Big Brother is Still Watching You

Städte wie London oder New York sind schon in der Zukunft angekommen. Der perfekte Schutz aller Bürger ist bereits Realität. Videokameras kontrollieren den öffentlichen Stadtraum. Jeder Fußtritt kann verfolgt werden. Aber die gut Geschützten reagieren mit Angst.

Stephan Humer, Soziologe und Forschungsleiter im Bereich Internetsoziologie an der Universität der Künste, über Anachronismen der Sicherheitsforschung in Zeiten enteilender Technologien. 

Big Brother is Still Watching You. Digitale Sicherheitspolitik: Weit mehr als nur Technik von Stephan Humer

Wir merken es längst: die Digitalisierung macht vor der Sicherheitspolitik nicht halt. Videoüberwachung mag dafür ein, wenn nicht gar das Beispiel schlechthin sein, bekanntgeworden vor allem durch die notorischen Auswüchse in Großbritannien. Doch wenn die Digitalisierung die Sicherheit revolutioniert, geschieht dies nicht nur in technischer Hinsicht. Digitale Sicherheitspolitik führt nicht nur zu neuen Videokameras, Drohnen, Trojanern und Viren, sondern auch zu sozialwissenschaftlichen Fragestellungen, die mindestens dieselbe Relevanz haben dürften, jedoch in der Regel deutlich schwächer beleuchtet werden. Im Vordergrund stehen zwar meist technische Phänomene wie Hackerangriffe, Kreditkartenbetrug und der Tausch von Kinderpornographie. Auf einem polizeilichen Forschungssymposium wurde vor kurzem jedoch völlig zu Recht darauf hingewiesen, daß hinter Technik letztlich immer Menschen stecken und deshalb nicht nur Hard- und Software im Mittelpunkt digitaler Sicherheitspolitik stehen sollten. So verständlich es ist, sich zuerst auf die unmittelbar sichtbaren technischen Artefakte von Digitalisierung zu konzentrieren: es kann nur ein Teil eines transdisziplinären Gesamtkonzeptes sein.

“Technikentwicklung allein ist nicht ausreichend”

Nukleus des technischen Wandels in der Sicherheitspolitik ist die Forschung, weshalb sowohl Bund und Länder als auch die Europäische Union viele Millionen Euro in die Sicherheitsforschung investieren, z.B. in Form der Hightech-Strategie der Bundesregierung oder des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms. Inzwischen wird, wie bereits erwähnt, verstärkt dem Gedanken Rechnung getragen, daß (digitale) Technikentwicklung allein nicht ausreichend ist, weshalb zum Beispiel die zivile Sicherheitsforschung des Bundesforschungsministeriums explizit eine projektinterne sozialwissenschaftliche Begleitforschung einfordert. Reinhard Rupprecht, ehemaliger Leiter der Abteilung Innere Sicherheit im Bundesinnenministerium, erkannte hierbei neben den zwei juristischen Säulen Kriminalitätsursachen- und Rechtstatsachenforschung drei genuin sozialwissenschaftliche Säulen, auf die die Sicherheitsforschung zu stützen ist: Technikfolgenabschätzung, Akzeptanzfolgen und das Verhältnis Mensch – Maschine.

Die Analyse des Verhältnisses Mensch – Maschine

Gerade in Hinblick auf die Herausforderungen, die die Digitalisierung im Allgemeinen und die digitale Sicherheitsforschung im Besonderen mitbringen, ist es wichtig zu betonen, daß sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung in der Tat nicht nur auf einer Säule ruht, sondern weit mehr umfaßt. Es geht nicht nur um Technikfolgenabschätzung, weil deren gängige Prozesse und Projekte vorrangig einzelne Phänomene in den Vordergrund gerückt und so zu wenig zu einer allgemeinen Digitalisierungstheorie- und gesellschaftlichen Rahmenkonzeptentwicklung beigetragen haben. Wo klassische sozialwissenschaftliche Theorien jedoch an ihre Grenzen stoßen, wird es Zeit für neue Lösungen – nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch und ganz besonders für die Bürgerinnen und Bürger, die davon maßgeblich betroffen sind. Zudem sollen die Folgen nicht nur beobachtet und protokolliert, sondern durch die Beteiligten und Betroffenen idealerweise mitgestaltet werden – was unter Umständen sogar eine Einbeziehung in den Forschungsprozeß erfordert. Es geht deshalb auch nicht nur um Akzeptanzforschung, weil dieser ein zu enger Blick auf die Dinge innewohnt: Menschen sollen Technik wie gesagt nicht nur akzeptieren oder gar erdulden, sondern ermächtigt werden, Digitalisierung zu gestalten, individuell wie kollektiv. Sie nur dort „abzuholen, wo sie stehen“, das ist viel zu kurz gedacht – es braucht digitale Literalität, welche aufgrund der epochalen Herausforderungen schlicht unverzichtbar erscheint. Mindestens genauso wichtig wie diese beiden Säulen, vielleicht sogar entscheidend für den Erfolg digitaler Sicherheitsforschung ist allerdings – wie Rupprecht es nennt – die Analyse des Verhältnisses Mensch – Maschine. Diese widmet sich intensiv dem Wechselspiel von Digitalisierung und Sozialität, geht über Trendanalysen und Szenarioentwicklungen hinaus und versucht zudem, die induktive Lücke zu schließen. Sie bietet gleichermaßen Raum für Innovation und Exploration, thematisiert langfristige Aspekte und dürfte entscheidend verdeutlichen, wie sich Mensch und Digitalität gegenseitig beeinflussen, und zwar nicht nur transdisziplinär, sondern auch gegenüber der Öffentlichkeit. Die Möglichkeiten der sozialwissenschaftlichen Sicherheitsforschung können so effizienter (und damit letztlich besser) genutzt werden als es vielen bekannt sein dürfte.

“Auf dem Niveau des digitalen Radiergummis”

Es gibt also durchaus Spielraum für Verbesserungen, welcher mit einer transdisziplinären Verwebung aller wichtigen Säulen beginnt. Desweiteren ist anzumerken, daß die Projektbudgets für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung gemessen an ihrer Bedeutung für die Gestaltung einer digitalisierten Gesellschaft, welche vernunftorientiert und ausgewogen mit Freiheit und Sicherheit umgeht, grundsätzlich eher zu niedrig bemessen sind. Solange der Wissensstand gerade der Politik und zahlreicher Entscheider jedoch auf dem Niveau eines „digitalen Radiergummis“ angesiedelt ist, dürfte sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit umfangreicherer digitaler Sozialforschung gar nicht erst stellen. Daß Open Access und sogar Open Science ein Standardvorgehen sein sollten, versteht sich eigentlich von selbst. Dies ist nicht nur für den Forschungsprozeß ganz grundsätzlich förderlich, sondern sollte bei der Verwendung von öffentlichen Geldern längst der übliche Weg sein. Schließlich hilft es auch dabei, die vorrangig Betroffenen, nämlich die Bürgerinnen und Bürger, umfassend zu informieren. Am besten wäre es jedoch, die Bürgerinnen und Bürger würden ihren politischen Gestaltungsspielraum selbst intensiver nutzen und so die sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung in ihrer Rolle als gesellschaftswissenschaftlicher Fels in der Brandung stärken. Dies kann zum Beispiel ganz konkret durch die öffentliche Online-Konsultation zur Sicherheitsforschung des neuen EU-Rahmenforschungsprogramms „Horizon2020“ geschehen, aber ebenso durch eine vernunftorientierte Diskussion mit Politikern, Entscheidungsträgern und Wissenschaftlern.

“Eine pauschale Ablehnung ist keineswegs hilfreich”

Eine pauschale Ablehnung von ziviler (und militärischer) Sicherheitsforschung ist hingegen keineswegs hilfreich, da sie vor allem dazu führt, daß im Zweifel Maßnahmen von politischer Seite ergriffen werden, welche wohl nur schlechter sein können als solche mit einer objektiven sozialwissenschaftlichen Begleitforschung. Konkrete Projekte wie das „Domain Awareness System“ der Polizei von New York City bestätigen dies eindrucksvoll: Bürgermeister Michael Bloomberg lobte das System in den höchsten Tönen, welches mithilfe von 3000 Kameras, Dutzenden Nummernschildscannern und Strahlungssensoren im ganzen Stadtgebiet nicht nur Terrorverdächtige, sondern eben auch Alltagskriminalität ausfindig machen soll. Entwickelt haben das System Polizisten, Ermittler und Programmierer – von Sozialwissenschaftlern und Datenschützern hingegen keine Spur. Überwachen und Strafen stehen somit unverhohlen im Vordergrund. Dasselbe gilt für TrapWire, eine Software, die auffälliges (terroristisches) Verhalten im Vorfeld einer Tat z.B. durch die Analyse von Bewegungsmustern und verschiedenster Datensätze ausfindig machen soll. Auch diese Software wird in den USA bereits an zahlreichen Orten eingesetzt und sorgt nicht nur aufgrund ihres Pre-Crime-Ansatzes, sondern auch aufgrund ihres systemimmanenten Datenhungers für etliche offene Fragen.

Daß die Digitalisierung weiter massive Auswirkungen auf Sicherheit, Überwachung und Kontrolle haben wird und ebenso massive Veränderungen der Gesellschaft die Folge sein werden, dürfte außer Frage stehen. Die entscheidende Frage ist, ob man Fundamentalopposition betreibt – oder vernünftig mitgestaltet. An der sozialwissenschaftlichen Sicherheitsforschung dürfte eine ganzheitliche Gestaltung von Digitalisierung mit einer sinnvollen Balance von Freiheit und Sicherheit auf jeden Fall nicht scheitern, soviel steht fest.

 

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