Computerspiele als Kulturgut?
Die Feuilletons sind der Hort der Hochkultur. Kunst und Literatur, Filme und Theaterstücke werden dort besprochen. Warum aber schaffen es Computerspiele höchstens als Einspalter auf die Medienseite? Sind Titel wie Mass Effect oder GTA 4 etwa keine Kultur? Christian Schiffer, Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk, ist Herausgeber des Magazins WASD, dessen erste Ausgabe im Juni erschienen ist. Das Heft verzichtet auf Prozentwertungen und Spielspaßgraphen. Die Autoren suchen einen kulturellen Zugang zu digitalen Spielen. In seinem Beitrag beleuchtet Christian Schiffer die Hürden, die Computerspielen den Weg in die Feuilletons verbauen. Ein Problem dabei: die Berichterstattung der Fachmagazine.
Computerspiele als Kulturgut? von Christian Schiffer
„Kultur“, das klingt edel und erhaben, nach etwas, das man schützen und fördern muss, etwas, das mehr ist als Zeitverschwendung oder flüchtige Unterhaltung. Beispiel Fußball: Früher als Spektakel für Voll-Prolls mit Vokuhila-Frisur verschrien, hat der Fußball heute das Boxen als Lieblingssportart des Feuilletons abgelöst. Im Stadion spricht man von der „Fan- und Ultrakultur“, Magazine bezeichnen sich als „Magazine für Fußballkultur“ und natürlich gibt es längst eine „Akademie für Fußballkultur“. Der Kulturbegriff wertet auf, Stigmata verschwinden. Aus einem belächelten, manchmal umstrittenen Hobby wird eine Errungenschaft mit intellektuellem Touch.
Groß war deswegen der Jubel in der Games-Industrie, als Computerspielen 2008 offiziell der Status eines Kulturgutes zuerkannt wurde und man den Bundesverband der Entwickler von Computerspielen „GAME“ in den deutschen Kulturrat aufnahm. Endlich sollte interaktive Unterhaltung gleichberechtigt stehen neben Filmen, Büchern, Theaterstücken und der Musik. Man rief einen Deutschen Computerspielpreis ins Leben, analog zum Deutschen Filmpreis, veranstaltete Kongresse und Tagungen. Computerspiele wurden sogar finanziell gefördert, auch um am wirtschaftlichen Boom der Branche teilhaben zu können.
Doch auf Augenhöhe mit anderen Medien sind Computerspiele heute trotzdem nicht. Die Filmförderung beträgt in einem Bundesland wie Bayern 28 Millionen Euro, die für Computerspiele 470.000 Euro. Der Computerspielpreis hat vor allem durch Querelen auf sich aufmerksam gemacht – meistens dann, wenn Spiele ausgezeichnet werden sollten, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. Computerspiele dürfen auch im Jahr 2012 nicht einfach nur künstlerisch wertvoll sein, sie müssen immer auch pädagogischen Ansprüchen genügen.
Auch andere Medien sind trashig oder brutal
Dabei ist es doch völlig klar, dass Computerspiele ein Kulturgut sind. Was sollen sie denn sonst sein? In vielen Fällen kann man sogar sagen: Computerspiele sind das Kulturgut schlechthin. Denn kein anderes Medium verbindet so gekonnt verschiedene Kunst- und Kulturformen wie das digitale Spiel. Titel wie GTA 4, Mass Effect oder Skyrim sind eine Mischung aus Film, Buch und Theater. Auch Musik kann eine große Rolle spielen, etwa bei GTA 4. Und über dieser Melange, für die eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten muss, spannt sich ein Netz aus Interaktionen und Regeln, die das Produzieren eines großen Computerspiels zu einer unglaublich aufwendigen und komplexen Angelegenheit macht.
Dass manche Spiele billig und pubertär daherkommen, mag sein, aber auch im Kino laufen nicht nur französische Kunstfilme, sondern ebenso „The fast and the Furious“ oder „Transformers“. Natürlich geht es in vielen Spielen recht gewalttätig zur Sache – allerdings ist das alles recht harmlos gegen das, was in der Nibelungensage geschrieben steht: Hier watet der Leser seitenweise durch Blut, und dennoch gehört der Heldenepos unbestritten zum deutschen Kulturkanon.
Warum also muss man immer noch darüber diskutieren, ob Computerspiele Kultur oder gar Kunst sein können? Ein Grund: die Zeit. Computerspiele sind ein junges Medium, gerade mal ein paar Jahrzehnte alt. Auch die Fotografie wurde lange als Pseudokunst angesehen, als billiger Abklatsch der Malerei. Oder nehmen wir Comics: Die erste, von der Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzte Schrift war ein Tarzan-Comic. Comics galten lange als sozial-ethisch desorientierend, als sprachzersetzend, als Schund, und keinesfalls als kulturell oder gar künstlerisch wertvoll.
Die Wertungsmanie der Computerspieljournalisten
Auch bei Computerspielen lösen sich die Klischees nur langsam auf, was aber nicht bloß an der Ignoranz des Feuilletons liegt. Computerspiele wurden lange Zeit als etwas rein Technisches betrachtet, und das hat die Rezeption beeinflusst. Fachzeitschriften schrieben über digitale Spiele, als handele es sich hierbei um Waschmaschinen. Die Spiele wurden in Einzelteile zerlegt und mit den Einzelteilen anderer Spiele verglichen, alles an einem Spielerlebnis wurde operationalisiert und in riesige Wertungskästen gekloppt. Ein Stück weit ist diese Vorgehensweise dem Medium sogar angemessen, denn vieles in Computerspielen lässt sich tatsächlich objektivieren. Allerdings führte diese Art der Berichterstattung zu einer Art von Hermetik, die den kulturellen Zugang zu digitalen Spielen erschwerte.
Die Voraussetzung, dass Games genauso als Kulturgut angesehen werden wie Filme, Bücher, Theater und Musik ist also zunächst einmal, dass anders über sie gesprochen wird. Dass weniger über Grafik als über Ästhetik gesprochen wird, weniger über die künstliche Intelligenz der Computergegner als darüber, welche politischen und gesellschaftlichen Botschaften das Spiel vermittelt. Ob Computerspiele besser sind, wenn sie von der Breite der Gesellschaft als kulturell wertvoll angesehen werden, steht auf einem anderen Blatt. Der deutsche Fußball ist im Zeitalter seiner Feuilletonisierung schöner geworden. Für den EM-Titel hat es aber dann doch nicht gereicht.
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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:
Kommunikationswissenschaftler: Spielen gehörte schon immer zur Gesellschaft dazu: Diskussion, ob Computerspiele ein Kulturgut sind (MP3)
Zukunft der Computerspiele: Christian Schiffer im Gespräch mit Achim Hahn: (MP3)
Medienpsychologe schreibt Spielen auch positive Wirkung zu: Peter Vorderer kritisiert Debatte über den Einfluss von Computerspielen als alarmistisch (MP3)
Schnick, Schnack, Netz: Computerspiele und das Internet, am Mikrofon: Benjamin Hammer
(MP3)















Wie Sie schon richtig sagen, gibt es bei der Bewertung und Wahrnehmung von Computer- und Videospielen in der Öffentlichkeit noch einige Ungereimtheiten. Doch warum ist das so? Warum wird Computer- und Videospielen verwehrt, was anderen Medien erlaubt ist?
Sind es die Geburtswehen eines neuen Mediums? Liegt es an der Interaktivität des Mediums, die es den Spielern erlaubt die beschriebenen Charaktere zu verkörpern und sie nicht nur passiv zu begleiten? Ich glaube, dass es auch an der Wahrnehmung, es handle sich bei Computer- und Videospielen hauptsächlich um ein Medium für Kinder und Jugendliche, festzumachen ist. Obwohl diese Aussage schon lange nicht mehr stimmt, verhindert sie, dass sich auf einer breiten Basis vorurteilsfrei über die Inhalte von Spielen unterhalten werden kann.
Die Diskussion, ob es an dem bisherigen Computerspieljournalismus liegt, wurde ja schon im letzten Jahr begonnen. Als Herausgeber der WASD haben Sie sich die Debatte ja zu Herzen genommen und ein weiteres Angebot kreiert, das sich mit Spielen aus einem anderen Blickwinkel beschäftigt. Auch wenn ich mich in der Debatte um “guten” oder “schlechten” Computerspieljournalismus einer Wertung enthalten möchte, kann ich die Erweiterung des Angebots durch Projekte wie die WASD nur begrüßen. Als Autor des EA-Blog für digitale Spielkultur (www.spielkultur.ea.de) freue ich mich über weitere Mitstreiter bei der Präsentation, Interpretation und kritischen Analyse von Themen rund um die Welt der Computer- und Videospiele.
Mit freundlichen Grüßen,
Martin Lorber
PR Director und Jugendschutzbeauftragter Electronic Arts
Das Problem liegt auch an der Selbstwahrnehmung der Spieler zu ihrem Medium und auch während des Spielens. Viele in meinem Bekanntenkreis denken, ich mache Witze wenn ich ihnen sage: “Ich beschäftige mich an der Uni mit Games Studies und versuche Computerspiele zu analysieren.” Aber sobald ich erkläre worum es geht und wie tiefgreifend man über die Materie nachdenken kann, empfinden sie eine regelrechte Aufwertung ihres Mediums und auch von sich als Spieler. Ich habe zum Beispiel Call of Duty Modern Warfare, als ein sehr kritisches Spiel wahrgenommen. Im Dialog mit anderen Spielern merke ich diese Reflexion aber nicht, sie sind ebenfalls oft überrascht welchen Tiefgang selbst diese “Ballerspiel” erfahren kann. Gerade weil die Computerspiele aus unseren Wohnzimmern nicht mehr wegzudenken sind muss einfach ein Umdenken im Umgang mit ihnen stattfinden. Grüße,Christoph Straßburg
Warum ist die Überschrift eine Frage? Hat jemals jemand ein Spiel wie Heavy Rain gespielt, der diese Frage stellt? Der Roman und der Spielfilm sind, und das ist nicht von der Hand zu weisen, Narrationskonzepte aus dem 20. Jahrhundert. Am Ende. Das Computer-Spiel als Narrationsmodell ist gerade erst im Entstehen. Das ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. HWS aka SNN aka itel
30 Jahre Pac-Man, inklusive Weltmeisterschaft 2007 auf der X-Box. Wer will da behaupten, das es außer Fußball nichts anderes gibt nur weil die Sportfanatiker die Massenmedien beherrschen. Die battle.net Server steuern allein in Europa täglich mindestens 50000 Multiplayerspiele. Bei Monopoly gehts auch nur darum den anderen (finanziell) zu ruinieren. Für kleine Kinder kann sowas auch eine “bleibende Negativerfahrung” sein. zumal Kinder dann von den Eltern genötigt werden das Spiel bis zum bitteren Ende durchzuspielen, was man am PC nicht tun muss. Während die “Kinder-Psyche” am Monopoly-Tisch vollständig ruiniert werden kann, kann man am PC den Ausschaltknopf drücken, wenn es einem zuviel wird.
[...] Christian Schiffer ist Herausgeber des neuen Spielemagazins WASD (für das ich einen Artikel über Civilization beisteuerte), arbeitet u.a. für den Zündfunk und sagt, Spiele werden nicht als Kulturgut gesehen, weil das Medium vergleichsweise jung ist, die Feuilletons ignorant und der deutsche Spielejournalismus zu technikfixiert. Seine Position hier. [...]
Toller Artikel . Danke.bekannt, dennoch wichtig.
[...] Christian Schiffer ist Herausgeber des neuen Spielemagazins WASD (für das ich einen Artikel über Civilization beisteuerte), arbeitet u.a. für den Zündfunk und sagt, Spiele werden nicht als Kulturgut gesehen, weil das Medium vergleichsweise jung ist, die Feuilletons ignorant und der deutsche Spielejournalismus zu technikfixiert. Seine Position hier. [...]
[...] Computerspiele als Kulturgut: http://diskurs.dradio.de/2012/07/04/computerspiele-als-kulturgut/ Chaosradio Express 162: [...]
Eigentlich muss man feststellen, dass das goldene Zeitalter der Computerspiele längst vorbei ist, weil heute keine besonders ausgefallenen Dinge mehr zu erwarten sind. In den 80er und 90er Jahren war der Commodore Amiga Computer der Spielecomputer schlechthin und alle möglichen Spielekonzepte wurden umgesetzt. Da die technischen Möglichkeiten begrenzt waren, ging die Programmierung eher in Denk- und Geschicklichkeitsspiel. Lemminge war ein Renner und Pushover (http www youtube com/watch?v=LzHPbo_ZPX0&feature=relmfu). Mit Microsoft Windows verschwanden kreative Spiele und es ging dann nur noch sekundär um Spiel und Spass, sondern um Verkaufszahlen. Wenn man viel Geld für minderwertige Software haben will, sind 3D-EGO-Shooter, welche vorangig an die niederen Instinkte des Verbrauchers appelieren die erste Wahl der Spielehersteller. Jede neue Version braucht noch mehr Grafikspeicher und noch mehr Prozessorleistung und es klingelt gar fürchterlich in den Kassen aller beteiligten Unternehmen. Da steht dann aber nicht Spiel, Spass und Zeitvertreib in netter Atmosphäre im Vordergrund, sondern die Angeberei wer denn den tollsten Grafik-PC mit dem tollsten Spiel hat. Als alle Computer einer Modellreihe (C= Amiga) die gleichen technischen Eigenschaften hatten, war niemand im unfairen Vorteil. Gewaltverherrlichende Spiele dienen eher der Imagepflege, wie häßlich das Image dann auch sein mag.