28.04.2012 | Internet & Journalismus

Sind Zeitungen demokratisch?

Dean Starkman, Redakteur der “Columbia Journalism Review” ist davon überzeugt, dass die klassische Zeitung auch in Zukunft die erste Informationsquelle bleiben wird. Er hält die One-to-Many-Kommunikation der Printmedien für elementar und zweifelt, ob soziale Netzwerke tatsächlich demokratiefördernd und meinungsbildend wirken. 

Die Digitalisierung wird immer wieder als Revolution charakterisiert. Jedenfalls wenn es um die Auswirkungen auf die Medienlandschaft geht. Nicht nur Distributionskanäle wie Hörfunk, Fernsehen und Zeitung stehen in Zeiten der Medienkonvergenz in Frage, sondern auch etablierte Konzepte wie die Produktion publizistischer Inhalte durch Redaktionen. Da durch Plattformen wie Twitter, Facebook und YouTube hunderttausende Quellen hinzukommen und die Kreation eigener Nachrichtenströme unabhängig von den Publikationsintervallen und Sendezeiten der tardierten Medienhäuser verfügbar sind, bleibt die Frage, wie wichtig sogenannte Leitmedien für die Diskurse in demokratischen Öffentlichkeiten sind.

 

Sind Zeitungen demokratisch? von Dean Starkman

Der Deutschlandfunk fragt:

„Kann Demokratie überhaupt funktionieren, ohne dass man die Öffentlichkeit direkt an der Medienberichterstattung teilhaben lässt, und zwar zusätzlich oder begleitend zu den klassischen Medien wie Zeitungen, Zeitschriften oder öffentlichem Rundfunk? Oder sollten wir uns auf Google, Facebook und Apple als Meinungsführer der Gesellschaft verlassen?“ 

Lassen wir die große Frage außen vor – ob Demokratie überhaupt funktionieren kann, wenn man „die Öffentlichkeit direkt an der Medienberichterstattung teilhaben lässt“ oder nicht – und kümmern wir uns um unser Spezialgebiet, die Medien, welches bereits groß genug ist.

Eine Öffentlichkeit als aktive Rolle

Zunächst stellt sich nicht die Frage, ob man die Öffentlichkeit teilhaben „lässt“. Sie tut es bereits, und das ist im Großen und Ganzen gut. Wie bereits häufig festgestellt wurde, findet jetzt eine lange vorhergesagte Revolution tatsächlich statt. Aber wie genau die Öffentlichkeit teilnimmt und mit welchen Auswirkungen, das wird noch zu klären sein. Die Frage des Deutschlandfunk hingegen ist leicht zu beantworten: Wenn Demokratie überhaupt funktionieren kann, dann vermutlich besser mit einer Öffentlichkeit, die eine „aktive Rolle“ in der Medienlandschaft spielt.

Nun, es ist eine Tatsache, dass für lokale Nachrichten in den USA und wohl auch in Europa Zeitungen weiterhin die erste Informationsquelle sind, wie das Project For Excellence in Journalism bestätigt. Angesichts der enormen Einbrüche im Zeitungsmarkt, nicht nur aktuell, sondern auch in den letzten 20 Quartalen, sind neue Ansätze erforderlich, wenn nicht sogar ein komplett neues Konzept für den Zugang zu Nachrichten. Je mehr die vorhandenen Institutionen ins Blicklicht rücken, desto besser.

Das ist aber bereits unstrittig.

Welcher Journalismus ist „demokratischer“?

Eine interessantere Frage könnte lauten: Welcher Journalismus ist „demokratischer“? Die traditionellen Massenmedien, die Sie nannten, oder die digitalen Netzwerke?

Wie ich kürzlich in einer Rede erläuterte, gibt es viel zu sagen über die Vorteile von Netzwerken: über freie Inhalte, das Teilen von Informationen, über Markenpolitik und Unternehmertum, über Journalismus als Konversation, über den Wert des Informellen und Spontanen im Gegensatz zu formalen Stilvorgaben und traditioneller Berichterstattung, und vor allem über die sogenannte horizontale oder Peer-to-Peer-Kommunikation.

Horizontal klingt gleich viel besser als vertikal, bzw. von oben herab. Beim ersten schwingt Demokratie mit, beim anderen eine Form des Aufzwingens.

Ich hege keine Zweifel am Wert der Nachrichtenverbreitung über Netzwerke, aber meine Meinung ist, dass die klassische Informationsversorgung über Berichte und andere narrative Techniken eine bewährte Methode ist, um komplexe Sachverhalte einem Massenpublikum nahezubringen. Um im aktuellen Jargon zu sprechen: Es handelt sich um eine Methode, Informationen zu teilen, nicht mehr und nicht weniger, und ich würde behaupten, es ist eine bewährte und vermutlich die beste Methode zur ersten Identifizierung und Untersuchung von Problemen.

Die legendären investigativen Reportagen

Ich zitiere stets gerne Ida Tarbells legendäre investigative Reportagen zur Monopolstellung der Standard Oil Company von John D. Rockefeller, die um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert 90 % des Ölmarkts in den USA kontrollierte, wodurch Rockefeller und weitere Monopolisten immer mehr politische Macht erlangten – eine perfide Dynamik, welche die Grundfesten der amerikanischen Demokratie erschütterte. Die Texte von Tarbell erschienen im Serienformat über einen Zeitraum von zwei Jahren und halfen dem McClure’s Magazine zu einer Auflage über 500.000 Exemplaren, was, gemessen an der damaligen Bevölkerungszahl, die heutige Auflage der New York Times übersteigt. Den Veröffentlichungen wird zugeschrieben, das Gerichtsverfahren ausgelöst zu haben, wodurch das Monopol letztendlich im Jahr 1911 zerschlagen wurde. Wie ich erläuterte, lag der größte Wert dabei jedoch darin, dass eine riesige Menge von Informationen sorgfältig zusammengetragen und verständlich dargestellt wurde. Dadurch konnte einer verunsicherten und besorgten Mittelschicht das große wirtschaftliche Problem der damaligen Zeit erklärt werden: die wirtschaftliche Konsolidierung.

Ein komplexes und facettenreiches Problem

Betrachten wir es so: Als Tarbell mit ihren Reportagen begann, war Standard Oil bereits seit 30 Jahren im Fokus unterschiedlicher Regierungsorgane und Thema diverser Zeitungsberichte. Rockefeller war laut dem Historiker Ron Chernow eine der Personen, über die weltweit am meisten geschrieben wurde. Aber erst Tarbell präsentierte ihre tiefgreifend recherchierten Tatsachen in einer narrativen Ausdrucksform, die großen Teilen der Öffentlichkeit und Regierungsvertreter die Augen öffnete und sie zum Handeln bewegte. Sie wurden in dem bestätigt, was sie zuvor bereits vermutet hatten. Durch die Serienreportage fand letztendlich eine starke öffentliche Meinungsbildung statt, eine Demokratisierung des Wissens über ein komplexes und facettenreiches Problem, nämlich den Wandel eines Marktplatzes vieler Händler zum Marktplatz eines einzigen.

Ich nehme Bezug auf Tarbell, weil es sich bei ihr um eine Pionierin handelte, aber letztendlich lässt sich herausstellen, dass das „McClure’s-Modell“, die One-to-Many-Kommunikation, die narrative Berichterstattung, der Blockbuster, nun schon seit mehr als einem Jahrhundert die stärkste Waffe der Journalisten darstellt.

Mode in der Bürgerrechtsbewegung

Selbst im Angesicht der spektakulären Umbrüche in der Medienlandschaft werden weiterhin und regelmäßig aufsehenerregende Berichte veröffentlicht: Die Washington Post berichtet, wie die Air Force Leichenteile von verstorbenen Truppenangehörigen auf einer Halde in Virginia entsorgt, die New York Times schreibt über brutale Gewalt im Eishockey, das Center for Public Integrity über Korruption in der höchsten Ebene der Hypothekenbank Countrywide Financial, Bloomberg News über Rettungsaktionen der Federal Reserve, die Financial Times über Arbeitslosigkeit, der Bergen Record über kontaminierten Boden, der Concordia Sentinel über Morde in der Bürgerrechtsbewegung, und so weiter.

Die am vergangenen Wochenende erschienene 8000-Wörter-Story der New York Times über Bestechung und Vertuschung beim Einzelhandelsriesen Wal-Mart ist nur das jüngste Beispiel aus der langen und stolzen Tradition investigativer Berichterstattung und der Kraft der One-to-Many-Kommunikation. Diese Art des Journalismus ist darauf ausgelegt, bürgerliche Einmischung zu fördern, und in diesem Fall folgten die Konsequenzen umgehend. Hier sehen wir, welche Wirkung die Präsentation echter und neuer Informationen im richtigen Kontext entfalten kann.

Wenn wir schon dabei sind

Also, weg mit der „von-oben-herab“-Metapher. Wie ich bereits anmerkte, sollten traditionelle Formen als One-to-Many-Kommunikation angesehen werden, als horizontal, erstellt von einem professionellen Rechercheur/Autor für viele Empfänger, die ein ausgefülltes Leben haben, aber trotzdem mündige Bürger sind.  Die Story und ihr Erzähler sind Teil eines Netzwerks, Teil der Informationskette, der Übertragung von Daten und Ideen an andere Netzknoten, an politisch aktive oder interessierte Bürger, die nunmehr in einer Position sind, selbst mobilisieren zu können. Das ist ein bürgerschaftliches und demokratisches Modell. (Ich würde vermuten, dass es möglicherweise in den USA mit der Tradition eines daten-/faktenbasierten Journalismus funktioniert, mit dem Journalisten als Rechercheur und Ermittler, als beim durch diese so wahrgenommenen europäischen Modell, wo der Fokus eher auf der Analyse der Fakten liegt, die jemand anders zusammengetragen hat.)

Und, wenn wir schon dabei sind, erweitern wir doch unsere Vorstellung von Netzwerken. Netzwerke gab es schon lange vor Computern und in viel größerer und verteilterer Form als bei den digitalen Netzwerken. Wenngleich Netzwerke von der Technologie abhängig sind, sollte man sie nicht damit gleichsetzen.

Mein Modell als Arbeitsteilung

Wie auch immer, es geht mir nicht darum, dagegen zu sprechen, dass man „die Öffentlichkeit“ an der Medienproduktion „direkt teilhaben lässt“. Nur zu.

Ich frage mich stattdessen, wie demokratisch das digitale Netzwerkmodell tatsächlich ist. Das Project For Excellence in Journalism zum Beispiel weist darauf hin, dass nur acht Prozent aller Nutzer Nachrichten über Facebook beziehen, und sogar nur drei Prozent über Twitter. Zu dieser Frage wünsche ich mir weitere Untersuchungen.

Jedenfalls möchte ich feststellen, dass das Netzwerkmodell innerhalb des Netzwerks demokratischer ist; wohingegen sich traditionelle Modelle, meine, qua Definition an ein breiteres Publikum richten.

Wenn Sie mein Modell als Kommunikation von oben herab betrachten, ist es elitär. Wenn Sie es aber als Arbeitsteilung ansehen, ist es das nicht.

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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:

Wenn der TV-Zuschauer zum TV-Macher wird: Neuer Trend Social TV (MP3)

Medienschelten oder: Der Kampf um die Deutungshoheit: Journalismus in der Krise (zum Bericht))