24.05.2012 | Internet & Journalismus

Re-Think Journalism!

“Sie können weiterhin ihr schlecht gehendes Brot verkaufen”

Bei dieser Spaltung sind es nicht notwendigerweise die guten Ideen, die schließlich gewinnen. Sie funktionieren gut bei Menschen, die ohnehin schon dazu geneigt sind, sie zu befürworten. Das war es dann auch schon. Ihr Geschäft mag vielleicht besseres Brot als mein Geschäft verkaufen. Aber wenn mein Kunde niemals Ihr Geschäft betritt, ja, wenn er nicht einmal weiß, dass Ihr Geschäft existiert, so macht das keinen Unterschied. Sie können weiterhin Ihr schlecht gehendes Brot verkaufen, und Ihr Kunde wird es auch weiterhin kaufen.

In den vergangenen Jahren haben Konservative der extremen Rechten, die sich als Tea Party Patriots bezeichnen, in den Vereinigten Staaten Websites und E-Mails dazu genutzt, Neuigkeiten über ihre Veranstaltungen zu verbreiten, sich mit Gleichgesinnten im ganzen Land zusammenzurotten und die Führung der Republikaner hinsichtlich der Steuern und Staatsausgaben zur Rechenschaft zu ziehen.

 

Die liberalen Aktivisten am anderen Ende

Am anderen Ende der Skala stehen die liberalen Aktivisten, die sich als Occupy Wall Street bezeichnen, und das Internet und die sozialen Medien dafür genutzt haben, Proteste zu organisieren, auf die Einkommensunterschiede und die fehlende Chancengleichheit im Land aufmerksam zu machen, und darauf, dass die Wall Street trotz der untragbar hohen Arbeitslosigkeit floriert.

In beiden Fällen hätten die Gruppen ohne das Internet nicht annähernd die Möglichkeit, das zu tun, wozu sie nun imstande sind. Die Gruppen würden möglicherweise wachsen, Veranstaltungen organisieren, doch könnten sie sich ohne die Macht, die die sozialen Medien ihnen verleihen, nicht gleichermaßen schnell verbreiten oder in diesem Ausmaß die nationale Aufmerksamkeit gewinnen.

Im Grunde rennen beide offene Türen oder vielmehr ihre eigenen Türen ein. Die Ideen der Tea-Party-Bewegung werden von der Linken nicht ernst genommen, ihre Mitglieder von ihnen als Spinner und Heuchler abgestempelt, als alte Leute, die ihre Sozialversicherungs- und Gesundheitsfürsorgechecks einlösen, um sich dann zurückzuziehen. Die Ideen von Occupy Wall Street werden von der Rechten wiederum nicht ernst genommen. Ihre Mitglieder werden von der Rechten gern als schmutzige Hippies, als verwirrte, arbeitsscheue Schnorrer dargestellt.

 

“Wir besitzen die Freiheit”

Da wir heutzutage die Nachrichten entweder von der einen oder der anderen Seite erhalten, betrachten wir diese Gruppen jeweils aus der einen oder der anderen Perspektive. Nur in den seltensten Fällen sehen wir uns dazu gezwungen, die Tatsache, dass wir doch falsch liegen könnten, in Betracht zu ziehen.

Das Internet bietet uns diese „Freiheit“. Ist man ein Anhänger der einen oder der anderen Gruppe und wählt dementsprechend die Websites aus, die man liest, ist es möglich, dass man niemals die andere Seite der Geschichte kennenlernen wird. Oder womöglich nicht einmal weiß, dass eine andere Seite existiert. Man hat die Freiheit, ignorant zu sein. Andererseits besitzt man auch die Freiheit, äußerst gut informiert zu sein – über die Handvoll von Dingen, über die man gut informiert sein möchte und durch die Handvoll von Personen, die man dafür auswählt, diese Informationen an einen weiterzugeben.

Wir besitzen die Freiheit, keines von beiden zu sein – gewissenhaft unsere Lesegewohnheiten auszubalancieren und im Zuge dessen sowohl liberale als auch konservative Blogs zu lesen. Nur wenige von uns besitzen die hierfür notwendige Disziplin, vor allem, wenn man doch auch in derselben Zeit Angry Birds spielen könnte.

 

„Zu liberal oder zu konservativ“

Wir verfestigen unsere Ansichten immer mehr, neigen immer mehr dazu, jeder Publikation, die von den durch uns angenommenen Auffassungen abweicht, zu misstrauen, sie zu diskreditieren und schließlich für unglaubwürdig zu erklären. Dies führt letztendlich dazu, dass wir diese Quellen nicht mehr verwenden, außer vielleicht, um uns in unserer Überzeugung zu bestärken, wie lächerlich diese doch sind.

Für Massen innerhalb der amerikanischen Öffentlichkeit ist die New York Times inzwischen nicht nur eine Zeitung, die sie nie gelesen haben. Nein, sie ist eine Zeitung, von der sie wissen, dass sie liberale Lügen verbreitet. Für einen anderen Teil der Bevölkerung hat Fox News denselben Stellenwert auf der Rechten. Wo ich auch hingehe, treffe ich auf Menschen, die mir erzählen, dass sie ihre lokale Zeitung nicht mehr lesen, da sie entweder „zu liberal“ oder „zu konservativ“ sei.

Dasselbe kommt mir auch über meine eigene Publikation zu Ohren. Auf der Rechten werden wir als „linke POLITICO“ oder „linker Blog POLITICO“ abgetan. Von der Linken werden wir hingegen als „POLITICO der Rechten“ oder mit den Worten von Salon, für die ich gearbeitet habe, als „rechte POLITICO-Jauchegrube“ verspottet.

 

“Geld zu verdienen, ist auch eine Herausforderung”

Keine dieser Beschreibungen trifft zu. Bei POLITICIO arbeiten wir in der Mitte. Wir sind gänzlich unparteiisch, ohne eine politische Agenda auf der einen oder der anderen Seite. Ich bin seit inzwischen vier Jahren Redakteur bei POLITICO, und ich kann vielleicht von einem halben Dutzend der Leute bei uns behaupten, zu wissen, welche politischen Ansichten sie vertreten – noch weniger könnte ich einen meiner Mitarbeiter als „Ideologen“ bezeichnen. Manchmal passiert es doch, dass wir Geschichten bringen, die Anhänger der Linken oder auch Anhänger der Rechten erzürnen. Und aus diesem Grund werden uns verschiedene Bezeichnungen angehangen.

Ich denke, dass dies die wirkliche Herausforderung für den Journalismus von heute darstellt. Nun, Geld zu verdienen, ist auch eine Herausforderung, aber das ist ein ganz anderes Thema. Es geht darum, Vertrauen zu gewinnen, relevant und glaubwürdig für Menschen zu sein, die glauben, dass wir keines von beiden sind.

Es ist nicht zu vermeiden, dass man beschimpft wird. Aber wie können wir Menschen dazu bringen, unsere Publikation kontinuierlich zu lesen? Dafür ist meiner Meinung nach eine sorgfältige Mischung des Alten und des Neuen erforderlich.

 

Die traditionellen Gebote des Journalismus

Wir brauchen professionelle Reporter, die tagein, tagaus dafür arbeiten, die Machthaber in den Vereinigten Staaten zur Rechenschaft zu ziehen, zu berichten, was im Kongress, dem Weißen Haus und dergleichen vor sich geht. Einem Kind mit einem Smartphone ist dies nicht möglich. Wir müssen die traditionellen Gebote des Journalismus befolgen: gerecht bleiben, beide Seiten der Geschichte korrekt erzählen, für Fehler geradestehen.

Des Weiteren müssen wir dies mit den bewährten Praktiken des Internets in Einklang bringen. Die Nachrichten schnell und in Echtzeit bekannt geben. Sie den Menschen bereitstellen, wo diese sie brauchen, d.h. auf ihren iPhones, iPads, ihren Facebook- und Twitter-Seiten.

Und vor allen Dingen müssen wir auf furchtlose und intelligente Weise vorgehen. Dies ist möglicherweise die wichtigste Lektion, die uns das Internet erteilt. Das Netz ist voll von wirklich intelligenten Menschen, die vor den Mächtigen die Wahrheit aussprechen und sich nicht davor scheuen, zu sagen, was sie denken.

 

Welches Schicksal uns blüht

Nachdem sie all das im Netz kennengelernt haben, haben Leser keine Geduld mehr für langweiligen, altmodischen Journalismus vom Typ „er sagte, sie sagte“. Sie wollen Berichterstatter, die ihnen erzählen können, was wirklich vor sich geht, die Geschichten hinter den Presseerklärungen und Audioberichten, die Geschichten, die die Reporter sich gegenseitig nach der Arbeit an der Bar erzählen. Und sie möchten, dass diese Geschichten auf eine für sie zugängliche Art und Weise bereitgestellt werden – nicht mit der unbeteiligten Stimme der Journalismusgötter, sondern in einem direkten Stil, der sowohl ihre Intelligenz respektiert, als auch die Tatsache berücksichtigt, dass die Leser ihre Nachrichten aus mehreren Quellen beziehen können.

Wenn uns dies gelingt, wenn wir die harte Arbeit des traditionellen Journalismus mit Leidenschaft und der Geschwindigkeit des Netzes bewältigen, dann können professionelle Journalisten neben Bloggern und Tweeps und auch Kindern mit Smartphones bestehen.

Gelingt uns dies nicht, blüht uns dasselbe Schicksal wie Herman Cain.

 

Der Text basiert auf  einer Rede von Tim Grieve, die er im Rahmen der Konferenz anlässlich des 50jährigen Bestehens des Deutschlandfunks gehalten hat.

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