27.07.2012 | Wirtschaft

Professionelle Musiker: ein Auslaufmodell?

Viele Musiker empfinden die Digitalisierung als Bedrohung. Mit ihrer Kunst Geld zu verdienen, sei im Internet fast unmöglich. Marcel Weiß, Diplom-Kaufmann und Autor von neunetz.com, hält diese Befürchtung für unbegründet und nennt Möglichkeiten, wie kreative Kreative von ihrer Arbeit leben können.

Professionelle Musiker: ein Auslaufmodell? von Marcel Weiß

In der Bevölkerung herrscht ein weit verbreiteter Irrglaube über Einkommensquellen von Musikern: Dank unermüdlicher Lobbyarbeit der großen Tonträgerunternehmen in Gestalt ihres mit Chuzpe benannten Branchenverbands „Bundesverband Musikindustrie“ glauben viele Bürger, die Mehrzahl der professionellen Musiker hätte von dem Verkauf von Alben und Singles gelebt, bis das Internet das schleichende Ende der CD mitbrachte.

Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Selbst zur Hochzeit des Tonträgergeschäfts, als Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger die musikhörende Bevölkerung von Vinyl auf CD umstieg, konnte nur ein Teil der professionellen Musiker ausschließlich von ihren Musikverkäufen leben. Für den Rest waren Auftritte die wichtigste Einnahmequelle.

Dennoch brauch(t)en Musiker die Musikaufnahme: Sie bringt zusätzliches Geld und sie ist Werbung für den Musiker, für seine Konzerte und seine Musik. Und natürlich hat keine Band und keine Musikerin etwas dagegen, ein Album zu veröffentlichen. Ganz im Gegenteil.

Die Gretchenfrage der Finanzierung

Mit dem Rückgang der CD-Verkäufe stellt sich die Frage, wie professionelle Musikaufnahmen finanziert werden sollen. Eine offensichtliche Antwort sind Downloadverkäufe. iTunes ist zwar der bekannteste Musikshop im Netz, aber nicht der einzige: Seit geraumer Zeit bietet Amazon MP3s zum Kauf an. Google baut seinen Multimediashop Google Play aus, und Spartenshops wie Bleep und Beatport erledigen den Rest.

Wer den DIY-Weg geht, für den empfiehlt sich auch Bandcamp. Auf Bandcamp verkaufen Musiker Songs und Merchandise zu ihren Konditionen. Bandcamp bekommt 15 Prozent auf die Erlöse von Downloadverkäufen, und zehn Prozent bei physischen Gütern. Bandcamp wird auch von bekannteren Musikern wie Sufjan Stevens verwendet.

Neben Downloads werden Abodienste für Musiker immer wichtiger. Dienste wie Spotify, Simfy und Rdio kannibalisieren zwar zum Teil Musikverkäufe, aber das macht Filesharing auch. Der Unterschied liegt in den Beträgen, die Musikern bei On-Demand-Streaming ausgezahlt werden. In Schweden, dem Herkunftsland von Spotify, übernimmt Streaming laut einer Studie mittlerweile 89 Prozent der digitalen Musikeinkünfte und sorgte sogar für einen Anstieg der gesamten Einkünfte von 30,1 Prozent. Streaming führt also zu einem Rückgang des klassischen Verkaufs von Musik, aber die Einkommenszugewinne über Streaming scheinen das mehr als wett zu machen, sobald Streaming wie in Schweden eine kritische Masse erreicht.

Streaming als virales Marketing

Damit aber noch nicht genug. On-Demand-Streaming-Dienste wie Spotify oder Simfy bieten noch einen weiteren Vorteil für Musiker. Jeder dieser Dienste ist über Open Graph an Facebook angebunden. Wenn also ein Fan die Songs einer Band anhört, sehen die Facebook-Freunde das im Newsticker auf Facebook. Ein gesamtes angehörtes Album führt zu einem Newsfeedeintrag mit noch mehr Sichtbarkeit.

Spotify selbst bietet mit seiner sozialen Komponente, einem eigenen Ticker, verteilbaren Playlists, noch weit mehr, um die Verbreitung von Musik zu erleichtern. Wie Hörfunk früher sind On-Demand-Streaming-Dienste dadurch heute immer stärker auch Werbemittel für Musiker, weil sie ihre Reichweite vergrößern. Dieser Effekt wird mit der Verbreitung dieser Dienste noch sehr viel stärker zunehmen.

Die große Hoffnung: Crowdfunding

Und Reichweite, beziehungsweise Fans, kann jede Band gut gebrauchen. Wer eine Beziehung zu seinen Fans aufbaut, hat es heute leichter denn je, von der Musik leben zu können. Ein wichtiger Trend dabei ist Crowdfunding. Mit Crowdfunding können Fans die Aufnahmen von Alben und EPs oder die Kosten von Tourneen vorfinanzieren. Je nachdem, was sie ihrem Idol zu zahlen bereit sind, erhalten sie als Gegenleistung das Album, eine Nennung im Booklet oder ein Privatkonzert im Wohnzimmer. Die Grenzen liegen in der Fantasie der Musiker.

Die Grenzen auf der Finanzierungsseite wiederum scheinen noch lange nicht erreicht. Die erfolgreiche US-amerikanische Crowdfunding-Plattform Kickstarter hat in den letzten vier Jahren insgesamt 36 Millionen US-Dollar für Musikprojekte eingesammelt. Die Musikerin Amanda Palmer, über Twitter, Blog & Co. im ständigen Kontakt mit ihren Fans, konnte über Kickstarter für ihr Projekt sagenhafte 1,19 Millionen US-Dollar einsammeln.

Mit Sellaband und PledgeMusic gibt es bereits auf den Musikbereich spezialisierte Crowdfunding-Plattformen. Besonders PledgeMusic könnte aufzeigen, wo die Reise hingeht: Auf der Plattform können Fans Musikern folgen und so auch nach erfolgreicher Finanzierung eines Projekts genau dort auf dem Laufenden gehalten werden, wo sie vorher bereit waren, Geld zu investieren. Oder anders: Die Musiker bekommen auf PledgeMusic die Möglichkeit, mit ihren größten Fans, also denjenigen, die bereit sind, Projekte vorzufinanzieren, in Kontakt zu bleiben. Das könnte zu einer der größten tektonischen Verschiebungen im Musikgeschäft führen.

Pay what you want

Durch das Web sind auch kreative Geschäftsmodelle wie „Bezahl was du willst“ tragfähig geworden. Radiohead haben 2008 mit ihrem Album „In Rainbows“ erfolgreich mit diesem Modell experimentiert. Insgesamt wurde das Album in verschiedenen Editionen drei Millionen Mal verkauft. Im Vergleich dazu verkauften sich die vorherigen Alben jeweils im niedrigen sechsstelligen Bereich. Das war natürlich ein Sonderfall: Radiohead sind eine bekannte Band und das Experiment hat für Aufsehen gesorgt.

Aber selbst ohne die Publicity für ein Experiment ist „Bezahl was du willst“ oft ein erfolgreicheres Herangehen als stupider Downloadverkauf über iTunes. Zum Beispiel der Jazzmusiker Jason Parker: Er wechselte vom simplen Musikverkauf zu einem Modell, bei dem die Fans selbst entscheiden, was ihnen die Musik wert ist. Seine Einnahmen sind von 15 US-Dollar pro Monat auf 300 US-Dollar pro Monat angewachsen. Das zeigt, dass es nicht um eine netzaffine Zielgruppe geht, wenn neue Modelle erfolgreich eingesetzt werden sollen. Parker kann auch von 300 US-Dollar im Monat nicht leben. Aber wichtig ist, dass es wesentlich mehr als die zuvor verdienten 15 US-Dollar sind.

Entscheidend ist letztlich, dass die Möglichkeiten für Musiker, Geld zu verdienen, enorm angewachsen sind. Manche dieser Möglichkeiten sind mit mehr Arbeit seitens der Musiker verbunden, manche mit weniger. Nicht jeder Weg funktioniert für jeden Musiker gleich gut. Deshalb ist auch beim Geld verdienen als Kreativer mehr denn je Kreativität gefragt.

 

Der Diplom-Kaufmann Marcel Weiß analysiert auf neunetz.com die Entwicklung der Internetwirtschaft und schreibt bei neumusik.com über das digitale Musikbusiness.

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