so etwas gesagt werden?
/Eine kleine Ergänzung:)Wer darauf setzt, dass sich alles und wirklich alles durch Zunahme von Wissen lösen lässt, der handelt jenseits individueller Überzeugung, welche eben weiß, dass genau das – diese ausschließlich wissensbezogene Lösung – eine Illusion ist.Das ist kein philosophischer Ausflug, sondern hat sehr viel mit Politik zu tun.Nicht umsonst hatten die Väter und die eine Mutter unseres Grundgesetzes da etwas von persönlichem Gewissen hinein geschrieben. Auch wenn es parteiisch ist, auf das Gewissen nicht bzw. kaum zu achten.
…meine naive (wieder mal) annahme, dass dlr-höhrer *reifer* wären…error!bei meinem wählverhalten (briefwahl nrw) hat meine politiker-verdrossenheit DIE rolle gespielt (61 j. jung)!meine lebens-erfahrung ist: *politiker+innen* zeigen sich so, wie die gesellschaft -sprich:gemeinwohl- es NICHT will, oder?es ist ein hauen und stechen…auch hier im forum! drum schreibe ich:frei nach kahlil gibran:wenn du deinen kummer deinem nächsten anvertraust,dann schenkst du ihm einen teil deines herzens.wenn er eine grosse seele besitzt, wird er es dir dankenwenn er eine kleine seele besitzt, wird er dich herabsetzen!nb: schreibfehler inbegriffenwünsche allen…alles
Stimmt recht auffallend. Die etablierten Parteien sind in der Regel erfolglos, weil zur Untermauerung wirklichen Erfolges auch das Gemeinwohl einbezogen werden muss. H4, Praxisgebühr und viele andere Beschränkungen von Leistungen sind nicht der ausdruck politischen Erfolges, sondern stellen nur dar, wie die Politiker welche den Intressen des Volkes verpflichtet sind immer weiter den Interessen der Wirtschaftsverbände nachgeben und denen “im Kampf ums dasein” regelmäßig Rückzugsgefechte liefern. Die Kosten der Rückzugsgefechte werden den Steuerzahlern aufgebürdet und wenn das nicht reicht Schulden in die Zukunft verschoben oder mit “Schattenhaushalten” maskiert. Hinterher kann man sich mit einen “tollen echten Haushalt” präsentieren und sich damit beim Wähler schönfärben, die in ihrer Gänze meistens nicht so schlau sind das Spiel, das sich Wahl für Wahl aufs neue abspielt zu durchschauen. Aus dieser Unfähigkeit heraus bleibt nur noch “Multimediales Gezänk” in den Massenmedien übrig um zu verschleiern, dass diese selbst nichts besseres anzubieten haben, als sich regelmäßig zu allen Themen der Macht des faktischen zu beugen. Nun … vielleicht ist bei der Piratenpartei in Zukunft mehr für den Wähler drinn, weil da das Hauen und Stechen in erster Instanz auf den Internen Mailinglisten stattfindet.Politik 2.0 könnte man auch dazu sagen!