12.09.2012 | Journalismus

Die Zukunft der Nachrichten

Unrat von Substantiellem zu trennen, das ist die Hauptaufgabe einer Nachrichtenredaktion. Aber wie kann das Relevante in Zeiten der Informationsflut erkannt werden? Thomas Hinrichs, zweiter Chefredakteur von ARD aktuell, über die Tagesschau im digitalen Zeitalter.

 

Die Zukunft der Nachrichten von Thomas Hinrichs

 

Wer die Frage nach der Zukunft der Nachrichten stellt, kommt sehr schnell zu der Erkenntnis, dass das Entscheidende an dieser Fragestellung nicht die Nachrichten-Zukunft als solche ist. Die wird es geben, so oder so. Kern der Frage ist, welche Nachrichten es sein werden, die die Zuschauer, Zuhörer und User sehen, hören und lesen wollen. Es ist ein Irrglaube, dass es die vielen Begebenheiten, die als Nachrichten verkleidet in die Welt posaunt werden, in den vermeintlich guten alten Zeiten nicht gegeben hat. B-Promis haben auch früher an C-Events teilgenommen, nur haben sie Fotos ihrer Sektfrühstücke nicht gepostet. Wenn aber mit so einem Post in einem geeigneten journalistischen Format Publikum gewonnen werden kann, so ist das zunächst weder verwerflich noch zu beklagen. Es ist ein neues, ein wachsendes Geschäft. In einer Marktwirtschaft sollte man darüber nicht jammern, jeder hat das Recht auf seine Façon. Die Konsequenz, die daraus für Nachrichtenmacher solider Schule folgt, lautet: Facebook und Twitter haben die Welt für Journalisten nicht anders gemacht, nur mühsamer. Man muss noch mehr Urteile treffen, sortieren und auswählen. Und genau da liegt die Zukunft der Nachrichten. Die Mühsal der Arbeit, die Intensität der intellektuellen Auseinandersetzung, die zugrunde liegende Erfahrung und Klugheit der journalistischen Befassung trennt die Spreu vom Weizen. Die Tagesschau und die Tagesthemen wollen Weizen sein, um im Bild zu bleiben. Und sie sind dabei erfreulicherweise nicht allein.  Deswegen wird die Zukunft der relevanten Nachrichten eine noch glänzendere sein. Fatalistisch betrachtet, gehe ich so weit zu behaupten, dass die Zeitverschwendung mit Unwichtigem den Stärken seriöser Nachrichtenmacher sogar entgegenkommt. Die Zeit wird knapper für politisch Relevantes. Das wiederum bedeutet, dass die Attribute Zuverlässigkeit, Schnörkellosigkeit und Prägnanz noch wichtiger werden. Das erklärt auch den phänomenalen Erfolg der Tagesschau-App, deren Nutzer ein Durchschnittsalter von 35 Jahren haben. Wohlgemerkt: Mit denselben Nachrichten, die auch in der Tagesschau um 20 Uhr im linearen Fernsehen laufen. Ohne Buntes, Schrilles oder Lustiges.

Nachrichten als Ware?

Ob Nachrichten Nachrichten sind, kommt darauf an, welchen Zweck sie erfüllen sollen. Wenn auch Nachrichten dem Audience Flow dienen müssen, als Content eine Ware darstellen, die billig herangeschafft und massentauglich „veredelt“ und weiterverbreitet werden muss, dann ist das eine Nachricht, was am meisten Aufmerksamkeit generiert. Es gibt Tage, da ist das die Hochzeit einer Prinzessin. An solchen Tagen macht es die Tagesschau nach dieser Lesart mit Vorsatz falsch. Wenn dagegen Nachrichten den Zweck haben, Menschen zu informieren, die den Staat am Laufen halten; wenn Nachrichten Fakten beinhalten, die man wissen muss, um eine Gesellschaft zu gestalten; wenn Nachrichten dazu dienen sollen, eine gemeinsame Informationsbasis zu schaffen, die es ermöglicht, staatliches Handeln zu verstehen – dann ist man dort, wo die Tagesschau vor 60 Jahren war und wo sie heute immer noch steht. Die Kommunalpolitikerin, der Erzieher, die Jugendtrainerin, der Ehrenamtliche, die Beamtin, der Kirchenvorstand, die Ärztin ohne Grenzen, der aktive Wähler und die Bundestagsabgeordnete – diese Menschen bestimmen die Relevanz einer Nachricht. Was sie wissen müssen, um ihre Arbeit zu tun, ist relevant. Das ist nicht immer spannend und schon gar nicht spektakulär, aber es erfüllt den geschilderten Zweck.

Crowdsourcing ist Pflicht

Woher diese Nachrichten kommen, ist zunächst einmal egal. Das ist eine schmerzhafte Erkenntnis für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der ein kostbares, weltweit einzigartiges Korrespondentennetz unterhält. Zwingend wichtig ist in Zeiten von Smartphones und Filetransfer nicht mehr unbedingt der Ursprung. Wichtig ist, ob die Nachricht relevant ist. Wenn sie relevant ist, ist noch wichtiger, ob sie wahr ist. Ist sie nicht wahr, ist die Arbeit beendet. Und da ist man als Verantwortlicher dann wieder sehr froh, dass überall auf der Welt ARD-Mitarbeiter sitzen, die recherchieren und verifizieren und ihre journalistische Arbeit verrichten. Diese Arbeit entscheidet immer noch und letztendlich darüber, ob eine Nachricht in die Tagesschau kommt. Nichts ist wichtiger als Verlässlichkeit, gerade in diesen Zeiten mit ihren neuen Möglichkeiten. Neben den selbstredend relevanten Nachrichten, die unsere eigenen Studios produzieren, führt kein Weg daran vorbei, sich in die Nachrichtenlawine zu stellen und Unrat von Substantiellem zu trennen. Trotz einer exzellenten Infrastruktur wäre es daher aus Sicht der ARD kurzsichtig und unsinnig, Crowdsourcing zu verteufeln, nur weil es uns den alten Vorsprung erhalten würde. Nein, Crowdsourcing ist ein allen zur Verfügung stehendes, neues Mittel der Informationsbeschaffung. Es kann das Dessert eines Promis in einem Facebook-Eintrag auftauchen; es kann aber auch der Beginn des Angriffs auf Osama bin Laden getwittert werden. Wer davon nichts mitkriegt oder nicht zu unterscheiden weiß, der verliert. Der hat keine Zukunft. Deswegen hat ARD-aktuell eigene Redakteure geschult, um systematisch die sozialen Medien zu durchforsten. Es gehört dabei zu den mühsamsten Aufgaben, einen Videoschnipsel aus Aleppo in  Syrien zu verifizieren und einzuordnen. Oftmals sind Aktivisten am Werk, manchmal auch Lügner, aber wenn es Anzeichen auf ein Massaker gibt, dann können wir nicht die Hände in den Schoß legen. Dann beginnt das uralte Geschäft des Journalisten alter Schule. Er muss alle zur Verfügung stehenden Mittel, auch die modernsten, einsetzen, um die Wahrheit herauszufinden.

Am Ende des Tages bleiben uns 15 Minuten, um das Relevanteste des Tages in die Tagesschau zu packen. Und bei aller aufgeblasenen Wichtigkeit der Nachrichtenlage machen wir in Hamburg zuweilen die Erfahrung, dass die Viertelstunde um 20 Uhr locker ausreicht. Die Erkenntnis ist bitter fürs Geschäft, aber sehr beruhigend für die Zukunft der Nachrichten.

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