Ein verlässliches Gegengift gegen die Großpublizistik
Die Flucht ins Hyperlokale gilt manchen als eine der wenigen verbliebenen Hoffnungen für den Journalismus. Martin Welker, Lehrbeauftragter für Journalistik am Campus Berlin der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, wirft in seinem Beitrag aber keinen Blick in die Glaskugel, sondern schaut in die Vergangenheit. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Online-Forschung und Vertretungsprofessor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig beleuchtet die Geschichte des Lokaljournalismus und analysiert Chancen und Herausforderungen für die Betreiber von Hyperlocal-Plattformen.
Ein verlässliches Gegengift gegen die Großpublizistik von Martin Welker
Graswurzel-Journalismus gilt soeben als das innovative Layout unserer aufgeklärten Internetmoderne. Die Kombination aus räumlicher und leserschaftlicher Nähe korreliert aufs Schönste mit Kernkonzepten wie Partizipation, Debatte und Demokratie. Denn so fortschrittlich und modern wie unsere Onlinegesellschaft soll auch unser Journalismus sein: als Betriebssystem einer Gesellschaft, deren aktive Citoyens beharrlich ihre lebensweltliche Reflexion und profilierte Beteiligung vollziehen.
Grassroot Journalism ist quasi die App unserer neu entdeckten bürgerlichen Mündigkeit, installiert auf Basis unserer Zivil- und Beteiligungsgesellschaft. Grassroot Journalism ist demnach das Gegenstück zum tugendgewandetem Zwang, den wir uns mit Smartphones, E-Mail und Social Web neuerdings eingehandelt haben.
Eine eng verwandte Klasse zur Graswurzel-Berichterstattung bildet der hyperlokale Journalismus. Angebote wie altona.INFO aus Hamburg, Prenzlauer Berg Nachrichten aus Berlin, der Klassiker Heddesheim-Blog aus dem Rhein-Neckar-Raum, Regensburg Digital oder die Tegernseer Stimme im Süden der Republik berichten aus der Mitte des Stadtteils, des Dorfes und der Stadt. Sie öffnen gleichzeitig durch ihre Vernetzungen ein Fenster in die Welt.
Für die Zeitungsforscherin Katja Riefler sollen hyperlokale Angebote „über das unmittelbare Geschehen in allernächster Umgebung kompetent informieren.“ Die klassischen Regionalzeitungen haben hier offenbar in den vergangenen Jahren eine Lücke gelassen. Die einschlägigen Hyperlokal-Plattformen wurden deshalb meist von einem engagierten Journalisten mit Ortskenntnis gegründet. Viele dieser professionellen Macher arbeiten nun als Journalisten, Werbeverkäufer und Techniker in einem – kurzum: als Ein-Personen-Unternehmen.
Der Beginn des Graswurzel-Journalismus
Doch treten wir noch einmal einen Schritt zurück, um einen Augenblick lang innezuhalten: Ist Graswurzel- und Hyperlokal-Journalismus eigentlich ein neues Konzept in Deutschland? Auf dem Zeitstrahl reisen wir etwas zurück, in die 90er Jahre: Es ist die Zeit der Mailboxen und Foren, der Bildschirmtext-Dialoge und der rauschenden Modems. Lokale Teilöffentlichkeiten organisierten sich in Mailbox-basierten Räumen, doch die Nutzer blieben meist unter sich. Weiter zurück in die 70er Jahre: Alternativ- und Anzeigenzeitungen sind der letzte Schrei. Lokale Interessensgruppen und –grüppchen versuchen, eine Öffentlichkeit jenseits der etablierten Massenpresse zu schaffen.
Doch auch hier stoppt unsere Reise noch nicht: Denn dass der Beginn eines jeden professionellen Journalismus das Lokale ist, wussten bereits die Amerikaner und Engländer, die nach 1945 in den Westsektoren die Demokratie nach dem Grassroot-Prinzip starteten. Das Lizenzpressesystem verband unabhängige Berichterstattung mit jeweils lokaler Bindung und ökonomischer Stärke und sorgte mit den eingesetzten Herausgeberpanels für die nötige Meinungsvielfalt. Die ersten Zeitungen im kriegszerstörten Deutschland waren vierseitige, eng bedruckte Blätter, die sich konsequent dem örtlichen Gemeinwesen widmeten, das es von ganz unten aufzubauen galt.
Und nun ganz weit zurück auf dem Zeitstrahl führt uns die Reise zu den ersten Anfängen des Journalismus im 16. Jahrhundert: So wirkte oftmals eine örtliche Persönlichkeit als Verleger, Herausgeber und Drucker in einer Person. Heraus kamen Flugschriften – oftmals bald von regionalen Fürsten oder der Kirche verboten.
Hyperlokal-Portale als Labore für Regionalzeitungen
Heute stehen die lokalen Anbieter anderen Herausforderungen gegenüber. In der Tat: Medienfülle und Informationsflut müssen gebändigt werden, das Hyperlokale muss online durch intelligente Vernetzung eingelöst werden. Auch der ökonomische Druck ist nicht zu unterschätzen. Mit wenig Personal muss viel auf die Beine gestellt werden. Im Gegensatz zu den Regionalzeitungen der Stunde Null sind die heutigen hyperlokalen Angebote kostenlos. Ob die gegenwärtige Werbefinanzierung trägt, wird sich zeigen. Die Macher kämpfen teilweise an der Grenze zur Selbstausbeutung.
Die publizistische Grundaufgaben sind hingegen die gleichen geblieben: Lesernähe schaffen, bürgerorientierte Berichterstattung pflegen und lesefreundliche Stoffe finden, gehört zu den Hauptaufgaben des Hyperlokalen. Nirgends lassen sich Innovationen auch unter ökonomischen Druck besser testen als in diesen Redaktionen. Denn nur hier – mit der größten Nähe zum Leser – wird schnell klar, ob Neues funktioniert oder nur Altes wieder aufgewärmt wurde. Und: Die etablierten Lokal- und Regionalzeitungen haben nun interessante Labore vor ihrer eigenen Haustüre, deren Erfahrungen sie selbst nutzen können – für mehr Lesernähe und bürgerorientierte Graswurzel-Berichterstattung.
Nur dieser revitalisierte Journalismus bietet ein verlässliches Gegengift gegen die Großpublizistik im Stile eines Rupert Murdoch oder von der Typik internationaler Finanzinvestoren. Statt „more of the same“, sollte es wieder „out of the ordinary“ heißen. Das Ungewöhnliche, das Besondere und das Relevante – es lebt im (Hyper-)Lokalen. Doch dazu gehören auch neue Finanzierungsideen, damit am Ende die journalistische Unabhängigkeit auch ökonomisch trägt.
Jenseits von laienbasierten Placeblogs und Stadtwikis sollten nach wie vor professionelle Journalisten lokale Öffentlichkeit herstellen. Von Crowdfunding bis Werbeverbünden sollte deshalb alles probiert werden. Nur so kommt der „Motor des öffentlichen Diskurses” (Habermas) nicht ins Stottern und diskursive Vitalität erneuert unser Gemeinwesen.
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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:
Mit klarer Linie in die Zukunft: Übernahmeangebot bei WAZ-Gruppe (zum Bericht)
Wiederbelebung: Der Lokaljournalismus erlebt seine Auferstehung (zum Bericht)
Nachrichten aus der Nachbarschaft: Hyperlokale Banalitäten erobern das amerikanische Netz (MP3)















Sehr informativ und auch mal das Problem/die Fragestellung der Finanzierung aufgegriffen! Vielen Dank!! Am Anfang finde ich es aber etws zu kompliziert formuliert und ein paar Infos könnten mehr auf den Punkt gebracht werden (grassroot journalism).
Danke für die Kurzkritik, ja der Beginn ist möglicherweise etwas zu rhetorisch! Leider kann der Autor auch aufgrund der Kürze nicht auf so viele Nebenlinien des Thema eingehen, wie bspw. die Trennung funktionaler Bereiche im Verlag und in der Redaktion, also eine professionelle Ausdifferenzierung, die in Ein-Mann/Frau-Redaktionen ja aufgehoben ist und möglicherweise zu Vermischungen führt. Oder der ökonomische Aspekt, dass wirtschaftliche Schwäche historisch auch schon mal zu publizistischer Schwäche geführt hat, bei vielen Klein- und Heimatzeitungen zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg. Aber das sind eben nur Nebenaspekte, viel wichtiger waren und sind die (optimistischen) Punkte, die ich im Artikel angesprochen habe.
aber ist dass nicht die zukunft von gestern? eine stärkung derv lokalen strukturen schient trotz der schönen mögichkeiten niemand zu wollen. leider.
Im Grunde ist die Idee nicht schlecht! Nur ist eine andere Form des Mediums noch lange kein Gegengewicht oder ein Garant für Qualität. Wenn die Journalisten antreten alles nur anders aber nicht besser zu machen und sich dabei nur profilieren sind ihre Nachrichten kein Deut besser sondern vielmehr überflüssig. Was ist z.b. ein Hyperlokal Blog wenn er aus einen Dorf gleich in die ganze Rhein-Neckar Metropole startet? Und was ist daran noch interessant wenn er dann noch mit kleinem Stab ein so großes Gebiet abdecken möchte? Ich denke, die Qualität bleibt auf der Strecke und dem Macher geht es schon lange nicht mehr um das Hyperlokale sondern nur noch um das eigene Überleben.
In Berlin haben sich die “etablierten” Zeitungen fast vollständig aus der Bezirksberichterstattung zurückgezogen und sind nun oft Tage hinterher, wenn es um lokale Aufreger geht. Beispiel: Die Berliner Zeitung greift heute ein Mauerpark-Thema auf, das bei den http://www.prenzlauerberg-nachrichten.de schon am Montag gelaufen ist. Andere gute, neue lokale Nachrichten-Angebote sind übrigens: www.neukoellner.netwww.meine-suedstadt.de
[...] seinem lesenswerten Beitrag “Ein verlässliches Gegengift gegen die Großpublizistik” für den renommierten Deutschlandfunk/Deutschlandradio (übrigens zwei der besten und [...]
Ich befürchte das lokale verliert tatsächlich an Bedeutung. Ich habe in den letzten zehn Jahren in drei mittelgroße bis großen Städten gewohnt und mich nie für die Lokalzeitung dort erwärmen können. Hat mich einfach nicht interessiert. Finde es supy, wenn die Lokalblogger sich finanzieren und was auf die Beine stellen können. Sehe aber keine große Chance dafür.