27.09.2012 | Internet & Journalismus

Die Nachrichten 2020

Nachrichten haben sich schon immer verändert. Doch niemals so schnell wie in den letzten zehn Jahren. Sechs Nachrichtenredakteure des Deutschlandradio stellen sich die Frage, wie die Nachrichten in den kommenden zehn Jahren aussehen werden.

Stephanie Lob vergleicht die Nachrichten der Zukunft  mit einem Buffet. Thorsten Funke überlegt sich, weshalb das Radio auch noch in zehn weiteren Jahren weiterleben wird und Francisca Zecher will internationaler informiert werden. Jörg-Christian Schillmöller sieht den Journalismus von heute eher als Baustelle – mit Fertigstellung 2020. Tanja Köhler weiß, dass Social Media alte Medien nicht verdrängen kann und Marco Bertolaso, Leiter der zentralen Nachrichtenredaktion, klärt auf, dass Nachrichtenredakteure am meisten Humor haben – und dass sich das die nächsten Jahre nicht ändern wird.

 

Trüffelschweine von Stephanie Lob

Nichts ist älter als die Nachricht von gestern. Das gilt auch für die Nachrichten insgesamt. In den vergangenen zehn Jahren hat die Branche einen enormen Wandel erlebt, dem sich auch die Leitmedien nicht entziehen können. Das Internet hat zu einer Schwindel erregenden Beschleunigung geführt. Zudem hat es neue Quellen erschlossen, siehe WikiLeaks oder die Plagiate-Webseiten. Aber auch die Themen haben sich geändert. Beispiel: Im Juni 2009 macht die Tagesschau mit dem Tod von Michael Jackson auf. Als Journalistenschüler hätten wir das zehn Jahre zuvor für undenkbar gehalten. Und wäre eine Geschichte über die fehlerhafte Dissertation eines Spitzenpolitikers zu Zeiten Helmut Kohls jemals möglich gewesen?

Ebenso wenig wie einen verbindlichen Kanon der Literatur oder der Musik kann es heute noch den Kanon relevanter Nachrichten geben. Denn durch das Internet und soziale Medien verlieren Autoritäten zunehmend ihren Nimbus. Das gilt nicht nur für Politiker und Wirtschaftsleute, sondern vor allem auch für die Journalisten selbst. Heute kann jeder jedes kommentieren, und jeder ist auf irgendeinem Gebiet ein Experte. Natürlich müssen Journalisten weiterhin die Spreu vom Weizen trennen und dabei ihr Fachwissen einbringen -  aber sie können nicht erwarten, dass jeder Hörer, Zuschauer oder Leser ihre Auswahl gutheißt, nur weil sie in einem namhaften Medium erscheint. Stichwort News on Demand: Die Nachrichten der Zukunft muss man sich als großes Buffet vorstellen, von dem sich jeder das nehmen kann, was ihm am meisten zusagt. Tröstlich für die Journalisten: Ihnen kommt dabei immerhin die Rolle der Trüffelschweine zu.

Stephanie Lob war zehn Jahre lang für die Agentur Agence France-Presse (AFP) in Berlin und Brüssel tätig und arbeitet seit Januar 2011 als Nachrichtenredakteurin des Deutschlandfunks/Deutschlandradios.

 

Kuratoren von Thorsten Funke

Das letzte Mal, dass ich im Radio oder im Fernsehen eine Neuigkeit erfahren habe, ist schon ziemlich lange her. Von der Zeitung wollen wir gar nicht erst reden. Dennoch halte ich allen drei old school-Medien die Treue. Mehrere Zeitungsabos, ein Küchenradio und die einigermaßen regelmäßige Andacht vor der Tagesschau zeugen davon. Wenn alle Menschen solche News-Junkies wären wie der gemeine Nachrichtenredakteur, unser Berufsstand müsste sich wohl keine Sorgen machen.

Doch leider lesen nur noch wenige Nicht-Journalisten aus meinem Umfeld Zeitung, und wenn mich jemand auf etwas Interessantes hinweist, ist es eher ein Link ins Internet als eine Radio- oder Fernsehsendung. Da ich selbst  jeden Morgen noch vor dem Zähneputzen auf das Smartphone schaue, um mich auf den neuesten Stand zu bringen, kann ich mich darüber kaum beklagen.

Aber was, wenn das alle so machen?

Ein Freund, so ziemlich der online-affinste Mensch, den ich kenne, outet sich auf meine (natürlich per Twitter gestellte) Frage als Hörer der so betont altmodischen Deutschlandfunk-Nachrichten: Er lobt die “kuratierende Leistung” der Redakteure und fährt fort: “Erster Handgriff: Espressomaschine. Zweiter: Radio. Mich auf den Tag vorzubereiten, während ich dusche, meiner Tochter Frühstück mache – das kann mir keine Website und kein Social-Media-Aggregator ersetzen.” Ich twittere ein geschmeicheltes und ein wenig beruhigtes Dankeschön zurück. Und zweifle dennoch weiter: Ob die kleine Tochter, für die das Radio am Morgen bisher nur Geräuschkulisse mit zu wenig (und dann langweiliger) Musik ist, als Erwachsene der Begeisterung ihres Vaters folgen wird?

Es spricht nichts dagegen. Vielleicht sind Journalisten nicht mehr die schnellsten Verkünder einer Nachricht. Aber sie sind die einzigen, die mit (genug?) Zeit und Manpower an die Aufgabe gehen, die Quellen zu sichten, zu verifizieren und zu sortieren. Das Internet hat, was die Beschaffung von Informationen angeht, paradiesische Zustände geschaffen. Leider gibt es nur wenige Redaktionen in Deutschland, die darauf eingestellt sind, diese Vielfalt zu nutzen. Das liegt nach meiner Überzeugung nicht an der angeblichen Technikfeindlichkeit des Berufsstandes. Im Gegenteil. Ein Journalist freut sich über mehr Quellen, immer. (Er freut sich allerdings nicht über mehr Pressemitteilungen, die sich notdürftig als Facebook-Eintrag tarnen, und auch nicht über mehr der schon tausend Mal gehörten politischen Standardreaktionen auf die letzte durchs Dorf gejagte, ich bitte um Entschuldigung, Sau.)

Wenn der Hörer die ganze Welt stets bei sich trägt, müssen Nachrichten ihren Blick noch weiter für die ganze Welt öffnen. Nicht als unsortierten Stream, sondern in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Das ist so ziemlich die gleiche Arbeit wie früher. Nur mehr davon.

“Wenn man nachts um halb zwei”, sagte Bundesumweltminister Peter Altmaier neulich “irgendeinen Tweet losschickt, muss man damit rechnen, dass er morgens um sechs schon in den Deutschlandfunk-Nachrichten ist.” Allerdings. Aber, Herr Minister, mit “irgendeinem Tweet” funktioniert das natürlich nicht!

Thorsten Funke hat bei der Zeitung gelernt, macht seit 2005 Nachrichten im Deutschlandfunk/Deutschlandradio und twittert seit 2008 unter @tfunke.

 

Relevanz von Francisca Zecher 

Nachrichten im Jahr 2020 – was ich mir davon erwarte? Dafür, dass es bis dahin nur noch acht Jahre sind, eine ganze Menge. Ich will internationaler informiert werden. Also nicht nur erfahren, was in Europa, den USA, und vielleicht noch in China passiert, sondern auch, was in Lateinamerika, Afrika, Ozeanien und dem Rest von Asien vor sich geht.  Und auch, wenn das Nachrichtengeschäft ein ernsthaftes ist: Mich interessieren auch die abseitigen, erzählenswerten Geschichten. Natürlich kann ich das alles auch heute schon haben. Dafür muss ich es mir aber selbst im Netz zusammensuchen. Ergebnis: Entweder ich habe das Gefühl, überschwemmt zu werden oder anderes verpasst zu haben.

Die Nachrichten 2020 bündeln die wichtigen aber auch die erzählenswerten Themen für mich auf einer Plattform, die ich jederzeit und überall abrufen kann. Sie liefern mir Links zu weiteren Informationen und geben mir die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu diskutieren – und das alles so gut strukturiert, dass ich nicht den Überblick verliere.

Was dann mit meinem Zeitungsabonnement passiert? Ich werde es vermutlich trotzdem behalten!

Francisca Zecher ist in den Zentralen Nachrichten und dort derzeit vornehmlich zuständig für die Welt- und Wissensnachrichten von „DRadio Wissen“.

 

Probebohrungen von Jörg-Christian Schillmöller 

Alles in einem Programm: Die Nachrichtenagenturen, die Korrespondentenberichte, die Sozialen Netzwerke, die Crowdsourcer und die Leitmedien – sprich: all unsere Quellen übersichtlich, zuverlässig, aktuell, international, umfassend. Ein Traum, wenn wir es schaffen könnten, von jedem das Glaubwürdige zu finden, mit ein wenig Zeit zum Gegenchecken. Smart News – zügig und vertrauenswürdig rund um die Uhr. Was derzeit noch eine große Baustelle mit vielen Probebohrungen ist, könnte im Jahr 2020 zusammenpassen.

Jörg-Christian Schillmöller, Nachrichtenredakteur beim Deutschlandfunk/Deutschlandradio seit 2001, zahlreiche Reporterreisen, momentan mit Schwerpunkt Iran.

 

Die Zukunft der Nachrichten – sie hat bereits begonnen von Tanja Köhler

„Oft ist die Zukunft schon da, ehe wir ihr gewachsen sind“, schrieb einst der Literaturnobelpreisträger John Steinbeck. Fast könnte man meinen, der Schriftsteller habe damit das Dilemma moderner Nachrichtenredaktionen beschrieben. Wer sich mit der Zukunft der Nachrichten im digitalen Zeitalter beschäftigt, wird schnell feststellen: sie hat bereits begonnen. Es zählt jedoch zu den großen Herausforderungen des Nachrichtenjournalismus unserer Zeit, diese zu meistern.

Umgang mit sozialen Medien gehört bereits zum journalistischen Handwerk

Rund 7.000 Agenturmeldungen erreichen Nachrichtenredaktionen heute pro Tag. Hinzu kommen unzählige Informationen, die über Twitter, Facebook & Co. verbreitet werden. Das digitale Zeitalter hat zu einer schier unüberschaubaren Flut von Informationen geführt, die gesichtet, bewertet und selektiert werden muss. Durch diese zunehmende Differenzierung des Informationsangebotes und der Informationssuche ist die Arbeit von Nachrichtenjournalisten kleinteiliger, komplexer und anspruchsvoller geworden. Zum journalistischen Handwerk zählt bereits heute (und künftig in noch stärkerem Maße) der Umgang mit sozialen Medien. Wie kann Crowdsourcing in Arbeitsabläufe integriert werden, welche Twitter- und Facebook-Accounts, welche Web-Plattformen und -Werkzeuge sind für die redaktionelle Tätigkeit wichtig – oder unwichtig? Mit diesen und anderen Fragen müssen sich Journalisten und Redaktionen auseinandersetzen, um den Anschluss an das digitale Zeitalter nicht zu verlieren. Doch die Realität sieht oft anders aus: So gab beispielsweise in der Umfrage „Recherche 2012“ (Link zur Slideshow) von news aktuell von mehr als 1.400 befragten Journalisten fast ein Drittel an, nie aktiv nach Inhalten auf Social Media-Plattformen zu recherchieren.

Und die Studie „Twitter und Journalismus“, die am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster durchgeführt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass in den Redaktionen die Kompetenz der Journalisten im Umgang mit sozialen Medien wie Twitter bezweifelt wird.

Wer in einem Meer aus Informationen schwimmt, darf darin nicht untergehen

Soziale Medien sind keine Heilsbringer für die moderne Nachrichtenberichterstattung. Sie können die Berichterstattung unterstützen, ergänzen und beschleunigen. Die traditionellen journalistischen Aufgaben aber werden durch das digitale Zeitalter nicht verdrängt, im Gegenteil. Wer in einem Meer aus Informationen schwimmt, darf darin nicht untergehen. Informationen zu recherchieren, einzuordnen, zu gewichten und zu verifizieren ist heute noch genauso wichtig wie früher. Gewachsen ist dagegen der Zeitdruck, unter dem Unwichtiges von Relevantem, Falsches von Richtigem getrennt werden muss. Geschwindigkeit hat sich im digitalen Zeitalter zum Januskopf des Nachrichtenwesens entwickelt. Die zunehmend schnellere Informationsverbreitung erleichtert unter anderem die Themengenerierung und -recherche. Sie verleitet aber mitunter auch (seriöse) Redaktionen zu überstürzten Veröffentlichungen. Falschmeldungen zu verhindern, ist durch die zunehmende Informationsflut, den gestiegenen Zeitdruck und die Beschleunigung der Berichterstattung schwieriger geworden. Diesem Risiko kann nur durch seriöses Arbeiten begegnet werden. Die Einhaltung journalistischer Standards wird daher auch künftig eine bedeutende Rolle spielen – nur durch sie entstehen qualitativ hochwertige und glaubwürdige Nachrichten. Gründlichkeit, Genauigkeit und Wahrhaftigkeit werden daher auch in Zukunft seriöse Nachrichten auszeichnen.

Seriöse Berichterstattung ist auch eine Frage von Ressourcen

Deshalb ist seriöse Berichterstattung, die soziale Medien mit einbezieht, auch eine Frage von Ressourcen. Die Digitalisierung erzeugt zwar ein immer größer werdendes Informationsangebot. Gleichzeitig aber wird in vielen Rundfunkanstalten und Verlagen durch Kosten- und Konkurrenzdruck Personal abgebaut. Trotzdem soll und muss die Nachrichtenqualität gehalten werden. Das digitale Zeitalter wird nicht dazu führen, dass Journalisten – wie oft prophezeit wird – überflüssig werden. Im Gegenteil. In einer Zeit, in der jeder alles publizieren kann und Informationen für den Einzelnen mitunter schwer nachprüfbar werden, wächst der Stellenwert von seriösem Nachrichtenjournalismus. Und diesen gibt es nicht zum Nulltarif. Die Zukunft der Nachrichten, sie hat bereits begonnen. Nun geht es darum, sie auch zu meistern.

Tanja Köhler hat sich über Krisenkommunikation im Internet promoviert und arbeitet als Redakteurin in der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks/Deutschlandradios.

 

Humor von Marco Bertolaso

Darf ich das Thema etwas enger fassen, im Sinne von “Wie sehen öffentlich-rechtliche Nachrichten 2020 aus, insbesondere die unseren”? Das Wichtigste zuerst: auch unsere Sendungen können unterhaltsam sein. Wenn es passt und gelingt, freuen wir uns sehr. Nachrichtenleute sind selten trockene Gestalten, sondern meist humorvoller und ironischer als der Rest der Redaktion. Unterhaltung ist jedoch nicht unser Ziel. Unser Auftrag ist, einen kleinen Beitrag zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu leisten – und zu mancherlei mehr, das man im Grundgesetz findet oder in unserem Staatsvertrag. Hört sich für viele langweilig an und führt zu der Frage: kann das noch funktionieren in einer digitalen Welt, in der Informationsüberfluss, personalisierter Zugang und der Spaßfaktor immer prägender werden? Und ob, lautet die  klare Antwort. Der Bedarf an verlässlicher Information über das Wesentliche war schon im Neandertal groß. Er wird noch bis in alle Ewigkeit eine Konstante bleiben, wenig ist sicherer auf dieser Erde. Folglich werden wir auch im Jahr 2020 mit aller Kraft versuchen, umfassend und zutreffend zu berichten, aber auch kritisch, unabhängig und verständlich. Unsere Nachrichten, Hintergründe und Einordnungen werden sich daher nicht nur behaupten, sondern an Bedeutung gewinnen. Es gibt allerdings zwei Bedingungen: wir dürfen den Anschluss an die Veränderungen bei den Informationsquellen, den Vertriebsformen und den Kommunikationsgewohnheiten nicht verpassen. Und wird dürfen auf keinen Fall  vergessen, dass Information kein Frontalunterricht mehr ist. Die Hörer/User/Leser wollen nicht immer, aber immer wieder einmal einbezogen werden. Das tut nebenbei gar nicht weh. Außerdem können Journalisten von der Kundschaft viel lernen. Fazit: auch 2020 und folgende wird es unsere Nachrichten im Radio geben, aber ebenso auf digitalen Plattformen, in sozialen Medien und an Orten, an die wir heute noch gar nicht denken. Wir werden unsere Arbeit zur Diskussion stellen und das Wissen der Menschen draußen einbeziehen. Nach wie vor wird es jedoch um die wichtigen Dinge gehen. Sie wissen schon, Grundgesetz und so weiter, auch wenn das sich manchmal etwas trocken anhört…

 Marco Bertolaso leitet seit 2007 die Nachrichtenredaktion von Deutschlandfunk/Deutschlandradio

 

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Weitere Debattenbeiträge zum Thema Journalismus in Zeiten der Digitalisierung finden Sie hier:

Algorithmen – Der angenehme Druck im Nachrichtengeschäft. Interview mit Marco Bertolaso, Leiter der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunk

Twitter und Facebook als Komplizen. Wie die Politik den Journalismus umgeht. Aufsatz von Cord Dreyer, Chefredakteur der Nachrichtenagentur dapd

Journalisten sind Scouts im Informationsdschungel. Interview mit Wolfgang Büchner, Chefredakteur der Nachrichtenagentur dpa

Change – Wie Daten den Journalismus verändern. Simon Rogers vom britischen Guardian über Datenjournalismus

Re-Think Journalism! Debattenbeitrag von Tim Grieve, Chefredakteur des US-amerikanischen Onlinenachrichtendienstes Politico Pro

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Weiterführende Beiträge auf Deutschlandfunk:

Die Kommunikation der Zukunft: Serie Sommer 2032 (zum Bericht)

Gemeinsam kostenpflichtig: Polens große Zeitungsverlage wollen im Web Kasse machen (zu Bericht)