30.04.2012 | Internet & Journalismus

Die Rolle der Leitmedien

Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks, hat genaue Vorstellungen davon, was ein Leitmedium zu leisten hat: Sie müssen glaubwürdig sein. Ein Interview.

Andreas Stopp: Zunächst aber sollen uns die sogenannten Leitmedien beschäftigen. Medien gibt es viele – was aber ist die besondere Aufgabe der sogenannten Leitmedien? Ich sprach vor der Sendung mit Birgit Wentzien. Sie ist die neue Chefredakteurin des Deutschlandfunks. Sie bringt reichlich Erfahrung mit, gesammelt zuletzt als Leiterin des SWR-Studios in Berlin. Also, welche Medien meinen wir eigentlich mit den Leitmedien?

Birgit Wentzien: Das sind die großen überregionalen Tageszeitungen, gar keine Frage, es sind natürlich die Fernsehstationen, die Hörfunkstationen, es sind Magazine, die leitmedienmäßig zugange sind mit ganz kräftigen Journalisten, Handwerkern in ihrem Gewerk, die sehr viel Macht haben, das muss man sagen, man kann auch Verantwortung meinen.

Stopp: Und was muss ein Leitmedium mitbringen? Ist es in erster Linie eine Glaubwürdigkeit oder was ist es, was ein Leitmedium ausmacht?

Wentzien: Eindeutig, Sie haben vollkommen recht, würde ich auch sagen, Glaubwürdigkeit zuerst und vor allem. Mut, Neugier, ein runder Kopf, das noch dazu. Ich erinnere mich gut an einen Bundespräsidenten, der sprach hier einmal vor den Mitgliedern der Bundespressekonferenz, also aller in Berlin akkreditierten bundespolitischen Berichterstatter, Horst Köhler war es, und er verlangte mit Recht Urteilsfähigkeit, die müsse man sich erarbeiten, um glaubwürdig Aufklärung betreiben zu können. Recht hat der Mann, ging dann wenige Tage später von einem Tag auf den anderen von Bord. Sein Credo aber bleibt wichtig für Journalismus hier in Berlin. Ohne Ahnung und ohne Haltung geht es nicht. Darunter ist es nicht zu haben.

Stopp: Gehört zum Charakteristikum eines Leitmediums, dass dasselbe über exklusive Informationen verfügt?

Birgit Wentzien: Ja, natürlich, das ist das große Bestreben, übrigens auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, der vorhanden ist in den Tendenzbetrieben, den Tageszeitungen also. Die Journalisten, die Kollegen dort, die spüren den Druck in den Unternehmen. Sie verzweifeln nicht an diesem Druck, aber sie zweifeln schon manchmal an ihrem eigenen und auch sehr unter Tempo und Druck stehenden Berufsstand und ich würde sagen, sie stecken aber, die Leitmedien-Journalisten, die ich kenne und schätze, mit beiden Füßen so tief im Inhalt der Politik, dass sie mindestens siebenmal mehr immer wissen und immer wissen auch ganz genau, was und wen sie richtig fragen können. Das zeichnet sie aus. Das sind ja nicht unbedingt dann die Politiker in der ersten Reihe, sondern in der zweiten, dritten und vierten Reihe, die belastbar Auskunft geben.

Stopp: Kann man eigentlich, Frau Wentzien, mit den Themen, die in einem Leitmedium behandelt werden, Auflage machen, Quote machen?

Birgit Wentzien: Das ist auch ein Ziel. Neben der Information, der Ware, die man rüberreicht, und neben dem, was man ja auch sorgsam verteilen kann im Raum, nämlich die ganz wichtige Dosis und die heiß begehrte Ware Aufmerksamkeit. Ganz klar. Wir müssen aber, glaube ich, denke ich auch noch mal, dass das wirklich nur ein Ziel unter vielen sein kann. Und ich kenne hier viele Kollegen, manche Kollegen kleinerer Zeitungen beispielsweise, die durchaus sagen, wenn sie in manchen Rhythmen die bestimmten Quotes, also die Quoten nicht bringen, ja dann gibt es schon mal kräftige Fragezeichen und manche hinter ihrem Berufsstand und dem Korrespondentenplatz, auch das gehört zur Wahrheit dazu.

Stopp: Gerade in unserem Berufsstand, so scheint es, drehen sich die Uhren immer schneller. Die Tyrannei der Echtzeit, wenn es sie gibt, geht die zulasten der Qualität, auch in den Leitmedien?

Birgit Wentzien: Ich glaube, man muss sie beobachten und ganz genau wägen, und ich glaube, von der Tyrannei der Echtzeit nicht, aber zumindest von der Tyrannei hat Moritz Rinke, der Publizist und Dichter, gesprochen. Denn er meint damit das Internet. Das hat das Tempo nochmals eindeutig beschleunigt. Wobei, für mich ist das Netz ein Verkehrsweg. Es sorgt für mehr Transparenz, es sorgt auch für mehr Druck auf Politik, für mehr Begründungsdruck. Es macht Demokratie durchaus lebendiger. Nur ich meine, man muss ganz kräftig unterscheiden: Wir haben ja schon ein bisschen von den traditionellen Medien gesprochen, den Tageszeitungen, den großen Magazinen, den Hörfunk- und Fernsehanstalten, den Onlinemedien auch – das sind für mich Bring-Medien, die durchaus mich mit Themen konfrontieren als Nutzer, die ich überhaupt nicht erwarte, die mich aber, verdammt noch eins, angehen. Und das Internet, im Gegensatz dazu, ist für mich ein Hol-Medium, das mich quasi mit meinen Interessen bestätigt. Und das nicht unbedingt etwas Neues bringt, von dem ich vielleicht gar nicht weiß, dass es mich durchaus interessieren sollte. Das ist, glaube ich, der Unterschied, der zu dem Tempo, ganz eindeutig, und zu den Quoten und den Quotes hinzukommt.

Stopp: Jetzt wird aber der eine oder andere Hörer und die eine oder andere Hörerin uns erinnern an den Rücktritt eben von Horst Köhler oder an GuttenPlag, an Wiki und Co., und dann wird er fragen, diese Wächterfunktion, übernehmen die nicht immer weniger die Journalisten eben in den Leitmedien, sondern eben die Betreiber von Blogs, von Foren, die Nutzer von sozialen Netzwerken. Was würden Sie sagen, stimmt dieser Eindruck?

Birgit Wentzien: Nein. Aber man darf, als der eine wie der andere Weltenbewohner, also der analoge oder digitale Weltenbewohner, der Journalist und der Nutzer, nicht die eine oder andere Welt vergessen. Es gibt den schnellen Druck, über den haben wir gesprochen, das finale Scheitern, an dem sich ja mancher auch ein bisschen delektiert, ganz klar, es gibt den wirtschaftlichen Druck um die Schlagzeile, aber es gibt eben auch eine verantwortliche journalistische Darstellung, eine nochmals ganz und gar auch verantwortliche, ja, Information der Bürger, und vielleicht, mit allem, was wir beschrieben haben an Tempo, an Blogs, an 140 Zeichen in Twitter beispielsweise, ist umso mehr wichtiger, das Unwichtige eben vom Wichtigen zu unterscheiden und für Relevanz zu sorgen und für wirklich entscheidende Themen und damit auch dann dafür zu sorgen, dass man das Wichtige wieder nach vorne rückt und nicht unbedingt skandalisiert, was gar nicht zu skandalisieren ist.

Stopp: Sie haben vorhin die Leitmedien aufgezählt, wie ist Ihre Prognose? Wird es in Zukunft weniger geben, oder bleiben wir auf dem Stand oder kommt vielleicht noch das eine oder andere hinzu?

Birgit Wentzien: Ich glaube, es wird sich etwas in der Wertigkeit verändern. Ich denke aber, es wird dabei bleiben, dass sich Meinungsbildungsprozesse, und um die geht es auch und vor allen Dingen im Haus Deutschlandfunk, eben nicht auf 140 Zeichen herbeitwittern lassen. Politik muss und will erstritten werden, mit Argumenten, das ist ein langsames Geschäft, manchmal auch ein fürchterlich trockenes Geschäft, aber billiger ist es nicht zu haben. Denn wir müssen uns, glaube ich, darüber auch verständigen, auch im Blog, ganz klar, streiten dafür, dass Demokratie kein Apparat ist, in den man oben was reintut und unten kommt die eigene, genehme Lösung raus, sondern die Sache ist komplizierter, aber sie ist verdammt schön.

Stopp: Frau Wentzien, vielleicht eine Frage noch zum Abschluss: Konstatieren Sie eine, tja, Art von Boulevardisierung von Leitmedien? Also gibt es auch den einen oder anderen Fachkollegen – und wir reden hier nicht über das eigene Haus, den Deutschlandfunk, wir sind weit davon entfernt – der ein wenig doch liebäugelt mit einer publikumswirksameren Darstellung, als es eigentlich dem Gegenstand der Berichterstattung zukommt?

Birgit Wentzien: Den gibt es, ganz klar. Aber diese Scheinschurken zu erkennen, gehört auch zum verantwortungsvollen journalistischen Geschäft.

Stopp: Und das wollen wir hier auch in Markt und Medien tun. Das war unser Gespräch mit Birgit Wentzien, der Chefredakteurin des Deutschlandfunks. Und Sie können zum Thema Leitmedien mit diskutieren auf unserem Debattenportal,Diskurs@Deutschlandfunk. Da finden Sie auch die Gedanken von Dean Starkman, er ist Redakteur bei der Columbia Journalism Review. Und wie gesagt, Ihre Meinung und Ihr Mitdiskutieren ist dort gefragt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:

DLF-Chefredakteurin: Leitmedien müssen Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden: Birgit Wentzien über Relevantes im Zeitalter des Twitterns (MP3)

Die totale Gegenwart in der globalen Medienwelt: Reihe: Der Bann der Echtzeit (2/2) (MP3)

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