Hyperlocal: Chance oder Bedrohung?

Die klassische Lokalzeitung ist vom Aussterben bedroht. In den USA gibt es in vielen Landesteilen längst keine Regionalblätter mehr. Auch hierzulande haben etliche Verleger mit sinkenden Auflagen und einer alternden Leserschaft zu kämpfen. Ein möglicher Weg aus der Krise könnten sogenannte Hyperlocal-Plattformen sein.

Nachrichten nicht bloß aus der eigenen Stadt, sondern aus dem eigenen Viertel, dem eigenen Straßenblock. Dazu lokale Meldungen aus sozialen Netzwerken oder von kommunalen Akteuren wie Behörden oder Einzelhändlern. Alles auf einer Plattform vereint. Genau diesen Ansatz verfolgt das US-amerikanische Projekt Everyblock, das mittlerweile in sechzehn großen Städten von New York über Chicago und Los Angeles bis nach Seattle erfolgreich läuft. Die Sendung Markt und Medien stellt das Projekt am Samstag um 17:05 vor.

Für das Debattenportal wirft Ulrike Langer, Expertin für Medieninnovationen in Seattle/USA und Mit-Herausgeberin der Plattform VOCER, einen Blick auf den aktuellen Entwicklungsstand. Ihre Prognose: Leser entwickeln sich von Rezipienten zu Produzenten – und Journalisten, die sich nur noch an den eigenen Expertenstatus klammern, werden in einem dialogischen Kommunikationsraum an Bedeutung verlieren.

 

Hyperlocal: Chance oder Bedrohung? von Ulrike Langer

 

2009 startete die “New York Times” (NYT) zwei hyperlokale Portale unter dem Namen “The Local” – eines für einen Teil des New Yorker Bezirks Brooklyn und eines mitten in New Jersey. “The Local” fand zwar ganz ordentlichen Zuspruch, aber die NYT selbst wusste nicht so recht, was sie damit anfangen sollte. Das änderte sich erst, als sie ein Jahr später die Redaktion von “The Local” abgab – die Ausgabe für Brooklyn ging an die Journalistenschule der City University of New York (CUNY) und wird seitdem unter der Dachmarke der NYT von den Studenten als Teil ihrer Ausbildung eigenverantwortlich betrieben. Ein neuer NYT “The Local” Ableger der Journalismustudenten um Jay Rosen an der New York University (NYU) wurde für das East Village in Manhattan neu gegründet. Und das New Jersey Portal wurde komplett an die unabhängigen Lokalblogger von Barista.net weitergereicht.

Schon bald zeigte sich, warum “The Local” zuvor stagnierte. Der New York Times Verlag hatte versucht, die gewohnte massenmediale Kommunikation seines journalistischen Flaggschiffs – einer spricht und alle anderen hören zu – auf die hyperlokalen Räume zu übertragen. Doch in den Stadtteilen (“neighborhoods”), die oft nur wenige Straßenblöcke umfassen, wissen die Bürger oft mehr als die Reporter. Sie wollen nicht bloß passiv informiert werden, sondern ebenfalls informieren und sich auch untereinander über Neuigkeiten austauschen. Praktisch alle erfolgreichen hyperlokalen Angebote verstehen sich deshalb mehr als Netzwerke denn als Portale.

Die Plattform Everyblock, 2006 von Journalist und Programmierer Adrian Holovaty als öffentliche Datenbank für hyperlokale Informationen gegründet, wurde nach der Übernahme durch das Webportal MSNBC.com zu einem hyperlokalen Netzwerk ausgebaut. Die Bürger schauen nun nicht mehr nur nach, was in ihrem Umfeld passiert, sondern geben den anderen Bürgern im Stadtteil auch Tipps und diskutieren miteinander. Neighborsgo, ein Nachbarschaftsportal der “Dallas Morning News”, setzt im Netz auf das Prinzip Selbstverwaltung. Schulen, Vereine und gemeinnützige Organisationen stellen hier ihre Nachrichten ein. “Crime L.A.” , eine Unterseite der “Los Angeles Times” enthält eine interaktive Karte, in die Bürger Verbrechen vor Ort eintragen und die Statistiken mit anderen Stadtteilen vergleichen können.

Auch “The Local” versteht sich nun als vor allem als Plattform, auf der Bürger aktiv am Produktionsprozess von Nachrichten beteiligt werden sollen. Die Studenten an der NYU entwickelten eine Software, mit der Nutzer Themen und Termine vorschlagen können. Und beim Brooklyn-Ableger gibt es ein Projekt namens “Schoolbook” Es besteht aus einem Blog, einer gut gefüllten Datenbank und einer öffentlichen Diskussionsplattform für Themen, welche die 2.500 New Yorker Schulen betreffen. Auf einzelnen „School Pages”, ähnlich den Facebook-Seiten, sind Communitys für die einzelnen Schulen angesiedelt. „Wir versuchen jetzt, eine ganze Reihe von Experimenten zur Beteiligung der Nutzer anzuschieben”, sagt Mary Ann Giordano. Die NYT-Redakteurin ist die Schnittstelle zwischen den weitgehend autarken Lokalseiten und der „New York Times”.  “Wir wollen an den Punkt gelangen, dass ein großer Teil dessen, worüber wir als Journalisten berichten, von den Nutzern kommt, die uns informieren”, so Giordano.

Die dafür nötige Änderung ihres beruflichen Selbstverständnisses fällt vielen Lokaljournalisten schwer. Nicht mehr so sehr das Hüten exklusiver Informationen ist gefragt, sondern das freigiebige Teilen von Wissen und Verlinken auf andere. Und die Einsicht, dass Expertentum vor allem außerhalb der Redaktionen zu finden ist, und es zu den neuen journalistischen Aufgaben gehört, solche Experten zu finden und ihnen eine Stimme zu verleihen.

In Deutschland experimentieren erst wenige Lokalredaktionen mit dem Netzwerkgedanken. Eine davon ist die Dortmunder Lokalredaktion der “Ruhrnachrichten”. Sie bindet seit Juni 2011 mit dem Aggregationstool Storify Nutzerfotos, lokale Blogs und Twittermeldungen unter dem Schlagwort “Netzfundstücke” in ihre Onlinepräsenz ein und verlinkt sogar auf Wettbewerber. Potenzial für mehr Aggregation und Kooperation sieht Lokalchef Philipp Ostrop vor allem beim Sport. “Dortmund ist sportbegeistert. Viele Sportvereine betreiben selbst gute eigene Websites. Und die Fans von Borussia Dortmund bloggen teilweise richtig gut.”

Für die kommunale Demokratiebeteilung wäre es wünschenswert, dass Lokaljournalisten stärker als bisher als Vermittler und Förderer politischer Willensbildung verstehen. Dazu sind Transparenz (Offenlegung von Quellen) und die Freigabe von Daten nötig. In Behörden kommt das Prinzip der offenen Daten inzwischen ganz allmählich an. Es besagt, dass Daten den Bürgern gehören und grundsätzlich öffentlich zugänglich sein, es sei denn, übergeordnete Interessen wie der Schutz personenbezogener Daten sprechen dagegen. Doch viele Journalisten müssen erst noch lernen, dass ihren Nutzern mehr damit gedient ist, sich selbst ein Bild machen zu können, anstatt ein fertiges vorgesetzt zu bekommen. Plattformen nach dem Vorbild von Frankfurt gestalten, Berlin Open Data oder Offenes Köln, die versuchen, kommunalpolitische Vorgänge in Datenbanken durchsuchbar und damit für einzelnen relevant zu machen sowie Bürger zu eigenem Handeln befähigen, stünden auch lokalen Verlagen zumindest als Experimente gut an. Journalisten, die sich den großen kommunikativen Trends wie Netzwerken und Offene Daten noch lange verweigern, werden wahrscheinlich erleben, wie sich hyperlokale Information und Kommunikation im Netz zunehmend neu sortiert – auf Bypässen an traditionellen Medienportalen vorbei.

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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:

Mit klarer Linie in die Zukunft: Übernahmeangebot bei WAZ-Gruppe (zum Bericht)

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