24.05.2012 | Internet & Journalismus

Re-Think Journalism!

Ein Kind mit der Handykamera

Ich erinnere mich noch klar und deutlich an die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2004. Mir war von Salon aufgetragen worden, in den Tagen unmittelbar vor der Wahl mit John Kerry zu sprechen. Genau in dem Augenblick, in dem wir das Presseflugzeug zum nächsten Wahlkampfort bestiegen, sagte er etwas, was unter allen Umständen in den Nachrichten gebracht werden sollte. Die Fernsehreporter wollten den Videoclip unbedingt in den 6-Uhr-Nachrichten bringen, wir sollten den nächsten Halt jedoch nicht früh genug erreichen, um den Clip rechtzeitig an einen Satellitenstandort bringen zu können, von wo aus er dann nach Atlanta oder New York oder wo auch immer gesendet werden könnte. Als wir gerade losfliegen sollten, überredeten sie den Piloten des Presseflugzeugs dazu, das Cockpit-Fenster zu öffnen und die Videokassette einem unten wartenden Produzenten in die Hände zu werfen, sodass er diese anschließend in Eilgeschwindigkeit zu einem Satellitengerät bringen konnte.

Von einem technologischen Standpunkt aus gesehen stand dies vielleicht eine Stufe höher als das Transportieren von Filmspulen aus Vietnam mithilfe eines Flugzeugs – aber auch nicht mehr.

Heutzutage kann ein Kind mit einer Handykamera all dies im Handumdrehen tun. Es kann ein Ereignis filmen, das Video auf Youtube oder Facebook hochladen und es schneller mit der Welt teilen, als der Pilot damals für das Öffnen des Cockpit-Fensters benötigte.

 

“So erzählen wir der Welt, was hier geschieht”

Und ich muss Ihnen wohl nicht sagen, wie viel Einfluss so etwas haben kann. Mithilfe von Smartphones festgehaltene und auf Facebook hochgeladene Bilder von Selbstverbrennungen mögen vielleicht nicht den Aufstand in Tunesien ausgelöst haben. Aber Tweets und Blog-Posts aus Libyen und Ägypten sorgten auf der ganzen Welt für Aufsehen und trugen zum Fall von Gaddafi und Mubarak bei.

Als ein Reporter von „The Guardian“ einige junge Tunesier fragte, was sie denn da so eifrig mit ihren Smartphones fotografierten, antwortete einer von ihnen so, als läge die Antwort auf der Hand. „Uns“, sagte er. „Unsere Revolution. Wir laden die Bilder auf Facebook hoch. So erzählen wir der Welt, was hier geschieht.“

„So erzählen wir der Welt, was hier passiert.“

Wie beeindruckend ist das?

 

“Das Internet erfüllt die kühnsten Träume”

Aus eben diesem Grund haben meine Kollegen und ich uns für den Journalismus entschieden. Wir mit all den Privilegien eines Lebens in den Vereinigten Staaten und dem Schutz der Redefreiheit, die unsere Verfassung garantiert. Und nun können diese Kinder aus Tunesien dies alles auch tun – und müssen dafür nicht einmal die Journalistenschule besuchen oder einen Job bei der Zeitung ergattern. In diesem Fall verleiht das Internet Macht; es ist revolutionär. Es erfüllt die kühnsten Träume, die die Menschen sich für das Internet erhofft hatten.

In der Anfangsphase des Internets prophezeite ein „Web-Prediger“, dass das Internet zukünftig „die Hierarchien von Organisationen ebnen, die Gesellschaft globalisieren, die Kontrolle dezentralisieren“ und dazu beitragen würde, „die Menschen zu harmonisieren.“

Und in diesem Fall ist dies dem Internet gelungen. Nun, Muammar Gaddafi wird diese Harmonisierung wohl nicht gespürt haben. Aber Sie wissen, worauf ich hinaus will. Im Verlauf des vergangenen Jahres hat das Internet Menschen an einigen der härtesten Orte der Welt zusammengebracht, Menschen, die vielleicht auch ohne die Existenz von Twitter dieselben Ansichten teilen würden, die jedoch ohne Twitter niemals ihre Meinung öffentlich artikulieren könnten.

 

Der verlorene Enthusiasmus

Das Internet hat die Welt verändert. Es hat mit Sicherheit die Ihre verändert. Doch was ist mit der unseren?

An dieser Stelle geht ein Teil meines Enthusiasmus verloren. Trotz der vereinenden Wirkung des Internets, der sozialen Medien und des Bürgerjournalismus an einigen Orten der Welt fürchte ich, dass sie nicht denselben Effekt auf die Vereinigten Staaten hatten. Das Internet in den Vereinigten Staaten bringt die Menschen nicht zusammen. Stattdessen trägt das Internet, oder besser gesagt: die Art, wie wir es nutzen, dazu bei, uns voneinander zu entfernen.

In Sacramento, Kalifornien, wo ich aufgewachsen bin, begannen wir den Tag mit dem Lesen derselben Zeitung und beendeten ihn mit dem Schauen der nationalen Nachrichten im Fernsehen. Wir waren über das, was wir dort sahen, nicht immer einer Meinung. Doch wir sahen alle dieselben Dinge im Fernsehen. Das war nicht immer gut. Die Chance, dass wirklich alternative Ansichten zu uns durchdringen würden, war minimal. Die Spiele eines Teams aus einer anderen Zeitzone zu verfolgen, war undenkbar. Doch wir besaßen noch denselben Bezugsrahmen, ein gemeinsames Verständnis der „großen Storys“ und der ihnen zugrundeliegenden Tatsachen. Das fehlt inzwischen nahezu vollständig.

 

Der “Marktplatz der Ideen”

Die USA sind äußerst stark von parteipolitischen Überlegungen geprägt, und ich denke, dass die Möglichkeit, unsere Nachrichtenquellen selbst auszuwählen – sei es durch Kabelfernsehen oder das Internet – die Situation noch verschlimmert.

Wir sprechen häufig vom „Marktplatz der Ideen“, der Vorstellung, dass in einem freien Land einfach nur allen Ideen ein Platz eingeräumt werden muss, damit die besten letzten Endes ihren Weg an die Spitze finden. Gewissermaßen ist das Internet dieser Marktplatz. Mit Blogs und Tweets und Facebook-Posts und allem, was dem noch folgen wird, können wir unsere Ideen nach außen tragen.

Sie nach außen zu tragen, ist jedoch nicht dasselbe, wie sie gleichmäßig zu vermischen.  Diese beiden Dinge gehen deutlich auseinander, zumindest in den Vereinigten Staaten. Das Internet stellt keinen Marktplatz der Ideen dar. Er spaltet sich in zwei – oder 2 Millionen – Marktplätze von Ideen auf, von denen die meisten durch allzu vorhersehbare parteipolitische Fronten abgeschirmt werden.