03.05.2012 | Internet & Recht

Urheberrecht und Wissenschaft

Der Konflikt um das Urheberrecht wird seit Jahren mit ununterbrochener Schärfe geführt. Oft geht es dabei nur um Filme und Musik oder Zeitungen und Bücher. Doch die Auseinandersetzung im Kontext Bildung und Wissenschaft ist ebenso nötig.

Denn nicht zuletzt werden Erkenntnisse der Wissenschaft an staatlich finanzierten Institutionen gewonnen und auch die Frage nach dem privatwirtschaftlich organisierten Schulbuchwesen dürfte in Zeiten der Wikis und Open Education Ressources neu gestellt werden. Das jedenfalls meint Matthias Spielkamp, Journalist und Mitgründer der Informationsplattform irights.info.

 

Urheberrecht und Wissenschaft von Matthias Spielkamp

In der großen Aufregung um das Urheberrecht führt die Wissenschaft ein Schattendasein. Zu Unrecht. Denn der Konflikt, der dort schwelt, ist skandalös. Und das, obwohl nirgendwo so eindeutig auf der Hand liegt, was geändert werden müsste.

Wer darüber diskutiert, ob das Urheberrecht gut ist oder schlecht, ob es abgeschafft werden soll oder nicht, diskutiert weitgehend am Thema vorbei. Es gibt gute Gründe dafür, auf das Urheberrecht zu verzichten, und es gibt ebenso gute, am Urheberrecht festzuhalten. Nur gibt es wenig gute Gründe, am Urheberrecht in seiner derzeitigen Form festzuhalten. Das gilt vor allem für die Regulierungen in Bildung und Wissenschaft.

Gerade in letzter Zeit sprechen sich Musiker, Schriftsteller, Journalisten, Fotografen und andere Kreative lautstark dafür aus, das Urheberrecht zu „verschärfen“, auch wenn sie selten sagen können, was das konkret bedeuten soll – und wie es ihnen helfen würde. Denn zumeist haben sie ein Problem damit, gegenüber ihren Auftraggebern höhere Honorare durchzusetzen. Dennoch haben sie mehr Anlass, an ihren Verwertungsrechten festzuhalten als Wissenschaftler. Denn im Gegensatz zu den meisten von ihnen leben Musiker und Schriftsteller davon, ihre Werke zu verkaufen – oder besser gesagt: die Verwertungsrechte, die das Urheberrecht ihnen garantiert, an Verlage und Musiklabel zu lizenzieren. Die überwiegende Zahl der Wissenschaftler verdient ihr Geld anders: als Angestellte von Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen.

“Und es ist ein Skandal”

Wenn es ums Urheberrecht geht, ist das ein Unterschied ums Ganze. Das haben auch die Wissenschaftler selber bemerkt. Zehntausende von Ihnen setzen sich weltweit für das so genannte Open-Access-Modell ein. Das bedeutet, dass sie ihre Forschungsergebnisse, die als Journal Articles erscheinen, also als Beiträge in Wissenschaftszeitschriften, auch sofort im Internet öffentlich zugänglich machen wollen – kostenfrei für die Leser. Doch das dürfen sie nicht, wenn die Verleger der Journals ihnen alle Verwertungsrechte abverlangen, damit ein Beitrag in einer ihrer Zeitschriften erscheinen darf. Dann dürfen nur noch die Verlage darüber entscheiden, wo die Texte erscheinen. Das ist üblich. Und es ist ein Skandal.

Denn um die Beiträge in den Journals lesen zu können, müssen Universitätsbibliotheken, Forschungsinstitute und andere öffentliche Einrichtungen sie bei den Verlagen abonnieren – zum Teil zu astronomischen Preisen. Vor allem jedoch: auf Kosten des Steuerzahlers, der aber bereits dafür bezahlt hat, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse gewonnen und publikationsreif aufbereitet wurden. Diese Kosten an die Öffentlichkeit „outzusourcen“, beschert etwa einem internationalen Wissenschaftsverlag wie Reed Elsevier eine Umsatzrendite von 27 Prozent, bei einem Umsatz von knapp 7 Milliarden Euro (Zum Vergleich: beim Metro-Konzern – Media Markt, Saturn, Kaufhof – liegt er bei unter einem Prozent, bei VW bei 12 Prozent.)

Die Hau-Drauf-Rhetorik

Seit Jahren macht sich eine internationale Community von Wissenschaftlern daher für Open Access stark. Das ist ein mühseliges Unterfangen, denn Wissenschaftler wollen und müssen sich in erster Linie mit ihrem Forschungsgebiet beschäftigen, nicht mit einem überkommenen Publikationsmodell, das sie jedoch durch ihre Gleichgültigkeit verfestigen. Hier ist die Hilfe der großen Wissenschaftsinstitutionen erforderlich, und unter Umständen die der Politik.

Die Forschungsvereinigungen – wie Max-Planck-Gesellschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft und andere – sollten durch so genannte Mandate dafür sorgen, dass ihre Wissenschaftler alle Forschungsergebnisse, die in Form von Journal Articles erscheinen, auch open access erhältlich sind, also frei zugänglich im Internet. Und die Politik sollte ihnen den Rücken frei halten – auch gegen den Widerstand der wenigen Gegner, die aus der Wissenschaft selber kommen. Denn die zeichneten sich in der Vergangenheit eher durch Hau-Drauf-Rhetorik als durch redliche Argumente aus, was ihnen viel unangemessene Aufmerksamkeit verschaffte.

Wissenschaftliche Ergebnisse sind umso wertvoller für eine Gesellschaft, je mehr Mitgliedern der Scientific Community, der Gemeinschaft der Wissenschaftler, darauf zugreifen können. Wissenschaftsverlagen zu erlauben, diese Ergebnisse zu verknappen, um daran Milliarden Euro auf Kosten der Steuerzahler zu verdienen, ist nicht nur die dümmste Art von Wissenschafts-, sondern auch von Wirtschaftspolitik, die man betreiben kann. Die Politiker, die das nicht verstehen, sollten es sich von einer der 375 Organisationen erklären lassen, die die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterzeichnet haben, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die französische Conférence des Présidents d’Université oder die Harvard University – nicht von Verlagsvertretern, die von diesen Zuständen profitieren.

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