24.05.2012 | Internet & Journalismus

Re-Think Journalism!

Für manche der besten journalistischen Leistungen des Internet-Zeitalters ist ein Umdenken gar nicht erforderlich. Das sagt jedenfalls Tim Grieve, der Chefredakteur des kürzlich mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Online-Projekts Politico Pro.

Am Beispiel eines Scoops von Politco erklärt er, wieso die Grundlagen des Journalismus trotz allen technischen Fortschritts immer noch die gleichen geblieben sind – und an welchen Stellen die Digitalisierung den Journalismus dann eben doch grundlegend verändert.

 

Re-Think Journalism! von Tim Grieve

Neue Wege im Journalismus

 

In ganz Amerika verlieren Zeitungen an Auflage, bauen Stellen ab, kürzen Rubriken und reduzieren buchstäblich die Größe des Papiers, auf dem die Zeitung gedruckt wird. Manche Zeitungen verschwinden vollständig.

POLITICO entwickelt sich genau in die entgegengesetzte Richtung. Wir wachsen. Wir erweitern unser Team um neue Reporter, führen neue Feuilletons ein, erforschen neue Wege, um Journalismus auch als Geschäft zum Funktionieren zu bringen. Und wir melden täglich aktuelle Neuigkeiten – einschließlich der folgenreichsten Geschichte der diesjährigen Präsidentschaftswahlen.

Ich weiß nicht, wie aufmerksam den US-Wahlkampf verfolgt haben, aber […] im Herbst 2011 erschien Herman Cain als Spitzenreiter auf der Bildfläche. Er war ein untypischer Kandidat – jemand mit nahezu fehlender politischer Erfahrung, der sich als Vorstandsvorsitzender einer Pizzakette einen Namen gemacht hat. Doch er ist ein charismatischer Redner […] und hat große Aufmerksamkeit erregt. Dies hat ihm bei den Republikanern eine Spitzenposition verschafft […]

 

Eine unfassbare Geschichte wurde aufgedeckt

Doch dann deckten meine Kollegen bei POLITICO eine unfassbare Geschichte auf und veröffentlichten diese: Es stellte sich heraus, dass Herman Cain wiederholt des unangemessenen Verhaltens gegenüber Frauen, mit denen er zusammengearbeitet hatte, bezichtigt worden war. Und Cains Arbeitgeber hatte diese Frauen damals dafür bezahlt, die Anschuldigungen fallen zu lassen.

Cain dementierte diese Geschichte von vorne bis hinten. In seiner Kampagne wurde POLITICO als ein Haufen „Liberaler“ innerhalb der politischen Fachpresse bezeichnet. Für eine kurze Zeit drohte Cain uns mit einer Klage. Als sich dann weitere Frauen zu Wort meldeten, stieg Cain aus dem Wahlkampf aus. Nun, er behauptete, er unterbräche den Wahlkampf. Seitdem hat er sich auf der Wahlkampftour jedoch nicht mehr blicken lassen. In den Vorwahlen in Iowa in dieser Woche […] erhielt Herman Cain lediglich 58 der 122.000 abgegebenen Stimmen und lag damit weit hinter „Sonstige“ und „keine Präferenz“.

 

“Umdenken ist nicht erforderlich”

Ich erzähle Ihnen diese Geschichte nicht, weil sie ein großer Treffer für die POLITICO-Reporter, die sie aufdeckten, war. Sie war eine Sensation. Aber ich gebe diese Geschichte zum Besten, um Folgendes zu illustrieren.

Anders als der Titel dieses Beitrags suggeriert, ist ein „Umdenken“ für manche der besten journalistischen Leistungen des Internet-Zeitalters ganz und gar nicht erforderlich. Mag sein, dass die Herman-Cain-Geschichte im Web über Posts und Tweets verbreitet wurde und Menschen sie auf ihren iPhones und Android-Mobiltelefonen gesehen haben, statt sie in der Zeitung zu lesen oder in den Abendnachrichten zu sehen.

Dies betrifft jedoch nur die Art, wie die Geschichte verbreitet worden ist. Nicht aber die Art der Berichterstattung. Und die POLITICO-Reporter, die die Cain-Geschichte veröffentlichten, taten dies so, wie Journalisten es seit jeher getan haben: Sie bekamen Wind von den Anschuldigungen und machten sich daran, mehr darüber zu erfahren. Sie verbrachten Wochen mit der Befragung von Personen, die mit Cain zusammengearbeitet hatten, ehemaliger Vorstandsmitglieder des von ihm geführten Handelsunternehmens, derzeitiger und ehemaliger Angestellter der Gruppe sowie anderer Personen, die mit den Vorgängen dort vertraut waren. Sie kamen an Teile der Dokumentation. Als sie genügend Material zusammengetragen hatten, traten Sie an die Wahlkampfmitarbeiter und schließlich an Cain selbst heran und verlangten eine Stellungnahme.

 

“Dies war eben guter, alter Journalismus”

Als dann die nicht sehr aussagekräftige Antwort Cains vorlag, vollendeten unsere Reporter ihre Geschichte, die dann in POLITICO veröffentlicht wurde. Der Artikel hätte auf der ersten Seite der Washington Post oder der New York Times oder jeder anderen Zeitung in den Vereinigten Staaten landen können. Dass er das erste Mal auf einer Website, und zwar unserer Website, zu lesen war, hatte damit zu tun, wo die Reporter gearbeitet haben, nicht jedoch mit der Art, wie sie ihre Arbeit getan haben.

Dies war eben guter, alter Journalismus – wie Vieles, was wir bei POLITICO tun, trotz der Tatsache, dass ein Großteil unserer Leser unsere Nachrichten online und nicht über unsere relativ kleine Printausgabe verfolgt. Unsere erfahrenen Reporter befragen Quellen, arbeiten sich durch die Hallen des Kongresses, durchkämmen Dokumente. Wie andere gute Veröffentlichungen im Internet können wir unsere Meldungen schneller liefern, nachdem wir sie erst einmal erhalten haben. Die Art, wie wir diese beschaffen, unterscheidet sich nicht wirklich von den Methoden, die vor der Existenz des Internets verwendet wurden, damals, als ich bei einer Zeitung mit dem Journalismus begann.

Damit möchte ich nicht sagen, dass das Internet den Journalismus nicht verändert hat. Denn das hat es. Wie die Ereignisse des letzten Jahres verdeutlichen, hat es die Welt verändert – und den Journalismus im Besonderen. Dank der neuen Technologie kann jeder auf Hilfsmittel zugreifen, die vor einigen Jahren nur „echten“ Journalisten zur Verfügung standen.