30.04.2012 | Internet & Journalismus

„Die alte Ordnung steht Kopf“

Wozu noch klassische Leitmedien, wenn öffentliche Diskurse heute im Netz stattfinden? Im Interview erklärt Alexander von Streit, Mitherausgeber der Internetplattform Vocer und Chefredakteur der deutschen Wired, seinen Standpunkt zur Rolle von Leitmedien in der demokratischen Öffentlichkeit.

Noch nie war es so leicht, Angebote mit einer großen Reichweite zu schaffen, abseits traditioneller Medien. Eine positive Entwicklung für den Medienmix und gleichzeitig eine Herausforderung – für klassische Medienmarken und den Nutzer, der die Auswahl hat.

Seit Jahren wird vom Niedergang der Massenmedien zugunsten der sozialen Medien und neuer Netzmedien gesprochen, aber immer noch sind die Kioske voller Zeitungen und immer noch erreichen die TV-Sender ein Millionenpublikum. Haben sich die Propheten der Medienrevolution getäuscht?

Die Medienrevolution ist kein Tsunami, der uns plötzlich überrollt. Es handelt sich dabei vielmehr um einen langen Prozess, der die Grundpfeiler unserer Kommunikation verändert. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, die noch von analogem Denken und einem entsprechenden Geschäftsmodell der Medien geprägt ist. Doch das passt nicht mehr in die neue, digitale Welt, die unseren Alltag zunehmend bestimmt. In diesem Spannungsfeld befinden sich klassische Medienprodukte – sie funktionieren noch als Massenmedien. Die Frage ist nur: Wie lange noch, wenn sie sich nicht mit der Gesellschaft verändern und ihr passende Angebote präsentieren?

Deutschland genießt mit seiner breiten öffentlich-rechtlichen Rundfunkstruktur und einer immer noch sehr breiten regionalen aber auch überregionalen Zeitungslandschaft einen Sonderstatus. Ist eine Medienrevolution denn bereits andernorts vollzogen?

In der Tat lassen sich Entwicklungen der Medienlandschaft in anderen Ländern nicht einfach auf Deutschland übertragen. Trotzdem gibt es alarmierende Signale im angelsächsischen Raum, die letztlich auch für unser Mediensystem relevant sein werden. Die USA erleben zurzeit ein Zeitungssterben, dessen Ende noch nicht in Sicht ist. In manchen Metropolen gibt es dort bereits keine lokale Tageszeitung mehr, ihre Daseinsberechtigung wurde offensichtlich durch neue Angebote im Internet aber auch durch eine generell veränderte Mediennutzung absorbiert. Und auch große Zeitungen wie etwa die legendäre New York Times müssen kämpfen. Ein anderes Beispiel ist der britische Guardian, eine großartige Zeitung, die gerade verzweifelt nach neuen Publikationsmodellen und damit auch Finanzierungsmöglichkeiten im digitalen Raum sucht. Hier zeigt sich, dass die Medienrevolution beziehungsweise ein verändertes Verständnis von Mediennutzung seitens der Konsumenten bereits weit fortgeschritten ist. An vielen Stellen ist das auch bereits in Deutschland zu spüren – auch wenn mit Printobjekten noch viel Geld verdient wird.

Sie haben in einem Text über die Zukunft der Medien geschrieben: Es “zeigt sich, dass Nachrichten nicht mehr an Medienmarken gebunden sein müssen. Die Möglichkeit, mit wenig Mitteln zum publizistischen Angebot zu werden, bringt neue Meinungsführer hervor.” Verlieren Tagesschau, Süddeutsche und Spiegel in ihrer jetzigen Form also ihre Bedeutung?

Große Medien werden als Marken weiterhin den Medienmix erheblich mitgestalten, vorausgesetzt, sie schaffen den Sprung in die digitale Welt mit einem User-orientierten Ansatz. Neu ist aber, dass es noch nie so leicht wie heute war, abseits traditioneller Medien neue Angebote mit einer großen Reichweite zu schaffen, die eventuell viel näher am Informationsbedürfnis der Leser liegen. Das ist gut so, es macht den Medienmix vielfältiger. Der journalistische Alleinvertretungsanspruch der Dreierkette TV, Tageszeitung und Wochenmagazin ist gerade für jüngere Medienkonsumenten eine kaum noch begreifbare Idee der Vergangenheit.

Eine funktionierende Demokratie benötigt funktionierende Massenmedien um breite Diskurse zu ermöglichen. Wie stehen Sie dann zu dieser Ansicht?

Das mag vielleicht so sein, ändert aber nichts daran, dass wir uns in einem Transformationsprozess befinden. Und die These müsste insofern modifiziert werden, dass eine Demokratie funktionierende Kommunikationsmodelle braucht, um breite Diskurse zu ermöglichen. Bisherige Massenmedien waren auf eine Einbahnstraßenkommunikation ausgelegt: Das Medium sendet, der Empfänger nimmt die Botschaft wahr und baut sie in seine gesellschaftliche Kommunikation ein. Die vernetzte Welt öffnet diese Einbahnstraße und macht die Empfänger plötzlich selbst zu Sendern im Informationsmix. Die Demokratie, also das Prinzip einer freien und gleichberechtigten Willensbildung und Mitbestimmung, wird durch die neuen Strukturen sogar gefördert.

Zukunftsdenker wie Jeff Jarvis prophezeien den Untergang von Print und stellen in Frage, welchen Mehrwert Zeitungen noch bieten, wenn Menschen die für sie relevanten Informationen online selbst finden. Auf welche Veränderungen müssen wir uns im Zeitungssektor einstellen? Was können Zeitungsmacher tun, um sich doch weiter behaupten zu können?

Der vermeintliche “Untergang von Print” ist ein Schlagwort, das zum Polarisieren innerhalb der Diskussion zwar wunderbar funktioniert, aber zu kurz greift. Es wird noch lange Printobjekte geben, aber sie werden ihren Führungsanspruch im Informationsmix verlieren. Und ja, vor allem Tageszeitungen haben auf der anderen Seite inzwischen große Legitimationsprobleme in einer Mediengesellschaft, in der tagesaktuelle Nachrichten und Hintergründe durch Online-Angebote bedient werden. Tageszeitungen, aber auch alle anderen Printmarken, müssen sich als publizistische Projekte verstehen, die ihre Inhalte auf verschiedenen Kanälen in unterschiedlicher Form und Aktualität ausspielen – und eine gedruckte Version kann dabei nur ein Teil des Ganzen sein. Ebenso gibt es für künftige Generationen nur wenige Gründe, warum irgendetwas wirklich auf Papier gedruckt und verkauft werden muss, wenn der Alltag immer stärker durch digitale Endgeräte dominiert wird. Papier ist in erster Linie ein nostalgisches Gefühl, das sich aus seiner Haptik und der Konditionierung unserer Lesegewohnheiten speist. Das alles ist gar nicht so schlimm, wie es sich für manchen Zeitungsmacher anhören dürfte. In der Digitalisierung liegen so große Chancen – wir müssen nur den Weg finden, sie richtig zu nutzen.

Was bedeuten solche Umwälzungen für die Rolle des Journalisten?

Es mag manchem Journalisten nicht gefallen, aber: Die Zeiten, in denen Journalisten mit der Publikation einer Story, TV-Beitrages oder Radio-Features seine Mission beendet haben, sind vorbei. Die Medienkonsumenten werden zunehmend zu gleichberechtigten Partnern bei der Entstehung und beim Fortschreiben von Stories. Sie wollen in dieser Rolle ernst genommen werden und können tatsächlich dazu beitragen, dass Journalisten bessere und relevantere Geschichten produzieren. Dafür müssen wir Journalisten jedoch offen für den Input sein, den wir seitens der Leser, Zuschauer und Hörer bekommen können. Ein anderer Punkt ist zum Beispiel das Thema Datenjournalismus, also die Zusammenführung und technische Aufbereitung von öffentlich zugänglichen Datensätzen als journalistisches Online-Produkt. In den USA oder beim Guardian ist das zurzeit ein großes Thema, auch Journalistenschulen wie die Columbia Universität in New York haben inzwischen Kurse auf ihren Lehrplan genommen, die Journalismus und Programmierung vereinen. Hier zeigt sich, dass sich ein Berufsbild verändert. Brauchen wir in Zukunft Journalisten mit Programmierkenntnissen? Oder vielleicht Programmierer mit journalistischem Verständnis?

Wie könnten demokratierelevante Diskurse jenseits der etablierten Leitmedien aussehen? Wie funktioniert Opinion-Leader-Ship im Netz? Und welche Risikien und Vorteile verbinden sich damit?

Gerade die Occupy-Bewegung hat gezeigt, dass Diskurs kein Exklusivthema der etablierten Medien ist. Hier wurde das Netz zum Massenmedium, ja sogar zum Leitmedium, über das eine weltweite Bewegung entstand. Und in so einem Fall sieht man plötzlich, dass die alte Ordnung auf dem Kopf steht: Der Diskurs wird von Aktivisten dominiert, die sich in Blogs, über Youtube, Twitter oder Facebook zu Wort melden und dabei Reichweiten erzeugen, von denen so manches traditionelles Medium nur träumen kann. Im Kleinen findet das täglich an vielen Stellen im digitalen Raum statt. Je stärker sich unsere Kommunikation in die sozialen Netzwerke verlagert, und das wird sie, desto stärker werden neue Opinion-Leader den Diskurs bestimmen. Entscheidend wird dabei immer sein, wie vertrauenswürdig die jeweilige Quelle im entsprechenden Diskurs ist. Und dafür braucht es eine neue Medienkompetenz, die sich unsere Gesellschaft noch mühsam erarbeiten muss.

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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:

DLF-Chefredakteurin: Leitmedien müssen Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden: Birgit Wentzien über Relevantes im Zeitalter des Twitterns (MP3)

Die totale Gegenwart in der globalen Medienwelt: Reihe: Der Bann der Echtzeit (2/2) (MP3)